Coronavirus: Italiens Wirtschaftsmotor steht still

Venetien und die Lombardei gelten als Wirtschaftsmotor Italiens. Zusammen bilden die beiden Regionen ein Drittel der Wirtschaftskraft des Landes. Stehen sie still, hat das einen Effekt auf das ganze Land. Weltweit sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie bereits spürbar. Europas Börsen rutschen wegen Coronavirus-Ausbreitung merklich ab.

Allein die großen Reedereien Cosco und Maersk haben in den vergangenen vier Wochen jeweils 70 Containerschiffe nicht auslaufen lassen. (Symbolfoto)
© Reuters

Berlin - Mailand ist stolz auf seinen Status als Italiens Wirtschafts- und Modemetropole. Doch die Krise um den Ausbruch des Coronavirus in der Region Lombardei bremst nicht nur die Regionalhauptstadt aus, sondern könnte die gesamte Wirtschaft des Landes anstecken.

Und um die ist es sowieso seit Jahren nicht gut bestellt. Im letzten Quartal 2019 sank das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent - der größte Rückgang im Vergleich zum Vorquartal seit fast sieben Jahren.

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"Uns geht es sowieso schon nicht sehr gut, und wir riskieren nun ernsthaft eine Rezession", sagte der Ökonom Andrea Giuricin von der Mailänder Bicocca-Universität. Die Behörden kämpfen mit drastischen Maßnahmen gegen eine Ausbreitung des Virus. Mehrere Gemeinden in der Provinz Lodi rund 60 Kilometer von Mailand entfernt wurden isoliert.

Auch Mailand mit seinen rund 1,3 Millionen Einwohnern ist lahmgelegt. "Die Stadt, die nie still steht, steht nun still", sagte der Wirtschaftsprofessor Francesco Daveri von der Bocconi-Universität. Viele Geschäfte haben geschlossen, viele Unternehmen haben ihren Mitarbeitern die Arbeit daheim verordnet. Schulen und Universitäten sind zu, Fußballspiele wurden abgesagt.

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Die Deutsche Post DHL setzte die Zustellung von Paketen in den besonders betroffenen Regionen aus. Der Dienstleister transportiert in Italien wie in vielen anderen Staaten Pakete von und zu Kunden. Unternehmen wie die Supermarktkette Lidl sagten Dienstreisen von und nach Italien ab. Auch die Deutsche Bank rät von Reisen in die betroffenen Gebiete ab.

Drakonische Vorkehrungen gelten derzeit auch in der Region Venetien um Venedig herum, die wie die Lombardei als Wirtschaftsmotor des Landes gilt. Zusammen bilden die beiden Regionen ein Drittel der Wirtschaftskraft des Landes. Stehen sie still, hat das einen Effekt auf das ganze Land.

Tourismus als erstes "Opfer"

Absehbar ist schon jetzt, dass der Tourismus schwer leiden wird. Viele Leute schrecken davor zurück, eine Reise nach Italien zu buchen. Hoteliers klagen über Einbußen. Mehrere Länder warnen vor Reisen nach Italien. Einige Fluggesellschaften setzten schon Verbindungen nach Mailand aus. Auch die Luxus- und die Unterhaltungsbranche leiden. Kinos und Theater sind zu. Modeunternehmen wie Gucci, Prada oder Versace bangten schon vor dem Ausbruch in Italien um zahlungskräftige Kunden aus China.

Anders als in China gab es bisher aber keine Werkschließungen im großen Stil. Die Nachfrage nach nicht unmittelbar notwendigen Waren könnte einbrechen. "Wer sich einen schönen neuen Pullover oder ein Kleid oder auch ein neues Auto kaufen will, wird es vielleicht nicht unbedingt jetzt tun", sagte Wirtschaftsprofessor Daveri.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hatte sich bereits am Dienstag besorgt gezeigt. "Die rasche Ausbreitung des Virus insbesondere im Norden trifft das Wirtschaftszentrum Italiens und sorgt aktuell für zusätzliche Verunsicherung der deutschen Exportwirtschaft", sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Das Handelsvolumen Deutschlands mit der Lombardei sei fast so groß wie jenes mit Japan.

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Europäische Handelskammer fürchtet "krasse" Folgen

Der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke, hält die wirtschaftlichen Folgen durch den neuartigen Coronavirus für "weit krasser als die meisten vermuten". "Mich erreichen Hilfeschreie aus allen Ecken", sagte Wuttke der Zeitung Die Welt am Mittwoch. Viele in China tätige mittelständische Unternehmen trieben bereits auf den Bankrott zu.

Zahlreiche dieser Firmen hätten seit Wochen keine Einnahmen mehr. "Für große Konzerne ist das meist kein Problem", so Wuttke. "Aber viele Mittelständler kommen schon jetzt in die Bredouille."

