Coronavirus hält Italien in Atem: Ganze Regionen abgeriegelt

Rom greift im Kampf gegen die Epidemie des neuartigen Coronavirus Covid-19 zu drastischen Maßnahmen. Ganze Regionen sind seit Sonntag abgeriegelt. In Österreich gibt es indes bereits mehr als 100 Fälle von bestätigten Infektionen.

Auch das Kolosseum in Rom wurde geschlossen.
© ALBERTO PIZZOLI

Rom, Wien – Drastische Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in Italien: Seit Sonntag sind ganze Regionen und Städten im Norden abgeriegelt, 16 Millionen Menschen sind betroffen. In Österreich ist die Zahl der an Covid-19 erkrankten Personen auf 102 gestiegen. Weltweit gab es 107.644 Corona-Patienten, 3.653 starben am Virus, geht aus Zahlen der Johns Hopkins University hervor.

In ganz Österreich wurden bisher 4.509 Personen auf das Virus getestet. Betroffen sind in Niederösterreich 31 Personen, in Wien 32, in der Steiermark zehn, in Tirol acht, in Salzburg ebenfalls acht, in Oberösterreich sieben, im Burgenland vier sowie im Vorarlberg und Kärnten je eine Person. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat weitere Maßnahmen angedeutet. Als Ziel nannte er in der ORF-"Pressestunde", die Ausbreitung der neuen Krankheit bis nach Ende der aktuellen Grippewelle zu verzögern. Kurz deutete aber unter anderem die vorübergehende Schließung von Schulen und Kindergärten an.

Italienische Provinzen in Quarantäne.
© APA

Die beispiellosen Schritte in Italien, die ein Viertel der Bevölkerung des Stiefelstaates betreffen, sehen unter anderem vor, dass die Region Lombardei mit der Finanzmetropole Mailand bis zum 3. April weder betreten noch verlassen werden darf, wie Ministerpräsident Giuseppe Conte mitteilte. Die Sperren sollen bis zunächst zum 3. April gelten. Conte sagte zugleich, es gebe keinen Stopp für Flüge und Züge. Aber eine Fahrt müsse einen Grund haben. Die Polizei könne Menschen anhalten und danach fragen.

Die Regierung hatte den Abriegelungsbeschluss gefasst, nachdem sich die Infiziertenzahl binnen 24 Stunden um mehr als 1.200 Personen erhöht hatte. Dies war der dramatischste Anstieg, seit die Epidemie vor rund zwei Wochen auf Italien übergegriffen hat. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Maßnahmen begrüßt. Diese seien "mutig" und erforderten "wirkliche Opfer", betonte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus per Twitter.

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📽 Video | Kurz: Italiens Maßnahme "richtiger" Schritt

Tausende Österreicher in Quarantäne-Zonen Italiens

Einige tausend Österreicher halten sich derzeit in den unter Quarantäne gestellten Roten Zonen Norditaliens auf. "Wir schätzen, dass in der Nacht bereits zahlreiche Personen aus den sogenannten Roten Zonen zurückgekehrt sind", sagte Peter Guschelbauer, Sprecher des Außenministeriums, am Sonntag der APA. "Wir haben unsere Reiseinformationen aktualisiert und alle Auslandsösterreicher bzw. bei uns registrierten Reisenden via SMS und Mail informiert", so Guschelbauer. Man müsse bei Reisen in den fraglichen Regionen mit Behinderungen im Verkehr rechnen.

"Wir stehen vor einer nationalen Notlage", betonte Conte. Von den Abriegelungen sind neben der Lombardei, dem wirtschaftlichen Herz Italiens, auch Städte wie Parma, Modena oder Padua betroffen. Conte bestätigte weitreichende Verbote für das ganze Land. Alle Kinos, Theater, Museen, Sportclubs, Demonstrationen und viele andere Veranstaltungen müssen schließen oder fallen aus.

📽 Video | Katharina Wagner (ORF) zu den Abriegelungen in Italien

Italien ist der Staat in Europa mit den meisten bestätigten Sars-CoV-2-Infektionen. Die Zahl der Infizierten und Toten steigt trotz umfangreicher Gegenmaßnahmen stetig an. Bis Samstag zählten die Behörden 5.883 Menschen mit einer Infektion. 233 Menschen davon sind gestorben. Am meisten betroffen ist die Lombardei gefolgt von der Emilia-Romagna und Venetien.

Bürgermeister gegen Ein- und Ausreiseverbote

Die Region Venetien und einige Bürgermeister der betroffenen Städte halten das beschlossene Ein- und Ausreiseverbot allerdings für eine zu strenge Maßnahme. Die Gefahr sei, dass die norditalienische Wirtschaft ganz zum Erliegen komme. Der Bürgermeister der piemontesischen Stadt Asti, Maurizio Rasero, meinte etwa, die sanitäre Lage sei in seiner Provinz unter Kontrolle. Die Rote Zone auf seine Provinz auszudehnen, sei daher ungerechtfertigt.

