Luftfahrtbranche völlig am Boden, Boeing braucht Staatshilfe

Besonders schwer trifft die Corona-Krise auch die Luftfahrt. Airlines, Flughäfen und deren Zubringer stellen ihren Betrieb sukzessive ein. Der Flughafen Wien fährt seinen Betrieb weiter herunter. Auch die beiden großen Flugzeughersteller Boeing und Airbus ächzen unter der aktuellen Situation. Boeing könnte sogar Staatshilfe benötigen.

Das Geschäft am Flughafen Wien-Schwechat ist fast völlig zum Erliegen gekommen.
© APA

Toulouse, Wien, Chicago – Nach der Ankündigung von AUA und Laudamotion wegen der Coronavirus-Pandemie vorerst keine Linienflüge mehr durchzuführen, wird der Regulärbetrieb des Flughafens Wien weiter heruntergefahren. Der Airport selbst geht davon aus, dass der Linienflugbetrieb weitgehend zum Erliegen kommt, wie Flughafen-Sprecher Peter Kleeman am Dienstagvormittag erklärte.

Gänzlich geschlossen werde der Flughafen aber nicht. Für Frachtflüge und Rückholaktionen des Außenministeriums werde ein Notbetrieb aufrechterhalten, Airline könnten auch ihre Linienflüge weiter durchführen, betonte der Sprecher. In einer Aussendung erklärte man, der Flughafen Wien sei auf dem Weg in den "Notbetrieb". Nichtsdestotrotz werde der Betrieb als Teil der kritischen Infrastruktur "im erforderlichen Ausmaß aufrechterhalten". Auch das General Aviation Center bleibe für Flüge mit Privatjets in Betrieb.Indessen teilte der City Airport Train (CAT), der zwischen der Wiener Innenstadt zum Flughafen fährt mit, dass der Betrieb vorläufig ausgesetzt werde.

Aktuell gelten Landeverbote für Flüge aus China, Frankreich, Iran, Italien, Schweiz, Spanien, Südkorea und ab Mittwoch auch für Großbritannien, die Niederlande, Russland und die Ukraine. Flüge aus diesen Ländern dürfen nicht mehr in Wien landen. Die japanische Airline ANA erklärte indes, ihre Flüge zwischen Tokio und Wien bis zum 24. April aufrechtzuerhalten.

Fluggastrechte sollen eingeschränkt werden

Nach Angaben des Weltverbandes der Fluggesellschaften (IATA) haben drei Viertel der Fluggesellschaften weltweit nur für drei Monate Mittel, um fixe Kosten wie Darlehenszinsen zu bezahlen. Einkommensausfälle wegen drastisch zusammengestrichener Flüge stürzten die Unternehmen in eine beispiellose Krise. Viele seien ohne staatliche Hilfen in ihrer Existenz bedroht.

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Die Schätzung vom 12. März, dass Fluggesellschaften heuer vermutlich bis zu 113 Milliarden US-Dollar (101 Mrd. Euro) Umsatzeinbußen hinnehmen müssten, sei längst überholt, sagte IATA-Ökonom Brian Pearce. Seitdem sei der Nordatlantikmarkt mit den Einreisestopps weggebrochen, ein Markt, der im Jahr 20 Milliarden Dollar ausmache.

Daher will die IATA auch die Passagierrechte einschränken. "Wir sind in einer der schlimmsten Krisen, die wir je hatten", sagte IATA-Generaldirektor Alexandre de Juniac am Dienstag am Sitz des Verbandes in Genf. Die üblichen Rechte auf Erstattungen bei Flugstreichungen oder Verspätungen seien für die Airlines nun problematisch. Es übersteige völlig die Kapazität der Fluggesellschaften, diese Vorschriften einzuhalten."

Immer mehr Flüge gestrichen

Die Hiobsbotschaften häufen sich. Immer mehr Fluggesellschaften haben ihren Flugbetrieb reduziert bzw. fast völlig eingestellt. Zuletzt meldete die Lufthansatochter Brussels Airlines , dass sie ab 21. März alles Flüge – vorerst bis 19. April einstellen – wird. Die Lufthansa erklärte zuletzt, in der ganzen Gruppe fielen ab Dienstag bis Mitte April bis zu 90 Prozent der Langstreckenflüge und 80 Prozent der Kurzstreckenflüge aus.