Bisher unterschätzt werden demnach auch die Folgen für die Versorgung in Deutschland. Allein die großen Reedereien Cosco und Maersk hätten in den vergangenen vier Wochen jeweils 70 Containerschiffe nicht auslaufen lassen. Da die Schiffe sechs Wochen unterwegs seien, kämen derzeit zwar immer noch Schiffe aus China an, "schon bald werden aber sehr viel weniger ankommen, dann werden in Europa etliche Produkte knapp werden", sagte der Handelskammer-Chef.

Nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) rechnen mehrere Branchen in den kommenden Wochen mit Engpässen bei Lieferungen aus Fernost, unter anderem Elektro, Automobil, Pharma und Papier.

Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, forderte vor diesem Hintergrund ein generelles Umdenken. Die Manager müssten umdenken und die Wertschöpfungsketten wieder verkürzen, damit diese robuster würden, sagte Felbermayr am Mittwoch im Deutschlandfunk. Produktionen müssten wieder nach Europa zurückverlagert werden.

Wirtschaft in Nachbarländern Chinas gebremst

Besonders hart dürfte die Krise Chinas Nachbarländer treffen. Ökonomen erwarten eine deutliche Konjunkturabschwächung infolge der Ausbreitung des Coronavirus. Nach der am Mittwoch veröffentlichten Erhebung unter 77 Experten wird die Epidemie die Wirtschaft in asiatischen Ländern im ersten Quartal des Jahres spürbar bremsen oder sogar zum Schrumpfen bringen.

Die Experten sagen voraus, dass Australien, Südkorea, Taiwan, Singapur und Thailand auf die schlechteste Wirtschaftsentwicklung seit Jahren zusteuern. Demnach wird nur die indonesische Wirtschaft die Ansteckungswelle relativ unbeschadet überstehen.

Die Ausgangssituation habe sich verändert, sagte Michael Every, Analyst der Rabobank für den asiatisch-pazifischen Raum. Zunächst sei man davon ausgegangen, dass nur China betroffen sei. Nun allerdings nehme die Zahl der Neuinfektionen in den aufstrebenden Nachbarländern zu. "Die Auswirkungen werden wahrscheinlich mehr der globalen Finanzkrise in den Jahren 2008 bis 2009 gleichen als den Auswirkungen der SARS-Epidemie 2003", sagte Every.

Coronavirus und die Börsen

Die europäischen Leitbörsen haben sich am Mittwochvormittag erneut tiefrot präsentiert. Die weitere Ausbreitung des Coronavirus auf neue Länder drückt erneut merklich auf die Aktienkurs. Die Angst vor einer globalen Ausbreitung der neuartigen Lungenkrankheit mit massiven Folgen für die Weltwirtschaft lässt die Börsen in der aktuellen Handelswoche regelrecht einbrechen.

Der Euro-Stoxx-50 stand gegen 10.15 Uhr mit minus 2,40 Prozent oder 85,70 Punkte bei 3.486,81 Einheiten und steht damit bereits bei einem beachtlichen Verlust von mehr als acht Prozent seit dem Wochenauftakt. Der DAX in Frankfurt fiel zur Wochenmitte um 2,27 Prozent auf 12.499,64 Punkte. In London zeigte sich der FT-SE-100 mit minus 1,48 Prozent auf 6.913,90 Punkte.

Am Vormittag standen in Europa Aktien aus allen Branchen unter Verkaufsdruck. Im Euro-Stoxx-50 rutschte die Nokia-Aktie mit einem Abschlag von 3,89 Prozent ans untere Ende der Kursliste. Airbus büßten 3,8 Prozent ein. Verluste von mehr als drei Prozent mussten die Aktionäre von ASML, SAP, Schneider Electric, Fresenius, Adidas, Linde, Amadeus IT, Essilorluxottica, Safran, Philips und Inditex verbuchen.

© APA-Grafik

US-Notenbanker: Zinssenkung bis dato nicht notwendig

An den US-Börsen hatte sich am Dienstag die Talfahrt weiter fortgesetzt. Die Sorgen über die Ausbreitung des Coronavirus und die Folgen für die Weltwirtschaft verunsichern die Anleger immer stärker. Bereits am Vortag hatte es daher international heftige Verwerfungen an den Börsen gegeben. Der US-Leitindex Dow Jones Industrial hatte mehr als 1000 Punkte verloren.

Der Präsident der US-Notenbank (Federal Reserve/Fed) in Dallas, Robert Kaplan, sieht nach Angaben des Wall Street Journal allerdings noch keine Notwendigkeit, auf die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des Virus mit kurzfristigen Zinssenkungen zu reagieren.

Kaplan sagte, wenn es um die Zinspolitik der Zentralbanken und das Coronavirus gehe, "ist es zu früh, um ein Urteil darüber zu fällen, in welchem Verhältnis es zur Geldpolitik stehen könnte", so der Bericht. Die Fed werde in den kommenden Wochen weiter die Lage beobachten, und entscheiden, ob eine Kursänderung erforderlich sei. (TT.com, APA, AFP).


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