Tirol isoliert sich selbst: Ein ganzes Land unter Quarantäne

Landeshauptmann Günther Platter hat weitere drastische Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Tirol ausgerufen und eine Quarantäne über das ganze Bundesland verhängt.

Sperre mit Polizei und Soldaten Bundesheer im Ötztal.
© TT/Böhm

Innsbruck – Das Land Tirol dehnt die Beschränkungen im öffentlichen Leben noch weiter aus und erlässt ab heute eine Quarantäneverordnung für alle 279 Tiroler Gemeinden wegen der Ausbreitung des Coronavirus. "Wir können dieses Virus nur eindämmen, wenn wir uns alle extrem einschränken", bittet Landeshauptmann Günther Platter die Tiroler Bevölkerung um Verständnis für diesen drastischen Schritt. Tirol müsse sich nämlich selbst isolieren.

📽 Video | „Die Erklärung von Landeshauptmann Günther Platter“

Die Gemeinden dürfen deshalb nur noch dann verlassen werden, wenn es um die Deckung der Grundversorgung oder um die Daseinsvorsorge geht bzw. um zur Arbeit zu kommen – und dann nur zum nächstgelegenen Ort. Sofern es einen Arzt, eine Apotheke, einen Lebensmittelhandel und eine Bank im Ort gibt, müssen die Bewohner in der Gemeinde bleiben. Platter: "Was zum Beispiel nicht geht, ist, in einen anderen Ort zu fahren, wenn im eigenen Dorf ein Lebensmittelgeschäft zur Verfügung steht." Kurz frische Luft zu schnappen, sei aber möglich.

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Einreise (fast) nur noch für Tiroler

Zugleich erlässt Tirol neben den vom Innenministerium verordneten und seit Mitternacht geltenden Grenzkontrollen zu Deutschland noch weitreichendere Schritte bei der Einreise nach Tirol. "Nur jene Personen können einreisen, die in Tirol zu Hause sind oder in der kritischen Infrastruktur oder Versorgung arbeiten. Der Warenverkehr ist unter bestimmten Voraussetzungen gestattet", ergänzt der Landeshauptmann. All diese weitreichenden Einschränkungen seien erforderlich, "weil wir verhindern wollen, dass das Virus von Tirol aus weiterverbreitet wird und wir uns auch zusätzlich schützen können".

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Seit Mitternacht gilt für ganz Tirol eine Quarantäne.
© TT/Böhm

Der Appell des Landeshauptmanns ist eindringlich: "Was es jetzt im Land Tirol braucht, ist Eigenverantwortung, Solidarität und Zusammenhalt. Und ich möchte es noch einmal erwähnen: Halten wir uns an alle Maßnahmen." Wenn nun Kritik aufkomme, könne er versichern, dass das Land in der jeweiligen Situation das Menschenmögliche getan habe, um die Gesundheit der Tiroler und auch der Gäste zu schützen.

Turnusarzt in Zams erkrankt

Jetzt gilt es für Platter aber auch nach vorne zu schauen und die volle Kraft, Energie und Konzentration auf die Bewältigung dieser Krise zu legen. "Das zeigen uns allein schon die aktuellen Zahlen: Tirol hat bisher 4515 Testungen vorgenommen, davon sind mit heutigem Tag 474 positiv." Ein Turnusarzt am Krankenhaus St. Vinzenz Zams im am stärksten vom Coronavirus betroffenen Bezirk Landeck ist ebenfalls positiv getestet worden. Dies teilte das Krankenhaus am Mittwoch mit. Die erfreuliche Nachricht für Platter am gestrigen Tag war, dass die ersten vier Personen wieder vollständig genesen sind und der Großteil der Erkrankungen derzeit mild verlaufen würde. "Die Zahlen steigen aber weiter an", will der Landeshauptmann aber der Bevölkerung nichts vormachen.

Das Paznaun, St. Anton und Dienstagabend Sölden: Zuletzt stellte das Land die Tourismushochburgen wegen steigender Corona-Fälle unter Quarantäne. Gestern wurde es erneut hektisch, schließlich gab es vermehrte Meldungen aus dem Zillertal. Und darüber hinaus wurde in der Hahnenkammstadt Kitzbühel die Situation ebenfalls kritisch analysiert.

Debatte um Mayrhofen

Wie schon zuvor in Ischgl kursierten im Zillertal Spekulationen darüber, dass Erkrankungen bewusst kleingeredet werden. Dann tauchten Fotos und Videos aus Mayrhofen im Netz auf. Eine Person in voller Schutzmontur vor einem Hotel mitten im Ort. Ein Mitarbeiter postete auf Facebook, dass er positiv getestet worden sei und die Menschen aus seinem Umfeld aufrufe, sich einem Corona-Test zu unterziehen. Auch die Hotelführung informierte Gäste, die sich zwischen 7. und 14. März in ihrem Haus aufgehalten hatten, über den Corona-Fall.