In den Gefängnissen von Modena und Frosinone südlich von Rom brachen gewaltsame Proteste aus. In Modena steckten Gefängnisinsassen einige Gegenstände in Brand. Die Gefängnisinsassen protestierten damit gegen den Regierungsbeschluss, Besuche von Angehörigen als Maßnahme zur Eingrenzung der Coronavirus-Epidemie auszusetzen.

Umsetzung der Fieber-Kontrollen zu Italien noch unklar

Die Umsetzung der Fieber-Kontrollen an der Grenze zu Italien, die ab (morgigem) Montag punktuell durchgeführt werden sollen, haben am Sonntag für Beratungen der zuständigen Behördenvertreter in Kärnten gesorgt. Die Vorgaben des Bundes seien "bedauerlicherweise sehr vage", berichtete der Landespressedienst. Es werde aber alles getan, um die Maßnahme umzusetzen.

Kärntens Gesundheitsreferentin Beate Prettner (SPÖ) sagte nach einem Telefonat mit Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne), dass seitens des Ministeriums die entsprechenden Verordnungen nochmals begutachtet würden, da sich die Lage in Italien geändert habe und es ohnehin zu erheblichen Reiseeinschränkungen komme. Daher seien die Verordnungen auch nicht mit Montag umsetzbar. Prettner forderte von Anschober "bundeseinheitliche Lösungen" für die Kontrollen und zusätzliche Ressourcen zu deren Finanzierung.

Die Verordnung sei wie geplant in Kraft, sagte demgegenüber der Sprecher des Bundes-Einsatzstabes, Detlef Polay. Die Tests werden von Vertretern der Gesundheitsbehörden durchgeführt, die Polizei soll diese unterstützen. Möglich sei aber, dass die punktuellen Grenzkontrollen nicht sofort am Montag aufgenommen werden.

Arbeitnehmer bangen um ihre Jobs

Viele Bürger bangen um ihren Job, vor allem im Tourismus, im Kulturbereich und in der Industrie. Auch die Logistik- und Transportbranche befürchtet Einschränkungen wegen der Quarantäne. Menschen, die in Richtung Mittel- und Süditalien reisen wollen, bestürmten am Sonntag Busstationen in der Lombardei. Der italienische Handelsverband Confcommercio hat die Italiener aufgefordert, Supermärkte aus Angst vor knapp werdenden Lebensmittel nicht zu stürmen.

Die süditalienischen Regionen ergriffen ebenfalls Vorsichtsmaßnahmen. Personen, die die Sperrzone in Norditalien verlassen haben und nach Kampanien, Sizilien und Basilikata reisen, müssen sich einer zweiwöchigen Heimquarantäne unterziehen, beschlossen die Präsidenten der drei süditalienischen Regionen.

Prekär ist die Lage für das lombardische Gesundheitssystem. "Wenn die Bevölkerung nicht begreift, dass man zu Hause bleiben muss, um Ansteckungen zu vermeiden, wird die Lage katastrophal werden. Die Situation ist derart akut, dass die Zahl der Plätze auf den Intensivstationen der Spitälern um das Zehnfache aufgestockt werden müssten", sagte Antonio Pesenti, Leiter der lombardischen Kriseneinheit für Intensivtherapien, im Interview mit der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera". Die Gesundheitsbehörden rechnen, dass bis 26. März 18.000 Menschen in der Lombardei am Coronavirus erkrankt sein werden.

Auslandsösterreicher hält Maßnahmen für richtig

Das Leben in der italienischen Sperrzone ist "zum Teil schon stressig". Das sagte ein Auslandsösterreicher, der in San Colombano al Lambro in der Region Lombardei lebt, im Gespräch mit der APA. Die ergriffenen Maßnahmen hält er aber "für richtig". Die Frage sei nur, "wie weit sich die Bevölkerung daran hält". Lebensmittel lasse er sich liefern: "Die Zustellung ist ganz gut organisiert."

Auch er betonte, es wäre wichtig, dass sich alle an die verordneten Maßnahmen halten, betonte der Pensionist. "Vor allem junge Leute sind sich meiner Meinung nach oft nicht bewusst, was das alle bedeutet." Denn am Anfang habe es - wie derzeit in Österreich - rund 100 Fälle gegeben, "innerhalb von zwei Wochen waren es 5.000".

Für eine Wiener Schule gab es am Samstag Entwarnung: Zwei Lehrerinnen, die "unter Verdacht" standen, wurden negativ getestet. Unter den am Sonntag neue bekannt gewordenen Patienten ist eine Mitarbeiterin eines kleinen Privatkindergartens in Wien-Ottakring. Diese Betreuungseinrichtung bleibt nun für zwei Wochen geschlossen, wie Corina Had von der Wiener Berufsrettung berichtete.

Bestätigte Fälle in Österreich.
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Die AUVA kündigte am Wochenende an, nicht notwendige Operationen fallweise zu verschieben. Das Finanzamt berichtete unterdessen über die Sicherstellung von 21.000 geschmuggelten Einmal-Mundschutzmasken durch Wiener Zöllner bei der Anhaltung eines türkischen Reisebusses. (APA, Reuters, dpa)


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