US-Demokraten nehmen Kurs auf Showdown zwischen Biden und Sanders

Ex-US-Vizepräsident Joe Biden ist wieder dort angekommen, wo er vor vielen Monaten ins Rennen gestartet ist: In der Favoritenrolle. Nun muss er sich auf einen Showdown mit Bernie Sanders einstellen, der trotz einem für ihn enttäuschenden "Super Tuesday" noch nicht ganz weg vom Fenster ist.

Joe Biden kristallisiert sich wieder als Favorit für das demokratische Ticket für die Wahl im November heraus.
© FREDERIC J. BROWN

Von Stefan Vospernik/APA

Washington – Nach einigen Wendungen ist der Vorwahlkampf der US-Demokraten am Super Tuesday dort angekommen, wo man ihn immer schon erwartet hat: Es wird einen Showdown zwischen Ex-Vizepräsident Joe Biden und dem linksgerichteten Senator Bernie Sanders geben. Biden, den Kommentatoren noch vor wenigen Tagen abgeschrieben hatten, legte ein fulminantes Comeback hin. Doch die Partei ist gespaltener denn je.

Genüsslich zählte Biden vor Anhängern in Kalifornien die Namen jener Staaten auf, die er am großen Vorwahltag gewonnen hat. "Wir sind sehr lebendig", richtete der 78-Jährige seinen Kritikern aus. Seinen Erfolg hat der Vize des ersten schwarzen US-Präsidenten vor allem afroamerikanischen Wählern zu verdanken. Sie haben ihn nämlich erst am Samstag bei der Vorwahl in South Carolina zurück ins Rennen katapultiert, nachdem er in Iowa und New Hampshire einen katastrophalen Fehlstart hingelegt hatte.

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Unübersehbar ist auch, dass Biden am Super Tuesday in großem Ausmaß von Stimmen der beiden zu seinen Gunsten aus dem Rennen geschiedenen Kandidaten Pete Buttigieg und Amy Klobuchar profitierte. Letztere "schenkte" Biden etwa den Sieg in ihrem Heimatstaat Minnesota, in dem sie überaus populär ist. Biden hatte dort auf einen Wahlkampf verzichtet, weil er nicht glaubte, einen Fuß auf den Boden zu bekommen.

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Selbst in Texas zieht Biden an Sanders vorbei

Auch in Staaten mit einem großen Anteil an weißer und konservativer Wählerschaft wie Maine oder Oklahoma konnte Biden punkten. In Texas, wo ihn der frühere Präsidentschaftskandidat Beto O'Rourke unterstützt hatte, zog er ebenfalls überraschend an Sanders vorbei.

Also alles in Butter für den Kandidaten des Partei-Establishments? Mitnichten. Der linksgerichtete Senator Sanders machte am Wahlabend klar, dass er sich nicht geschlagen geben will. "Heute Abend sage ich euch mit großer Zuversicht: Wir werden die demokratische Nominierung gewinnen", sagte er vor seinen Anhängern in Vermont.

Viele Beobachter sehen die Demokraten bereits vor einem langwierigen Duell wie vor der Wahl 2016, als Sanders letztlich gegen Hillary Clinton den Kürzeren zog. Tatsächlich steht die Partei wieder vor der Wahl zwischen einem Mainstream-Kandidaten und einem Anti-Establishment-Mann. Doch ist der Einsatz heute wesentlich höher als vor vier Jahren, geht es doch darum, vier weitere Jahre des vermeintlichen Demokratiezertrümmerers Donald Trump im Weißen Haus zu verhindern.

Biden und Sanders stehen einander diesbezüglich unversöhnlich gegenüber. "Wir müssen Trump besiegen, aber wir dürfen dabei nicht so werden wie er", sagte der Ex-Vizepräsident in deutlicher Anspielung auf seinen Kontrahenten. Es brauche nach Trump wieder jemanden, der das Land "heile". Sanders keifte zurück, indem er Biden als Irak-Kriegsunterstützer, Verfechter von sozialen Kürzungen und Empfänger von Großspenden brandmarkte. Trump werde sich nicht besiegen lassen, indem man wieder einen Vertreter der alten Politik aufstelle, mahnte Sanders.

Demokraten tief gespalten

Traditionell soll der Super Tuesday zeigen, welcher Kandidat landesweit am meisten Anklang findet. Doch diesmal legte sie die Gespaltenheit der demokratischen Wählerbasis offen. Geografisch, ethnisch und demografisch: Im liberalen Westen setzte sich Sanders durch, im afroamerikanischen Süden Biden, während sich in Neuengland ein gemischtes Bild zeigte. Bei den Hispanics lag Sanders klar vorne, ebenso bei den jungen Wählern. Gerade einmal fünf Prozent der Jungwähler in Kalifornien wählten laut einer Exit Poll Biden. Was werden diese Wähler wohl tun, wenn Biden der Präsidentschaftskandidat wird?

Immerhin führte der Super Tuesday zu einer Bereinigung des Bewerberfeldes. Nachdem Pete Buttigieg und Amy Klobuchar in weiser Voraussicht schon vor dem großen Wahltag gesichtswahrend ausgestiegen waren, mussten es Mike Bloomberg und Elizabeth Warren auf die harte Tour lernen. Warren landete in ihrem Heimatstaat Massachusetts auf dem dritten Platz und blieb in den anderen Staaten chancenlos.

"Wir sehen kein Licht", kündigte eine Vertraute der Senatorin in der Nacht auf Mittwoch gegenüber CNN den Ausstieg Warrens an. Bloomberg ließ verlauten, dass er seine Wahlkampagne auf den Prüfstand stelle. Er wolle keinen Beitrag dazu leisten, dass Sanders der Präsidentschaftskandidat wird, hieß es aus dem Umfeld des früheren New Yorker Bürgermeisters. Nun wird wohl auch Bloomberg die Werbetrommel für Biden rühren.

Bloomberg hatte am Super Tuesday alles auf eine Karte gesetzt und versucht, sich mit teurer Fernsehwerbung ins Spiel zu bringen. Die Rechnung ging aber vor allem deswegen nicht auf, weil sich der schwächelnde Biden noch rechtzeitig erfing, wie der frühere Topberater von Ex-Präsident Barack Obama, David Axelrod, am Wahlabend sagte. "Er hat darauf gesetzt, dass er für Biden einspringt. Diese Wette hat er verloren", so Axelrod.


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