Eskalation mit Ansage: Die Türkei und ihr Kampf ums syrische Idlib

Es war eine bittere Nacht für die Türkei: Mindestens 33 ihrer Soldaten sterben bei Luftangriffen in Nordsyrien. Ankara setzt auf Vergeltung, doch Erdogans Lage scheint ausweglos. Soll und kann jetzt die NATO helfen?

Erdogans Lage scheint ausweglos.
© Rinke/Reuters Andreas

Von Claudia Thaler, Mirjam Schmitt, Simon Kremer und Michel Winde, dpa

Ankara – Die Türkei steht unter Schock. Als die TV-Moderatorin am Donnerstagabend die Zahlen der getöteten türkischen Soldaten in Syrien durchgibt, zittert ihre Stimme leicht: Erst neun, dann 22 - am Ende sind es 33 Soldaten, die bei Luftangriffen in der syrischen Provinz Idlib getötet wurden. Der renommierte Fernseh- und Musikpreis „Altin Kelebek“ wurde für Freitag abgesagt.

Die Türkei, die im Bürgerkrieg islamistische Rebellen unterstützt, macht die syrische Regierung für die Angriffe verantwortlich. Seit Wochen spitzt sich die Lage in der syrischen Rebellenhochburg Idlib zu. Truppen des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad rücken mit Unterstützung Russlands immer weiter vor – unbeeindruckt vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der immer wieder mit einer Militäroffensive droht. Der Konflikt zwischen der Türkei und Assad mit seiner Schutzmacht Russland könnte vollends eskalieren.

Von der Türkei unterstützte syrische Kämpfer in der Provinz Idlib.
© ABDULWAJED HAJ ESTEIFI

Wie wird die Türkei nun reagieren?

Auf „gleiche Weise“ wolle die Türkei es der syrischen Regierung heimzahlen, hatte der türkische Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun noch in der Nacht erklärt. Die Türkei übte Vergeltung. Dass es zu einem massiven Einmarsch türkischer Truppen kommt, halten Experten aber erst mal für unwahrscheinlich. Die Türkei wolle den Gesprächsfaden mit Kremlchef Wladimir Putin nicht abreißen lassen, sagt Günter Seufert, Leiter des Centrums für angewandte Türkeistudien (CATS) in Berlin. „Man hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben.“ Die Türkei werde voraussichtlich weiter auf verbündete Milizen vor Ort setzen und hoffen, dass Russland gesprächsbereit sei. Am Freitag telefonierte Erdogan dann auch mit Putin und lotete ein Treffen aus.

Russland habe am Donnerstagabend deutlich gemacht, dass der Luftraum in Syrien ihnen gehöre, sagt Seufert. Erdogan habe einsehen müssen, dass seine Politik der maximalen Austestung von Grenzen mit Russland nicht funktioniere. „Ich denke, er hat sich in eine ausweglose Situation manövriert.“

Droht der NATO nun ein Bündnisfall?

Für den Fall eines Angriffs haben sich die NATO-Staaten zu gegenseitigem Beistand verpflichtet. Seit der NATO-Gründung 1949 ist das erst einmal passiert - nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf die USA. Im Falle des Syrien-Krieges ist derzeit unwahrscheinlich, dass die Türkei einen solchen Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags auslöst. Die Bereitschaft der 28 anderen NATO-Staaten, dem zuzustimmen, wäre wohl sehr gering. Zumal die Türkei in den vergangenen Jahren kein einfacher Partner war. Käme es doch zum Bündnisfall, würde das nicht automatisch militärische Unterstützung bedeuten. Dem NATO-Vertrag zufolge kann jedes Land Maßnahmen ergreifen, die es für „erforderlich erachtet“.

© APA

Warum setzt Russland auf Konfrontation mit Erdogan?

Präsident Putin ist nicht bereit, den Einfluss in Syrien mit der Türkei zu teilen. Noch 2018 handelte Putin mit Erdogan aus, dass die Türkei die Al-Kaida-nahe islamistische Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) beseitigen und dadurch die Grenzgebiete im Nordosten des Bürgerkriegslandes kurzzeitig kontrollieren solle. Darauf besteht Russland weiterhin. Nach Moskauer Angaben hatte sich die Türkei nicht daran gehalten und ihre Truppen seien sogar zum Zeitpunkt des Angriffes mit der HTS unterwegs gewesen.

An einer direkten Konfrontation mit Ankara hätte aber auch Moskau kein Interesse, auch wenn die großen Differenzen immer stärker zutage kommen. Beide hatten nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges 2015 ein Jahr lang ihre Beziehungen auf Eis gelegt und sich nun wieder deutlich angenähert. „Weder die Türkei noch Russland kribbelt es also in den Fingern, einen Kampf in oder um Syrien auszutragen“, sagt der Politologe Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie-Center, einer renommierten Denkfabrik.

Wie ernst sind die Drohungen der Türkei, Migranten nun nach Europa zu lassen?

Die Türkei hat bereits mehr als 3,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, eine neue Fluchtbewegung in sein Land will Erdogan unbedingt vermeiden. Experte Seufert hält es inzwischen für „realistisch“, dass die Türkei ihre Drohung wahr macht und Flüchtlinge nach Europa lässt. Sie wolle, dass es an der Grenze zu Griechenland oder Bulgarien zu „unschönen Bildern kommt“, um den Druck auf die Europäer und damit über die NATO auf Russland zu erhöhen.

Mehr als 30 türkische Soldaten starben bei Luftangriffen in Idlib.
© OMAR HAJ KADOUR

Eine offizielle Bestätigung zu einer angeblichen Grenzöffnung Richtung Europa gab es zunächst nicht. Aber nach Medienberichten machten sich zahlreiche Migranten auf den Weg zur Grenze. Griechenland und Bulgarien bereiteten sich am Freitag auf die Abwehr illegaler Grenzübertritte vor.

Wieso riskiert Syrien die Eskalation mit der Türkei?

Idlib ist die letzte große Rebellenprovinz, in der sich noch erbitterte Gegner des syrischen Präsidenten Assad aufhalten. Es ist ein „finaler Sieg“, auf den die Führung in Damaskus hinaus will und auf den sie die Bevölkerung schon länger einschwört. In den vergangenen Kriegsjahren hat die syrische Regierung diese Endschlacht vorbereitet: Mit drastischen Belagerungen und Bombardierungen von Rebellengebieten wie in Aleppo oder nahe Damaskus waren die dort kämpfenden islamistischen Aufständischen zum Aufgeben gezwungen worden. Ihnen wurde freies Geleit in die Provinz Idlib zugesichert, teilweise wurden die Kämpfer von der Regierung selbst mit Bussen dorthin gebracht. Die Türkei steht Assads endgültigem Sieg über die Milizen im Weg.

Hunderttausende Menschen sind zwischen den Fronten gefangen. Was muss nun getan werden, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern?

Rund drei Millionen Menschen leben nach Schätzungen in der Provinz, fast eine Million Menschen sind seit der Eskalation der Kämpfe vor drei Monaten auf der Flucht. „Das ist die desolateste Situation, die wir seit Beginn des Krieges haben“, zitiert die Weltgesundheitsorganisation WHO am Freitag einen Arzt in der Region. Nicht nur die Bombardierungen, auch die Kälte machen den Flüchtenden zu schaffen. Eine echte Feuerpause ist unabdingbar, wenn den Menschen geholfen werden soll.


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