Covid-19 lässt Börsen einbrechen und schürt Furcht vor globaler Rezession

Die Epidemie des neuartigen Coronavirus führt zur Talfahrt auf den Börsen. Neue Zahlen vom Montag lassen die Alarmsirenen schrillen und schüren die Furcht vor einem globalen Wirtschaftseinbruch. Indes wird nach Gegenmitteln gesucht.

Weltweit drehten Kurse an der Börse ins Minus.
© JUNG YEON-JE

Wien, Rom, Peking – Die Coronavirus-Epidemie lässt bei Anlegern die Alarmsirenen schrillen und schürt laut Umfrage die Furcht vor einer globalen Rezession. Die Investment-Beratungsfirma Sentix meldete am Montag einen bisher beispiellosen Einbruch ihres Barometers innerhalb eines Monats in allen Weltregionen. Der globale Konjunktur-Gesamtindex fiel im März von plus 8,1 Zählern auf minus 12 Punkte zurück.

Nie zuvor sei ein so starker synchronisierter Einbruch der Welt-Konjunktur in den Sentix-Daten messbar gewesen, so Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner. "Damit reiht sich der aktuelle Einbruch in eine unrühmliche Kette: Lehman (2008), Fukushima (2011) und die Öl-Kreditkrise (2016)", erklärte Sentix.

In der Eurozone brach der Konjunkturindex um 22,3 Punkte ein. Dabei überraschte laut Sentix insbesondere der Fall der Erwartungswerte auf den tiefsten Wert seit August 2012: "Denn das heißt nichts anderes, als dass sich die Anleger auf eine lange Schwächeperiode der Konjunktur einstellen", sagte der Sentix-Geschäftsführer. Die Anleger forderten "dringend" ein Signal der Europäischen Zentralbank (EZB), die am Donnerstag wieder regulär über die Leitzinsen entscheidet.

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Auch in Deutschland, das erheblich vom Welthandel und der Konjunktur in Asien abhängig ist, zeigten sich die Anleger tief verunsichert. Der Gesamtindex gab auf minus 16,9 Zähler von plus 4,5 Punkten nach. Sentix erklärte dazu, das Coronavirus sei zwar auch in Deutschland angekommen, aber die Verbreitung könne bisher wirksam verlangsamt werden: "Langsam bedeutet aber auch, dass die dämpfenden Konjunktureffekte längere Zeit auf die Wirtschaft einwirken, welche ohnehin durch Autokrise und Klimadiskussion unter Druck steht." Ein Rezession gelte jetzt als sicher.

Hiobsbotschaften von Börsen weltweit

Aus aller Welt trudelten am Montag Hiobsbotschaften von fallenden Kursen an der Börse ein. Die Börse in Australien verzeichnet etwa mit einem Minus von 5,6 Prozent im Verlauf ihren stärksten Rückgang seit November 2008. Schlimmer als die zunehmende Zahl von Coronavirus-Fällen im Land selbst wirke sich die Unsicherheit über die Lage des wichtigsten Handelspartners China aus, sagt James McGlew von Argonaut. Dazu komme die Öl-Krise. "Die Angst ist heute mit Abstand der wichtigste Faktor am Markt."

Europas Börsen sind am Montag angetrieben durch die wachsenden Ängste vor den wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Epidemie und dem Ölpreiseinbruch mit massiven Kurseinbrüchen in den Handel gegangen. Die wichtigsten Indizes lagen in den ersten Handelsminuten zwischen 5 und 9 Prozent im Minus.

Der deutsche DAX notierte gegen 9 Uhr mit einem Kursrutsch von 7,11 Prozent bei 10.722,17 Punkten. Der Leitindex der Eurozone, Euro-Stoxx-50, fiel massiv um 5,42 Prozent auf 3.056,97 Zähler. Der britische FTSE-100 ging mit einem Kurseinbruch von 8,56 Prozent bei 5.909,05 Zählern in den Handel.

Mailänder Börse leidet besonders

Nach der Abriegelung Norditaliens wegen der Coronavirus-Krise suchen Anleger auch an der Mailänder Börse das Weite. Der Auswahlindex sackte am Montag um bis zu 11,2 Prozent auf ein 14-Monats-Tief von 18.469 Punkten ab. Besonders steil bergab ging es für die italienischen Banken – der Branchenindex verlor zeitweise 13 Prozent und notierte mit 6.588 Zählern so tief wie seit Juli 2016 nicht mehr.

Auch die Anleihen des hoch verschuldeten Landes flogen in großem Stil aus den Depots. Die Rendite der zehnjährigen Titel kletterte im Gegenzug auf 1,362 Prozent von 1,079 Prozent. Das ist der größte Anstieg seit knapp zwei Jahren.

Ein Insider sagte, die Börsenregulierungsbehörde in Italien (Consob) beobachte die Situation. Laut den Vorschriften können die Behörden Leerverkäufe auf eine Aktie untersagen, wenn der Kurs an einem Tag um mehr als zehn Prozent fällt.

