Zahl der Coronavirus-Fälle in Italien schnellt nach oben

Es ist der erste große Covid-19-Ausbruch in Europa – und einer, der in seiner Dynamik schwer zu bremsen sein wird. Binnen weniger Tage ist die Zahl in Italien erfasster Infektionen auf weit über 100 geschnellt. Wie in China werden nun Städte abgeriegelt. Der Karneval in Venedig wurde abgesagt.

Hamsterkäufe: In Casalpusterlengo in der Lombardei werden die wartenden Menschen nur in Gruppen von jeweils 40 Personen in den Supermarkt gelassen.
© MIGUEL MEDINA

Rom – Ungeachtet drastischer Maßnahmen zur Eindämmung steigt die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus in Italien unvermindert weiter. Bis zum Sonntagnachmittag waren bereits mehr als 152 Sars-CoV-2-Fälle erfasst. Allein in der Lombardei sind inzwischen rund 110 Infektionen nachgewiesen, wie der Präsident der Region, Attilio Fontana, dem Sender SkyTG24 sagte. In Venetien gab es nach letzten Zahlen 21 Infizierte, andere neun in der Emilia Romagna.

Hinzu kamen mehr als ein Dutzend Nachweise in den Regionen Emilia-Romagna und Piemont. Zahlreiche Veranstaltungen wurden vorsorglich abgesagt, der Karneval in Venedig sollte vorzeitig beendet werden. Die Feste und Umzüge in der Lagunenstadt hätten eigentlich noch bis Dienstag dauern sollen.

Erschreckendes Ausmaß

Das Ausmaß des Ausbruchs in Italien erschreckt. Zum Vergleich: In Deutschland wurden bisher 16 Fälle gemeldet, in Frankreich zwölf. In Österreich ist bisher kein Fall bekannt. Italiens Vize-Gesundheitsminister Pierpaolo Sileri sagte dem Sender SkyTG24, er gehe von weiter steigenden Fallzahlen aus. „Es ist klar, dass wir mehr Fälle haben werden.“ Bis zum Sonntag waren zwei Tote als Covid-19-Opfer erfasst: ein 78-Jähriger in Vo (Venetien) und eine 77-Jährige in der Lombardei.

Die Regierung reagierte mit scharfen Maßnahmen. Um die weitere Ausbreitung im wirtschaftlich wichtigen Norden des Landes zu unterbinden, werden die am stärksten betroffenen Städte abgeriegelt. Betroffen ist die Provinz Lodi (Lombardei) rund 60 Kilometer südöstlich der Metropole Mailand, wo rund 50.000 Menschen leben, sowie die Stadt Vo in der Provinz Padua (Venetien) mit rund 3000 Einwohnern.

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Zunächst sollten Sicherheitskräfte die Regionen abriegeln, erklärte Ministerpräsident Giuseppe Conte. „Wenn nötig, werden es auch die Streitkräfte sein.“ Wer versuche, die Absperrungen zu umgehen, dem drohe „strafrechtliche Verfolgung“. In vielen Städten und Gemeinden wurden Schulen und ein Großteil der Geschäfte vorübergehend geschlossen. Großveranstaltungen wie Gottesdienste, Karnevalsfeste und Sportevents wurden abgesagt.

Notverordnung in Südtirol unterzeichnet

Der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher hat am Sonntagvormittag eine Notverordnung unterschrieben, durch die das Risiko einer Ausbreitung des Coronavirus im Südtirol minimiert werden soll. Demnach bleiben ab morgen, Montag, alle Kleinkindbetreuungseinrichtungen, die Freie Universität Bozen und weitere Bildungseinrichtungen geschlossen.

Von der Schließung betroffen sind sowohl öffentliche als auch private Einrichtungen zur Kleinkindbetreuung. Auch an der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe „Claudiana“ und am Konvervatorium „Monteverdi“ wird der Unterricht ausgesetzt.

Grundlage für die gesetzten Maßnahmen war ein Schreiben des Generaldirektors des Südtiroler Sanitätsbetriebes, Florian Zerzer, vom Samstagabend, in dem er Kompatscher über den aktuellen Stand im Hinblick auf das Coronavirus informierte. In der Notverordnung wird zudem ausgeführt, wie mit Menschen umzugehen ist, die aus Risikozonen kommen oder mit Personen in Kontakt waren, die Symptome der Viruserkrankung zeigen. Ebenso wurde festgelegt, wie vorzugehen ist, wenn jemand Symptome einer Coronaviruserkrankung aufweist.

Menschenleere Straßen auch in Casalpusterlengo. Ein Schild warnt vor der Ausbreitung des Virus.
© MIGUEL MEDINA

Drei Serie-A-Spiele abgesagt

In der Lombardei und in Venetien wurden für Sonntag alle Sportveranstaltungen abgesagt. Davon betroffen sind auch drei Serie-A-Spiele zwischen Inter Mailand und Sampdoria Genua sowie zwischen Hellas Verona und Cagliari Calcio. Auch die Partie Atalanta Bergamo gegen Sassuolo wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Am Nachmittag war bereits das Zweitliga-Spiel zwischen Ascoli Calcio und US Cremonese abgesagt worden.

Armani-Schau nur als Livestream

In Mailand kündigte Modezar Giorgio Armani im Gespräch mit der Agentur Ansa an, dass seine für Sonntag geplante Modeschau vor leeren Rängen abgehalten werde. Die Show als Teil der Modewoche werde lediglich als Livestream zu sehen sein, um die Gefahr einer Ansteclung mit dem Virus zu minimieren.

Samstagfrüh war in Rom ein Armeeflugzeug mit 19 Italienern angekommen, die an Bord des Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess“ in Japan für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt worden waren. Sie werden nun in einem Militärkomplex in Rom unter Quarantäne gestellt. Unter den Passagieren der „Diamond Princess“ hatte es Hunderte Infizierte gegeben, zwei Japaner verstarben.

Der Ausbruch in der Lombardei geht auf einen 38-Jährigen zurück, der am Donnerstag in der Kleinstadt Codogno positiv auf den Erreger getestet wurde.
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Frankreich trifft Vorbereitungen

Angesichts der Lage in Italien bereitet sich Frankreich unterdessen auf eine Ausbreitung des Coronavirus vor. Die Lage im Nachbarland werde „aufmerksam verfolgt“, sagte Gesundheitsminister Olivier Véran im Gespräch mit dem Le Parisien (Sonntag). „Eine Epidemie? Wir bereiten uns darauf vor“, wurde der Minister zitiert.

Auch auf der koreanischen Halbinsel spitzt sich die Lage zu: Wie die Gesundheitsbehörden am Samstag mitteilten, wurden in Südkorea binnen eines Tages 229 weitere Ansteckungen mit Sars-CoV-2 nachgewiesen. Damit stieg die Zahl erfasster Fälle auf 433. In keinem anderen Land außerhalb Chinas, wo Covid-19 im Dezember ausgebrochen war, wurden bisher mehr Infektionen gemeldet.

In China sind erneut fast 100 Menschen dem neuartigen Coronavirus zum Opfer gefallen. Die Pekinger Gesundheitskommission meldete am Sonntag 97 weitere Tote, womit die Gesamtzahl der Opfer seit Ausbruch der Covid-19 genannten Krankheit in China auf 2.442 gestiegen ist. Die Zahl neu bestätigter Infektionen kletterte um 648 auf 76.936. Außerhalb des chinesischen Festlands sind im Rest der Welt bisher mehr als 1.500 Infektionen und 19 Todesfälle bekannt. (TT.com, APA/dpa)


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