Unmenschliche Bedingungen: Warnung vor Corona-Krise in Flüchtlingslagern

In der Corona-Krise warnen Ärzte ohne Grenzen vor einem riesigen Infektionsrisiko in den griechischen Lagern: Migranten dort könnten sich nicht einmal regelmäßig die Hände waschen – und schon gar nicht Abstand voneinander halten. Eine Evakuierung sei unerlässlich.

Menschen auf der Flucht vor dem Feuer, das im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ausbrach.
© AFP/Lagoutaris

Berlin, Moria – Ärzte ohne Grenzen kritisiert, dass Migranten auf den griechischen Inseln unter „unmenschlichen Bedingungen" untergebracht würden. Florian Westphal, der Geschäftsführer der deutschen Sektion der Hilfsorganisation, warnte zudem in der Corona-Krise vor einem riesigen Infektionsrisiko in den griechischen Lagern.

Migranten dort könnten sich nicht einmal regelmäßig die Hände waschen und schon gar nicht Abstand voneinander halten. Eine Evakuierung sei unerlässlich, sagte Westphal in einem Interview mit der deutschen Zeitung Welt. „Ich möchte mir nicht ausmalen, was dann passiert", meinte er in Hinblick auf die Gefahr durch das Coronavirus.

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos sei extrem überfüllt und unhygienisch. „In Moria teilen sich 167 Leute eine Toilette und mehr als 240 Leute als eine Dusche", so Westphal. In so einer Situation sei jede Infektionskrankheit ein enormes Risiko. Es wäre unmöglich, unter den unhygienischen Bedingungen in Moria einen Ausbruch einzudämmen.

„Epidemie-Ausbruch führt zu unkontrollierbaren Zuständen"

Bis Sonntag wurden in Griechenland Infektionen mit dem Coronavirus 331 Mal festgestellt. „Es ist unvermeidlich, dass es (das Coronavirus) auch hier in dem Lager von Moria diagnostiziert wird", sagte dazu Dimitris Patestos, der ärztliche Koordinator der Organisation „Ärzte der Welt" auf der Insel Lesbos der dpa. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, meinte der Arzt weiter.

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Die Menschen in dem Lager leben nach den Worten von Patestos unter hygienisch inakzeptablen Zuständen eng beieinander – und das praktisch ohne ärztliche Versorgung. Der Ausbruch der Epidemie auch in einem der Camps würde schlimme Folgen haben: „Dann wird es hier unkontrollierbare Zustände geben", sagte er. Ein Coronavirus-Fall wurde auf Lesbos bereits registriert. Allerdings nicht im Lager von Moria, sondern auf der Südseite der Insel.

Am Montag kam es im Lager Moria zu einem Brand, bei dem mindestens ein Kind starb.
© MANOLIS LAGOUTARIS

Kritik übte Florian Westphal auch erneut am EU-Türkei-Abkommen. „Die Abschottungspolitik hat nicht dazu geführt, dass keine Menschen mehr kommen. Sie hat nur dazu geführt, dass sie unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht werden. Die Politik muss vollkommen neu aufgesetzt werden. Dabei muss es konkret darum gehen, dass Schutzsuchende, die nach Europa kommen, menschenwürdig behandelt werden", so der Vertreter der Hilfsorganisation. Er erwarte von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, „dass das Grundprinzip des EU-Türkei-Deals beerdigt wird".

Situation in Lagern seit Jahren kritisiert

Humanitäre Organisationen kritisieren seit Jahren die Lage in den Camps der Inseln und fordern, dass alle Menschen – allen voran unbegleitete Kinder – gleichmäßig in Europa verteilt werden. Bisher sind nur Deutschland, Frankreich, Irland, Finnland, Portugal, Luxemburg und Kroatien bereit, unbegleitete Kinder aufzunehmen. Die österreichische Bundesregierung aus ÖVP und Grünen hat eine Aufnahme abgelehnt.

Athen will in den kommenden Wochen mehr als 10.000 Migranten zum Festland bringen. Zudem wurde Migranten angeboten, freiwillig in ihre Länder zurückzukehren. Ein von der EU finanziertes Rückführungsprogramm sieht vor, dass diese Menschen mit je 2.000 Euro unterstützt werden, damit sie zurück in ihre Herkunftsländer gehen. (APA, dpa, TT.com)

NEOS fordern sofortige Evakuierung

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, bei dem ein Kind ums Leben kann, hat die NEOS-Sprecherin für Asyl und Migration, Stephanie Krisper, erneut gefordert, die Camps auf den griechischen Inseln sofort zu schließen und die Insassen aufs Festland zu evakuieren: "Die Zustände in diesen Lagern sind seit zu langer Zeit absolut untragbar."

Die in der Verantwortung stehende Europäische Union, ihre Mitgliedstaaten und damit auch Österreich sehen hier, was durch das Fehlen einer konstruktiven Asylpolitik herauskomme, so Krisper weiter in einer Aussendung vom Montag. "Das System in Griechenland muss human und effizient aufgestellt (...) werden. Es ist einfach eine Entscheidung, hier die Finanzierung für eine menschenwürdige Versorgung unter EU-Ägide am Festland auf den Weg zu bringen."


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