Noch 1000 Tage bis Katar: Die Weltmeisterschaft der Zweifel

In 1000 Tagen wird die WM in Katar angepfiffen. Das Weltereignis wird seit der Vergabe im Jahr 2010 von Kontroversen begleitet. Die Verantwortlichen aber sind schon jetzt mehr als zufrieden.

Der WM-Macher Hassan Al Thawadi im Khalifa International Stadium.
© Roland Krivec/DeFodi.de

Von Jan Mies und Jan Kuhlmann, dpa

Innsbruck – Große Namen wirken. Im schicken grauen Anzug grinst David Beckham in die Kamera, der frühere englische Weltstar präsentiert stolz das rote Trikot mit dem Schriftzug „See you in 2022“, also „Wir sehen uns 2022“. Hassan Al-Thawadi, der Organisationschef der von heftigen Kontroversen begleiteten Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, steht lächelnd daneben. Was Beckham gut findet, kann doch nicht schlecht sein.

Zumindest geben sich die Gastgeber und auch der Weltverband FIFA seit der skandalumwitterten Vergabe der Endrunde an das kleine Emirat, das bis dahin noch nie durch große Fußballbegeisterung aufgefallen ist, seit Jahren große Mühe, das Weltereignis mit glänzenden Bildern, starken Schlagzeilen und eben großen Namen zu bewerben. Am kommenden Dienstag (25. Februar) sind es noch 1000 Tage bis zum Anpfiff am 21. November 2022.

Reformen kein Schutz vor Missbrauch und Ausbeutung

„Ich war schon oft hier und sehe die Veränderung, die Entwicklung“, sagte Beckham bei seinem Besuch in Katar kurz vor dem Jahreswechsel. Der 44-Jährige preist das „familiäres Umfeld“ an. „Ich denke, das ist etwas, was man als Spieler und Fan bei einer WM wirklich möchte.“ Das Turnier werde „ziemlich unglaublich“. Der Internet-Werbetext der FIFA erinnert ein wenig an die Worte von Franz Beckenbauer, der einst angab, bei seinen Besuchen in Katar „nicht einen einzigen Sklaven“ gesehen zu haben.

Kurz vor Jahreswechsel machte David Beckham dem Emirat bei der Club-WM seine Aufwartung und lobte den WM-Ausrichter in höchsten Tönen.
© imago

Dabei beherrschten die Todesfälle und die teils unmenschlichen Bedingungen für die Gastarbeiter auf den Baustellen über Monate die Berichte über die beginnende WM-Vorbereitung. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und internationale Gewerkschaftsbünde kritisierten die Zustände lautstark, jede Schocknachricht von Unfällen aus dem Emirat rief weltweit Politiker auf den Plan, den eine Neu-Vergabe forderten.

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Die Organisatoren verwiesen immer wieder darauf, die Dinge verbessern zu wollen, gerade mit der vielzitierten Kraft des Fußballs. Seitdem wurden tatsächlich zahlreiche Reformen angekündigt und verabschiedet, die sich gut lesen. Das ausbeuterische Kafala-Systems soll inzwischen Geschichte sein. „Die schwache Umsetzung früherer Reformen“ hat dem aktuellen Amnesty-Jahresbericht zufolge jedoch in der Praxis dazu geführt, dass Migranten 2019 „nicht vor Missbrauch und Ausbeutung geschützt waren“.

Auch der Weltverband mahnte immer wieder – und scheint jetzt zufrieden. „Ich organisiere seit 20 Jahren große Fußballturniere“, sagte FIFA-Präsident Gianni Infantino beim Testlauf im Rahmen der Club-WM Ende 2019. „Und ich muss sagen, dass die Fortschritte der Arbeiten in Katar beispiellos sind.“ Schon zwei Jahre vor dem Anpfiff werde alles bereit sein. Infantino ist sich sicher, „dass es ein fantastisches Ereignis wird, und ich glaube, dass eine WM in Katar, im Nahen Osten, das Potenzial dazu hat, die Wahrnehmung des Rest der Welt gegenüber der Region zu verändern“.

Alkohol zumindest in den Fanzonen

Organisatorisch dürfen sich die Tausenden Fans, die schon jetzt die Reise an den Persischen Golf planen, tatsächlich auf eine herausragende WM einstellen. Das Emirat hat Milliardenbeträge in die Aufrüstung für 2022 investiert. Die bereits fertiggestellten der acht Stadien sind hochmodern und innerhalb kürzester Zeit mit dem Nahverkehr zu erreichen. Wer will und Karten bekommt, kann sich problemlos mehrere WM-Spiele an einem Tag anschauen.

Zumindest bei der Club-WM wurde in dem islamisch-konservativen Land auch Alkohol ausgeschenkt, allerdings nur in den Fanzonen, nicht in den Stadien. Der Verkauf alkoholischer Getränke ist in Katar nicht grundsätzlich verboten, aber streng reglementiert. In anderen gesellschaftlichen Bereichen wie etwa der Gleichberechtigung von Frauen ist das Emirat höchst rückständig. „Die Gesetze diskriminieren weiterhin LGBTI-Personen“, schreibt zudem Amnesty. LGBTI ist die englische Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell und intersexuell. Das passt kaum zum angeblich weltoffenen Fußball, der Brücken bauen soll.

Seit der Vergabe der WM 2022 an Katar im Jahr 2010 unter dem damaligen FIFA-Präsidenten Joseph Blatter sind die kritischen Stimmen kaum leiser geworden.
© imago sportfotodienst

Die Vergabe der WM 2022 zusammen mit der Endrunde 2018 an Russland gilt heute auch unabhängig davon als Skandal. Von den Mitgliedern des damaligen FIFA-Exekutivkomitees sind über die Jahre etliche angeklagt und verurteilt worden. Es schien die Hochzeit des Selbstbedienungsladens der FIFA unter Joseph S. Blatter, der nicht für Katar gewesen sein soll. Das Emirat war mit der schlechtesten technischen Bewertung ins Rennen gegangen. Franz Beckenbauer, damals für den DFB dabei, hat nie veröffentlicht, wem er seine Stimme geschenkt hat.

Geplant war damals noch, die WM wie immer in den Sommermonaten auszutragen. Erst nach etlichen Diskussionen verlegte die FIFA das Turnier – zum Wohle der Fans. Das Wetter bietet nun optimale Voraussetzungen: Im November und Dezember – das Finale steigt am 18. Dezember – herrschen in dem Wüstenemirat angenehme Temperaturen. In Österreich fallen die Partien mitten in die besinnliche Vorweihnachtszeit.

Neue Party-Kultur in Doha?

Vor Ort wird entscheidend sein, wie sich die Stimmung der angereisten Fans entwickelt. Fröhliche Partys auf der Straße mit lauten Fangesängen sind dem Land fremd, bei Spielen der heimischen Liga herrscht eher zurückhaltende Stimmung.

Bei der Club-WM verwandelten die Anhänger des brasilianischen Teams Flamengo zwar die nagelneue U-Bahn in einer Feierzone, freundlich beobachtet von Katarern. Letztlich aber dürften die Feiern auf wenige Ort begrenzt bleiben, schon allein weil Doha eine Stadt ist, die komplett auf den Autoverkehr ausgerichtet ist. Belebte Straßen und Plätze gibt es nur wenige, etwa den Suk Wakif, den alten Basar mit engen Gassen, Geschäften und Restaurants.


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