Experten gehen davon aus, dass die Viruskrise enorme Folgen für die Wirtschaft des südeuropäischen Landes hat. "Italien hat im vierten Quartal 2019 ein negatives Wirtschaftswachstum von minus 0,3 Prozent verzeichnet, und eine technische Rezession scheint unvermeidlich", sagte Deutsche-Bank-Anlagestratege Gerit Heinz. "Wir gehen davon aus, dass die Volatilität weiter anhalten wird." Ein weiterer Grund für den Absturz an den Börsen sei auch der am Wochenende eskalierte Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland. Italien riegelte im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus Regionen und Städte im Norden des Landes ab.

Schwarter Montag auch am Ölmarkt

Schwarzer Montag auch am Ölmarkt: Zum Wochenauftakt sind die Ölpreise heftig abgestürzt. Nach gescheiterten Verhandlungen führender Ölstaaten über eine Drosselung der Fördermenge zur Stabilisierung der Ölpreise gab es den stärksten Einbruch seit fast 30 Jahren. Zudem belastet die Coronavirus-Krise immer mehr. Montagfrüh büßten Rohöl aus der Nordsee und Rohöl aus den USA je mehr als ein Viertel ein.

Marktbeobachter sprachen vom stärksten prozentualen Einbruch am Ölmarkt seit dem Golfkrieg 1991. Damals waren die Ölpreise nach der irakischen Invasion in Kuwait zunächst rasant gestiegen. Als sich am Ölmarkt aber keine Engpässe gezeigt hatten, waren die Notierungen schnell gefallen.

Derzeit werden aufgrund der Coronavirus-Krise zahlreiche Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft nach unten revidiert, was auch zu einer geringeren Nachfrage nach Rohöl führen dürfte.

Umsätze von Händlern gehen teils drastisch zurück

Reisebeschränkungen aufgrund des Coronavirus und geändertes Kaufverhalten sorgen indes bei Händlern zu spürbaren Frequenz- und damit auch Umsatzrückgängen. Insbesondere Branchen wie der Mode-, Schuh- und Schmuckhandel würden unter Umsatzeinbußen von teils über 30 Prozent leiden. Der Handelsverband fordert Staatshilfen, wie es sie bereits für Luftfahrt, Tourismus und Holzindustrie gebe.

Der Interessenverband fordert von Regierung und Sozialpartnern, ausreichend Vorsorge zu treffen, damit betroffene Händler das Instrument der Kurzarbeit nutzen könnten. Für besonders betroffene Betriebe werden temporäre Zuschüsse gefordert, um Mietzahlungen erfüllen zu können. "Personal- und Mietaufwände sind die beiden größten Kostenposten, die weitergaloppieren, auch wenn die Kundschaft ausbleibt", sagte Handelsverband-Präsident Stephan Mayer-Heinisch am Montag laut einer Aussendung.

Als dritte Maßnahme schlägt der Verband Haftungsübernahmen für Kredite bis zu 100 Mio. Euro für jene Händler vor, die aufgrund der Coronavirus-Epidemie mehr als 15 Prozent Umsatzeinbußen verzeichnen. Gerade Händler mit Geschäften in Tourismus-Hotspots wie der Wiener Innenstadt oder in Skiregionen sind vom Rückgang ausländischer Touristen besonders betroffen.

Der Handelsverband fordert das Paket für Non-Food-Händler. Im Lebensmittelhandel war die Nachfrage zuletzt eher höher als üblich. (TT.com, APA, AFP, dpa, Reuters)

Weltweite Suche nach wirtschaftlichen Gegenmitteln

Weltweit haben Regierungen bereits mit finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf die Epidemie reagiert:

Österreich:

Die Bundesregierung will Garantien in der Höhe von 10 Mio. Euro für Klein- und Mittelbetriebe sowie von 100 Mio. Euro für Tourismusbetriebe eingehen. Dazu werden die notwendigen Mittel für Kurzarbeit - etwa bei der AUA mit 7.000 Mitarbeitern - bereitgestellt. Details sind aber noch offen. Derzeit ist der entsprechende Topf beim AMS mit lediglich 20 Mio. Euro gefüllt, was laut Gewerkschaft nicht einmal für die AUA alleine reicht. Auch eine Umschichtung von AMS-Mitteln für den Kurzarbeitstopf werde nicht genügen, so die GPA-djp.

Konjunkturprogramm sei zumindest vorerst keines nötig, heißt es von der Bundesregierung und auch vom Präsident der Industriellenvereinigung.

Eurogruppe, EU und Großbritannien:

Die Eurogruppen-Finanzminister haben angesichts der Coronavirus-Krise angekündigt, alle verfügbaren Instrumente zu nutzen, um die Wirtschaft in der Eurozone anzukurbeln. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) sagte vor ihrem Treffen am kommenden Donnerstag zu, "angemessene und gezielte Maßnahmen" gegen die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie zu ergreifen.

