72-Jähriger gilt als Zeuge: Vater des Hanau-Verdächtigen in Psychiatrie

Einen Schock erleidet der Vater des mutmaßlichen Attentäters von Hanau – der 72 Jahre alte Mann wird in eine Psychiatrie nach Gießen gebracht und dort behandelt. Ermittler setzen ihre Befragung des Zeugen jedoch fort.

Einer der Tatorte in Hanau.
© Andreas Arnold

Hanau – Der Vater des mutmaßlichen Attentäters von Hanau wird laut einem Medienbericht in einer Psychiatrie behandelt. Nach RTL-Informationen wurde der 72-Jährige in eine Psychiatrie nach Gießen gebracht, wo er wegen eines Schocks behandelt wird. Er wird demnach auch erneut von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) befragt. Demnach gilt der Pensionist jedoch weiterhin nicht als Beschuldigter, sondern als Zeuge.

Sein Sohn, der 43 Jahre alte Tobias R., hatte am Mittwochabend im hessischen Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Er tötete wohl auch seine 72 Jahre alte Mutter und dann sich selbst. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der mutmaßliche Täter eine rassistische Gesinnung und war psychisch krank.

Eigensinnig bis aggressiv

Auch der Vater des mutmaßlichen Täters war den Behörden bereits vor der Tat aufgefallen, etwa durch Beschwerdeschreiben. Er war in der Tatnacht in der Wohnung bei Tobias R. angetroffen worden. Der Vater galt in der Gegend als schwierig. Er sei oft mürrisch gewesen, insbesondere gegenüber neu Zugezogenen. Er habe sich beklagt, wenn Menschen in der Nähe seines Hauses eingezogen seien, die er für Ausländer gehalten habe, hatte der Spiegel Nachbarn von Tobias R. zitiert.

Den Vater des Attentäters beschreibt auch eine Familienfreundin als „eigensinnig". Er sei in der Siedlung negativ aufgefallen, seine drei alten Autos hätten regelmäßig die Straßen blockiert, zitierte der Stern die Frau, die mit Familie R. in derselben Hanauer Siedlung wohnte und die Leute regelmäßig besuchte. Demnach sei sein aggressives Verhalten in der Nachbarschaft gefürchtet gewesen. So soll der Mann Mülltonnen umgeworfen und den Unrat auf den Parkplätzen der Nachbarn verteilt haben.

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BKA stellt Hinweisportal online

Unterdessen hat das BKA ein Hinweisportal online gestellt. Um das Tatgeschehen lückenlos aufzuklären, wurden Zeugen gebeten, Videos und Fotos auf dem Portal hochzuladen. Außerdem könnten telefonisch Hinweise unter einer kostenlosen Rufnummer gegeben werden, teilte die Behörde auf ihrer Internetseite mit.

Der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky rief am Sonntag zu Besonnenheit im Umgang mit Internet-Quellen zum Anschlag in Hanau auf. Der Ursprung von Spekulationen sei kritisch zu hinterfragen, hieß es in einer Mitteilung. Kaminsky warnte unter anderem vor per Video verbreiteten Verschwörungstheorien. Er kritisierte auch „Falschinformationen auf der Basis purer Vermutungen und aus dem Zusammenhang gerissene Sprach-, Text- oder Videonachrichten".

Erste Opfer werden beigesetzt, große Trauerfeier im März

Im Laufe des Montages werden die ersten Opfer des Hanauer Anschlags bestattet. Eine Getötete wird am Mittag in Offenbach beigesetzt, die 35-Jährige hinterlässt zwei Kinder. Sie wurde im Kiosk neben einer der angegriffenen Shisha-Bars erschossen.

Im RTL-Interview erzählte der Vater der Toten, seine Tochter sei in dem Laden, in dem sie sonst auch arbeitet, gewesen, um Pizza zu holen. „Mein Kind wurde hier umgebracht, sie war erst 35 Jahre alt." Die Frau stammte aus einer Roma-Familie und wohnte nur wenige Hundert Meter vom Anschlagsort entfernt. Die Angehörigen hatten ein Video veröffentlicht, in dem die getötete Frau zu sehen ist. Die Welt solle ihre tote Tochter sehen. Man habe sich hier sicher gefühlt. Der Tod seiner Tochter sei nicht wieder gutzumachen, sagte der Vater. „Wir begreifen das nicht."

Ein junger Mann wird am Nachmittag in Hanau nach muslimischem Ritus beigesetzt. Der 22-Jährige hatte gerade seine Ausbildung abgeschlossen. Die zentrale Trauerfeier für die Opfer des Anschlags in Hanau wird wohl erst im März stattfinden. Zunächst werde abgewartet, bis das letzte Opfer beigesetzt oder übergeführt sei, sagte eine Sprecherin der Stadt. Die große Trauerfeier wird demnach in Abstimmung mit den Angehörigen sowie den Bundes- und Landesbehörden vorbereitet. Einen Termin gebe es noch nicht, so die Sprecherin. Aber in dieser Woche werde die Veranstaltung sicher nicht stattfinden. (dpa)


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