Quarantäne-Gebiet in Italien: „Rote Zone“ mit Schlupflöchern

Zehntausende Menschen stehen in Norditalien unter Quarantäne, niemand darf die „Rot Zone“ verlassen – theoretisch. Denn die Abriegelung der elf Gemeinden wird nicht strikt gehandhabt.

Eigentlich dürfen nur Menschen mit Sondergenehmigungen die „Rote Zone“ betreten oder verlassen. Die Praxis sieht jedoch anders aus.
© MIGUEL MEDINA

Von Cecile Feuillatreo, AFP

Casalpusterlengo – Der Soldat an der Straßensperre trägt keinen Mundschutz. Nähert er sich einem Autofahrer, zieht er seinen Schal über die Nase. Die Situation ist für ihn und die Menschen in der Lombardei neu. Seit Sonntag sind mehrere Dörfer und Städte in der norditalienischen Region abgeriegelt, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu stoppen.

Zwei Zollfahrzeuge auf einem Kreisverkehr blockieren die Zufahrt nach Casalpusterlengo – eine der elf betroffenen Städte. Jenseits des Kreisverkehrs beginnt die sogenannte „Rote Zone“. Zehntausende Bewohner stehen dort unter Quarantäne, niemand darf das Gebiet verlassen – theoretisch.

„Die sind nur durchgefahren“

Manche Autos, auch einige Radfahrer, lässt der Soldat dennoch passieren. „Die wohnen nicht in der Zone, sie sind nur durchgefahren“, erklärt er und räumt ein, dass die Abriegelung noch neu und nicht immer ganz strikt sei.

Warten an der Grenze der „Roten Zone“.
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Offiziell dürfen nur Transporter mit Lebensmitteln und Medikamenten, medizinisches Personal, die Polizei und Menschen mit Sondergenehmigungen die „Rote Zone“ betreten. Viele Autos und Lastwagen werden zurückgeschickt, die meisten Fahrer bleiben ruhig. „Wo soll ich denn hin? Was soll ich denn machen?“, fragt einer jedoch verzweifelt.

„Im Allgemeinen ist die Bevölkerung sehr kooperativ“, sagt der Soldat. Auch von Panik ist nichts zu spüren. Was würde Angst schon bringen, meint Gianluca Bragalini und lächelt. Er arbeitet bei einem Wasserversorger und ist zusammen mit Kollegen auf dem Weg ins die „Rote Zone“. „Wir müssen sicherstellen, dass die öffentlichen Dienstleistungen funktionieren. Stellen Sie sich vor, das Trinkwasser würde knapp!“

Angela Grechi kommt zu Fuß an die Straßensperre. Sie macht sich Sorgen um 80 Katzen in der Gemeinde Somaglia, um die sich ihr Tierschutzverein kümmert. „Ich hatte gehofft, das Katzenfutter hier am Kreisverkehr unserem Mann vor Ort übergeben zu können. Aber man braucht die Erlaubnis der Präfektur“, sagt sie seufzend. „Ich weiß, es scheint lächerlich, sich um Katzen zu sorgen“, sagt Grechi und kehrt wieder um.

Elf Orte mit mehr als 50.000 Einwohnern stehen seit Sonntag unter Quarantäne. Italien ist das erste europäische Land, das derart drastische Maßnahmen ergreift, um die Coronavirus-Epidemie einzudämmen. Mehr als 200 Menschen in Norditalien haben sich mit dem Erreger der Lungenkrankheit Covid-19 infiziert, sieben Infizierte starben seit Freitag. In der ganzen Lombardei bleiben die Schulen eine Woche lang geschlossen und alle Sport- und Kulturveranstaltungen wurden abgesagt.

„Es gibt keine Panikmache“

Einige Kilometer von Casalpusterlengo entfernt ist die Straße ebenfalls an einem Kreisverkehr abgeriegelt. Auch hier bleibt es ruhig, bis ein Krankenwagen in rasender Geschwindigkeit ins Sperrgebiet fährt. Der Fahrer trägt einen Schutzoverall, das gesamte Gesicht verschwindet hinter einer Maske.

„Solange sie auf der Kreisstraße bleiben, ist es in Ordnung“, sagen die Polizisten.
© MIGUEL MEDINA

Ein Mann spaziert mit seiner Frau und dem Baby im Kinderwagen aus der „Roten Zone“ zur Straßensperre. „Wir sind vorsichtig und halten uns von anderen Leuten fern“, sagt der 32 Jahre alte Tischler.

Aus dem Quarantänegebiet berichtet er: „Es ist ruhig dort, es gibt keine Panikmache.“ Es sei aber „eine seltsame, absurde Situation“. Die Sorge des Tischlers gilt dem Familienunternehmen. „Ich bin gekommen, um die Carabinieri zu fragen, ob man innerhalb der Quarantänezone von einer Stadt zur anderen fahren darf“, sagt er. Eine klare Antwort bekommt er nicht.

In der Zwischenzeit lassen Polizisten mehrere Autos in die Zone einfahren. Warum, ist nicht ersichtlich. „Solange sie auf der Kreisstraße bleiben, ist es in Ordnung. Sie dürfen nicht die Nebenstraßen nehmen und in die Dörfer gehen“, sagt ein Beamter. Und wie wird das überprüft? Der Uniformierte antwortet nur mit einem Schulterzucken.


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