Einige Analysten halten nun einen weiter ins Negative sinkenden Einlagezins zur Förderung der Kreditvergabe für möglich – gleichzeitig sind Beobachter skeptisch, dass die EZB angesichts ihrer ohnehin schon lockeren Geldpolitik der Wirtschaft noch starke Anreize bieten kann.

Das ohnehin schon überschuldete Italien, das wie kein anderes europäisches Land von der Corona-Krise betroffen ist und inzwischen mehr als 230 Todesfälle verzeichnet, gab zur Wiederankurbelung der Wirtschaft bereits 7,5 Milliarden Euro aus dem Haushalt frei. Ein Teil der Hilfen soll an betroffene Unternehmen und Familien fließen.

Die EU-Kommission gab dem italienischen Hilfspaket am Wochenende Rückendeckung. Die dafür veranschlagten Ausgaben würden nicht herangezogen werden, wenn Brüssel die Einhaltung der EU-Haushaltsregeln durch Italien prüfe, schrieben Kommissionsvize Valdis Dombrovskis und Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni am Samstag in einem Brief an den italienischen Finanzminister Roberto Gualtieri.

Frankreich forderte diese Woche eine Konjunkturspritze für die Eurozone. Die Euro-Länder sollten die Möglichkeit für einen Rückgriff auf Haushaltsmittel ebnen. Darüber hinaus berät die Regierung über mögliche Steuersenkungen für Unternehmen – ähnlich wie dies in Deutschland diskutiert wird.

Großbritannien legt am Mittwoch seinen ersten Haushaltsplan seit dem Brexit vor, der neben den Brexit-Folgen auch von den Auswirkungen der Coronavirus-Krise überschattet wird. Die Veröffentlichung der großen Infrastruktur-Pläne bis zum Jahr 2050 wurde bereits verschoben; Premier Boris Johnson macht jedoch Druck, dass zumindest das Projekt der Hochgeschwindigkeitsstrecke HS2 rasch umgesetzt wird.

Die britische Notenbank hat ihre Wachstumsprognosen für dieses und das kommende Jahr gesenkt. Im letzten Quartal 2019 verzeichnete die britische Wirtschaft nahezu ein Nullwachstum. Experten rechnen damit, dass die Bank of England ebenfalls ihren Leitzins noch einmal senkt, um die negativen Folgen von Brexit und Corona für die britische Wirtschaft abzufedern.

USA und Kanada:

In den USA und Kanada reagierten die Zentralbanken bereits auf das Coronavirus. Am Dienstag senkte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Leitzins um einen halben Prozentpunkt. Er liegt jetzt zwischen 1,0 und 1,25 Prozent. Es war das erste Mal seit Ende 2008, dass die US-Notenbank eine Senkung des Leitzinses außerhalb der regulären Treffen ihres Offenmarktausschusses traf. Sie begründete dies mit "Risiken für die wirtschaftliche Aktivität" durch das Coronavirus.

Wenig später senkte auch die kanadische Zentralbank den Leitzins auf nun 1,25 Prozent. Am Donnerstag beschloss der US-Kongress zudem ein Paket im Umfang von 8,3 Milliarden Dollar (7,5 Milliarden Euro) – allerdings nicht für Unternehmen, sondern für Notfallmaßnahmen im Kampf gegen die Epidemie.

Asien:

Nach Schätzungen der Ratingagentur Standard & Poor's könnte die Coronavirus-Epidemie die Volkswirtschaften im Asien-Pazifik-Raum rund 200 Milliarden Dollar kosten.

China, wo die Coronavirus-Epidemie im Dezember ihren Anfang genommen hatte, senkte als Reaktion auf den verheerenden Wirtschaftseinbruch den Leitzins und kündigte weitere Maßnahmen wie Steuersenkungen und Finanzhilfen für die betroffenen Regionen an.

Hongkong reagierte mit einer ungewöhnlichen Maßnahme: Alle dauerhaft in der Finanzmetropole gemeldeten Bewohner erhalten 10.000 Hongkong-Dollar (1180 Euro) in bar. Insgesamt stellt die Stadtführung 120 Milliarden Dollar im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie zur Verfügung.

Die japanische Zentralbank richtete sich Anfang dieser Woche in einer außergewöhnlichen Erklärung an Investoren und versicherte, sie werde die "Stabilität der Finanzmärkte" sicherstellen.

IWF und Weltbank:

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgieva, erklärte, die Epidemie sei "ein globales Problem, das nach einer globalen Reaktion verlangt". Von der Epidemie betroffenen IWF-Mitgliedstaaten sollen Finanzhilfen in Höhe von insgesamt 50 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt werden.

Auch die Weltbank stellte Hilfen in Höhe von zwölf Milliarden Dollar in Aussicht. Ziel ist es, vor allem ärmeren Ländern "schnell" und "effektiv" zu helfen.


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