Doch nicht nur Flugverbote machen den Airlines zu schaffen. Eine regelrechte Stornowelle überschwemmt die Branche. So meldet die ungarische Billig-Fluggesellschaft Wizz Air rund 100 mal so viele Stornierungen, wie zu normalen Zeiten. Deshalb wird das Unternehmen bis spätestens 14. April 2020 ihre Online-Antragsregistrierungsfunktion vorübergehend deaktivieren.

Zudem zahlt die Airline für abgesagte Flüge vorerst kein Geld mehr zurück. Die Kunden erhalten stattdessen automatisiert 120 Prozent des Flugpreises als "Wizz-Gutschrift" auf einem "Wizz-Konto" gutgeschrieben. Bis 14. April können betroffene Kunden keine Erstattung mehr beantragen, teilte Wizz Air mit. Die Airline will so sein Kundencenter entlasten, hieß es zur Begründung.

Wizz Air betont, dass alle Kunden nach der Stornierung ihrer Flüge Anspruch auf eine Rückerstattung haben, "auch wenn es länger als üblich dauern sollte", wie es in der Mitteilung weiter hieß. Verbraucherschützer weisen allerdings auch darauf hin, dass Kundengelder im Falle einer Insolvenz einer Fluggesellschaft nicht abgesichert sind.

Boeing braucht Staatshilfe, Airbus hat offenbar noch Luft

Immer heftiger geraten auch die Flugzeugbauer unter Druck. So steht Boeing wegen seines nach zwei Abstürzen binnen kurzer Zeit weltweit mit Flugverboten belegten Verkaufsschlagers 737 Max ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand. Und nun die Corona-Krise: Aufgrund von Mitarbeitern, die mit dem Coronavirus infiziert seien, müssten die Gesundheitsbehörden nun über die weitere Produktion des Flugzeugbauers entscheiden, berichtete das Wall Street Journal am Montag (Ortszeit). Laut einem internen Memo, auf das sich das Blatt bezieht, hatte der Konzern bis Sonntag elf positiv auf den Virus getestete Beschäftigte und 339, die wegen des Verdachts auf Infizierung in Quarantäne seien. Weitere 87 seien in Quarantäne gewesen, aber schon wieder zur Arbeit zurückgekehrt.

Der Finanzdienst Bloomberg berichtete unter Berufung auf Insider, dass Boeing bei der US-Regierung auf kurzfristige Finanzhilfen für sich selbst sowie für Zulieferer und Fluggesellschaften dränge. Der Airbus-Rivale versuche, Entlassungen und Schäden für Hunderte von kleineren Firmen in der Fertigungskette zu vermeiden

Anders als der US-Rivale hält der europäische Flugzeugbauer Airbus in der Coronakrise laut Insidern noch einige Monate ohne Staatshilfe durch. Airbus habe bei einem Krisentreffen mit dem Luftfahrtkoordinator der deutschen Regierung am Montag signalisiert, dass das französisch-deutsche Unternehmen erst in einem "Worst-Case-Szenario" Hilfen vom Staat benötigen würde, sagten drei mit den Beratungen vertraute Personen am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters.Airbus habe 16 Milliarden Euro auf der hohen Kante und brauche jeden Monat rund 5,5 Milliarden, sagte einer der Teilnehmer.

Derweil kämpft Airbus auch intern mit den Corona-Folgen. Um die Auflagen der Behörden in Frankreich und Spanien zum Schutz vor Ansteckungen zu erfüllen, hält der Konzern in beiden Ländern für vier Tage die Produktion an. So lange hatte sie zuletzt 1989 stillgestanden, als der britische Zulieferer BAE Systems streikte. In der Zeit sollen die Fabriken so umgerüstet werden, dass die Mitarbeiter mit genügend Abstand weiterarbeiten können. Am Firmensitz in Toulouse betreibt Airbus sein größtes Werk. In Deutschland und Großbritannien kann Airbus noch für einige Tage wie gewohnt weitermachen. Wegen der europaweit vernetzten Produktion sind aber auch dort Probleme absehbar. (TT.com, APA, Reuters)


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