Österreicher in Italiens Coronavirus-Sperrzone: „schon stressig"

Einige tausend Österreicher halten sich derzeit in den unter Quarantäne gestellten Roten Zonen Norditaliens auf. Einer davon berichtet der APA vom Leben „in freiwilliger Quarantäne".

Allein in der Lombardei leben zehn Millionen Menschen, davon knapp 1,4 Millionen in Mailand.
© MIGUEL MEDINA

Mailand – Das Leben in der italienischen Sperrzone ist „zum Teil schon stressig". Das sagte ein Auslandsösterreicher, der in San Colombano al Lambro in der Region Lombardei lebt, am Sonntag im Gespräch mit der APA. Die ergriffenen Maßnahmen hält er aber „für richtig". Die Frage sei nur, „wie weit sich die Bevölkerung daran hält".

Ein Viertel von Italiens Bevölkerung unter Quarantäne

Wegen der Coronavirus-Epidemie stehen in Italien nun rund ein Viertel der Bevölkerung unter Quarantäne. Die Regierung in Rom erließ am Sonntag ein grundsätzliches Ein- und Ausreiseverbot für Gebiete in Norditalien mit insgesamt mehr als 15 Millionen Einwohnern, zu denen auch die Wirtschaftsmetropole Mailand und der Touristenmagnet Venedig gehören.

© APA

Leben in freiwilliger Quarantäne

Der Auslandsösterreicher und seine Frau befinden sich schon seit Tagen, bevor die Sperrzone ausgeweitet wurde „in freiwilliger Quarantäne", wie er am Telefon erzählt. „Wir sind ja umgeben von Risikofaktoren", betonte der Pensionist. Lebensmittel lasse er sich liefern: „Die Zustellung ist ganz gut organisiert."

Das Leben in Quarantäne sei durchaus stressig, „man versucht sich ja laufend zu informieren". Zugleich betonte der Auslandsösterreicher: „Man sollte aber ruhig bleiben und ein gutes Buch lesen."

Man sollte aber ruhig bleiben und ein gutes Buch lesen.
Auslandsösterreicher

Betreffend der neuen Vorordnungen sagte der Pensionist, es sei noch nicht ganz klar, was diese bedeuten: „Ob etwa auch Geschäfte zugesperrt werden müssen. Bars sind vorerst bis 18.00 Uhr offen und man muss einen Sicherheitsabstand von einem Meter einhalten."

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Die öffentlichen Meldungen betreffend das Gesundheitssystem seien „alarmierend", so der Auslandsösterreicher. „Vor allem vonseiten der Ärzte selbst. Die sind ja pausenlos im Einsatz und stehen unter Stress."

Es wäre nun wichtig, dass sich alle an die verordneten Maßnahmen halten, betonte der Pensionist. „Vor allem junge Leute sind sich meiner Meinung nach oft nicht bewusst, was das alle bedeutet." Denn am Anfang habe es – wie derzeit in Österreich – rund 100 Fälle gegeben, „innerhalb von zwei Wochen waren es 5.000". (APA)

Lombardei bangt um ihr Gesundheitssystem

Das lombardische Gesundheitssystem kämpft gegen den Zusammenbruch unter der zunehmenden Zahl von Coronavirus-Infektionsfällen. „Wir sind gezwungen, sogar in den Gängen der Spitäler Betten aufzustellen. Wir haben ganze Teile der Krankenhäuser umgebaut, um Platz für Patienten auf den Intensivstationen zu schaffen", sagte Antonio Pesenti, Leiter der lombardischen Kriseneinheit für Intensivtherapien.

Plätze auf der Intensivstation um das Zehnfache aufstocken

„Wenn die Bevölkerung nicht begreift, dass man zu Hause bleiben muss, um Ansteckungen zu vermeiden, wird die Lage katastrophal werden. Die Situation ist derart akut, dass die Zahl der Plätze auf den Intensivstationen der Krankenhäuser um das Zehnfache aufgestockt werden müssten", meinte Pesenti im Interview mit der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera (Sonntagsausgabe).

Die Gesundheitsbehörden rechnen, dass bis 26. März 18.000 Menschen in der Lombardei am Coronavirus erkrankt sein werden. Davon könnten bis zu 3200 Patienten die Behandlung auf der Intensivstation benötigen. Das sind drei Mal mehr als derzeit. Das lombardische Gesundheitswesen, das zu den fortgeschrittensten weltweit zähle, sei nicht mehr in der Lage, seine Qualitätsstandards zu garantieren.

Vorrang für Patienten mit „besseren Lebenserwartungen"?

Angesichts der zunehmenden Zahl von Infizierten, könnten Ärzte bald gezwungen sein, Patienten mit „besseren Lebenserwartungen" Vorrang bei Behandlungen auf Intensivstationen zu geben, warnte Flavia Petrini, Präsidentin des Ärzteverbands Siaarti, im Interview mit der römischen Tageszeitung La Repubblica (Sonntagsausgabe). „In der Lombardei ist die Lage dramatisch und viele Ärzte dürfen bei schwierigen Beschlüssen nicht allein gelassen werden", sagte Petrini.

Pläne, Patienten aus der Lombardei in Krankenhäuser anderer Regionen zu verlegen, seien nur schwer umsetzbar. Dafür sei Personal notwendig, über das man zurzeit nicht verfüge, so Petrini.


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