Coronavirus-Verdacht legte Bahn am Brenner vier Stunden lahm

Sonntagabend war für die Reisenden im Eurocity 86 von Venedig nach München am Brenner Endstation: Zwei Coronavirus-Verdachtsfälle befanden sich im Zug. Der Bahnverkehr stand daraufhin einige Stunden still, 500 Passagiere saßen fest.

Der aus Furcht vor dem Coronavirus am Brenner gestoppte Zug ist mit mehrstündiger Verspätung am frühen Montagmorgen in München angekommen.
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Innsbruck – Zwei Fahrgäste mit Husten und Fieber in einem Zug von Venedig nach München haben den Zugverkehr am Brenner für vier Stunden zum Stillstand gebracht. Die italienische Bahn meldete den Corona-Verdachtsfall den ÖBB. Diese schalteten das österreichische Innenministerium ein – und der zuständige Bezirkshauptmann aus dem Bezirk Innsbruck-Land stoppte daraufhin den Zug per Bescheid.

Die beiden Fahrgäste hatten den Zug bereits in Verona verlassen und wurden dort negativ auf den SARS-CoV-2 Virus getestet. Bis aber das Innenministerium Entwarnung gab, saßen 500 Passagiere aus zwei Zügen am späten Sonntagabend auf dem italienischen Grenzbahnhof am Brenner fest. Um 23.30 ging die Reise weiter. Bei allen Passagieren, die in Österreich aussteigen, sollten Identitätsfeststellungen vorgenommen werden, so das Innenministerium. In München durften die Passagiere bei der Ankunft hingegen unkontrolliert den Bahnhof verlassen.

Der Eurocity 86 war am Sonntagnachmittag in Venedig abgefahren und hatte in Verona gehalten, nachdem zwei deutsche Fahrgäste mit Fiebersymptomen und schwerem Husten aufgefallen waren. Schließlich war der Zug am Brenner gestrandet.
© Elisa Mair

Betroffen waren am Sonntagabend laut ÖBB die Züge EC86, EC1288, den REX1828 sowie den Express Nizza-Moskau D408. „Die für solche Situationen vorgesehene Prozess- und Einsatzkette ist voll angelaufen", teilten die ÖBB mit. „Wir stehen mit den zuständigen Behörden in Kontakt und warten die weiteren Schritte und Anweisungen ab".

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Anschober in ZiB2: „Es braucht derzeit keine Grenzkontrollen“

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) meinte in der ORF-Sendung "Zeit im Bild 2" Grenzkontrollen gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus seien "derzeit nicht erforderlich. Aber wir sind sehr, sehr in Sorge, wir sind vorsichtig und aufmerksam und werden morgen den Sachverhalt noch einmal mit allen Experten überprüfen", verwies er auf den für Montag angesetzten Einsatzstab.

Man könne derzeit nicht prognostizieren, wie sich die Lage bei der vom Virus SARS-CoV-2 ausgelösten Epidemie entwickeln werde, in etwa drei Wochen werde man womöglich wissen, ob es zu einer globalen Ausbreitung kommt. "Die Gesundheitsbehörden tun alles, damit das nicht der Fall ist", betonte Anschober. Er verwies auf den "hervorragend" aufgestellten österreichischen Gesundheitsbereich und die gute internationale Vernetzung der Behörden. Sollte es bei Verdachtsfällen Spuren nach Österreich geben, werde dies umgehend gemeldet und untersucht.

Auch Regionalzug stand still

Von der vorübergehenden Bahnsperre am Brenner war auch der Regionalverkehr betroffen. Züge zwischen Innsbruck und Brenner blieben eine Station vorher in Steinach stehen und kehrten um. Als der Eurocity 86 stehenblieb, wurde zeitgleich auch ein Regionalzug am Brenner angehalten. Dieser stand anschließend eine Stunde lang still. „Die Türen waren abgesperrt, niemand durfte raus oder rein“, schilderte die Südtirolerin Elisa Mair im Gespräch mit der TT. „Wir sind ein paar Meter gefahren und dann plötzlich stehengeblieben. Irgendwann sind dann zwei Menschen mit Mundschutz in den Eurocity gestiegen.“ Die Fahrt nach Innsbruck durfte sie nicht fortsetzen, alle Fahrgäste mussten den Regionalzug verlassen.

Unmut bei Italiens Behörden

Der Beschluss Österreichs, die Züge zu stoppen, löste am Sonntag Unmut unter den italienischen Behörden aus. Es gebe keinen Grund dafür, da kein Coronavirus-Verdachtsfall an Bord bestätigt worden sei, hieß es. Die beiden deutschen Passagierinnen mit Fiebersymptomen liegen im Krankenhaus von Verona, es gebe jedoch keine Hinweise einer Coronavirus-Erkrankung.

Viele Italiener versuchen, sich mit Schutzmasken vor einer Ansteckung zu schützen.
© AFP/Medina

Unterdessen wurden am Sonntag erstmals auch bestätigte Coronavirus-Fälle im Trentino, der italienischen Provinz südlich von Südtirol gemeldet. Dabei handelt es sich um drei Touristen aus der Lombardei. Die Familie, die aus der lombardischen Provinz Cremona stammt, befindet sich in einem Krankenhaus in Bergamo.

Ungeachtet der Probleme im Zugverkehr stand das öffentliche Leben in vielen Gegenden in Norditalien wegen des Coronavirus-Ausbruchs praktisch still. Die Zahl der Infizierten lag am Sonntagabend bei mehr als 150, damit ist Italien das Land mit der höchsten Zahl an bestätigten Erkrankten in Europa. Die meisten kamen aus der Lombardei, wo zehn Gemeinden in der Provinz Lodi zu Sperrzonen erklärt wurden. Sie liegen in der Nähe von Mailand, der zweitgrößten Stadt Italiens und dem Finanzzentrum des Landes. In Venetien wurde die Gemeinde Vo abgeriegelt. Schulen, Universitäten und Museen bleiben geschlossen. Auch der Karneval von Venedig, der bis Dienstag gehen sollte, wurde vorzeitig beendet. Drei infizierte Menschen kamen bisher in Italien ums Leben.

Hamsterkäufe in Supermärkten

Unter den Menschen ging die Angst um. Medien zeigten Fotos von Supermärkten in Mailand mit leer geräumten Regalen und langen Schlangen an den Kassen.

In den Supermärkten kam es zu regelrechten Hamsterkäufen.
© AFP/Medina

Zahlreiche Sehenswürdigkeiten bleiben zu. Der Mailänder Dom sollte zum Beispiel als Vorsichtsmaßnahme für Touristen bis mindestens Dienstag geschlossen bleiben. In Kirchen in der Lombardei und in Venetien fielen Gottesdienste aus. Auch die Hafenstadt Triest beschloss am Sonntagabend eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen.

Öffentliche Verkehrsmittel wurden eigens desinfiziert. Der Ausbruch traf auch die Mailänder Modewelt. Das Modehaus Giorgio Armani habe entschieden, die Büros und die Produktionsstätten an mehreren Standorten sieben Tage zu schließen, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Die Armani-Show auf der Mailänder Modewoche war ausschließlich online zu sehen. Die Modekammer gab bekannt, dass auch die beiden letzten, für den Montag angesetzten Shows der Fashion Week ausschließlich im Stream zu sehen sein sollen. (TT.com, APA)


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