Alle 279 Tiroler Gemeinden sind ab sofort isoliert.
© TT/Rachlé

Mayrhofens Bürgermeisterin Monika Wechselberger berichtete von zwei positiv Getesteten und Dutzenden Absonderungsbescheiden aus dem Umfeld dieser Personen. "Sie müssen nun daheim in ihren eigenen vier Wänden bleiben." Mittwochvormittag stand das Zillertal jedenfalls bereits ganz oben auf der Liste bei der Einsatzbesprechung im Land.

Zillertaler reagieren gelassen

"Was soll noch passieren, bis das Tal dichtgemacht wird? Wir haben schon an vielen Stau-Samstagen geübt, wie es ist, wenn man nirgendwo hinkommt", wunderte sich eine Zillertalerin. Ein Passant meinte: "Wie soll das funktionieren?" Andere nehmen es wiederum locker: "Wir sollen ja eh alle zu Hause bleiben, da macht das jetzt auch keinen Unterschied mehr."

Die Autobahnen in Tirol werden in den kommenden Tagen noch leerer: Es sollten nur noch Fahrten zur Arbeit oder zur Grundversorgung unternommen werden.
© Foto TT/Rudy De Moor

Gerade diese Frage beschäftigt das Krisenmanagement. Machen Insellösungen noch Sinn, wird die Quarantäne dann nicht zu einem Fleckerlteppich, obwohl das öffentliche Leben ohnehin bereits lahmgelegt wurde? Denn nicht nur für das Zillertal überlegte das Land entsprechende Quarantänemaßnahmen, sondern außerdem für Kitzbühel. Der dortige Bürgermeister Klaus Winkler, der sich nach einer Aufsichtsratssitzung der Kitzbüheler Bergbahnen in Quarantäne befindet, weil sich ein Mitglied des Aufsichtsrates mit Corona infiziert hatte, hält das allerdings nicht für notwendig. "Kitzbühel ist nicht vergleichbar mit Ischgl oder St. Anton", betont Winkler, dessen Corona-Test negativ ist. Trotzdem bleibt er freiwillig in häuslicher Isolation und erledigt im Home Office seine Geschäfte.

Berufsverkehr und Besorgungen des täglichen Lebens möglich

Doch wie weiter vorgehen? Gestern wurde entschieden, alle Gemeinden unter Quarantäne zu stellen. Der unabdingbare Berufsverkehr ist jedoch weiter möglich, auch Besorgungen des täglichen Lebens, die im Heimatdorf nicht möglich sind.

Die Aufforderung, dass die Tirolerinnen und Tiroler freiwillig in ihren Häusern bleiben sollen, wirkt offenbar. Der Bürgermeister von Umhausen und ÖVP-Klubchef Jakob Wolf zollt der Bevölkerung dafür großen Respekt. "Das ist wirklich großartig." Offen gibt er zu, dass eine komplette Sperre des Ötztals zur Diskussion gestanden sei. "Aber das ist aus meiner Sicht nicht notwendig."

Wird in den kommenden Tagen zu einem gewohnten Bild: Soldaten und Polizisten, die die strengen Maßnahmen kontrollieren.
© APA/EXPA/ JOHANN GRODER

In Sölden nahm man die Quarantäne am Mittwoch ohne große Aufregung zur Kenntnis. Neben den Einheimischen sind lediglich noch rund 300 Mitarbeiter der Tourismusbetriebe vor Ort. Die Umstellung wird nicht mehr als besonders groß empfunden, weil es ohnehin nur wenige Pendler talauswärts gebe, wie Bürgermeister Ernst Schöpf betont. Und die bisherigen Beschränkungen würden ohnehin bereits die meisten Betriebe und Unternehmen betreffen.

📽 Video | Bericht um Kontrollpunkt in Sölden

Zur Krisenbewältigung fehlen Erfahrungswerte

Aber wie läuft so eine Quarantäne im Alltag ab? So musste gestern eine Sölderin ihre Katze dringend zum Tierarzt nach Längenfeld bringen, durfte aber nicht hinaus. Eine Freundin aus dem äußeren Tal hat ihr dann das Tier abgenommen, zum Tierarzt gebracht und wieder zur Straßensperre zurücktransportiert. Dort wurde die Katze in der Katzenbox zwischen den beiden Frauen auf die Straße gestellt und mit einem Sicherheitsabstand von drei Metern dem Frauerl übergeben. Beide hatten Gummihandschuhe an.

Die Zahl der Infizierten ist auch am Mittwoch wieder stark angestiegen.
© APA/EXPA/ JOHANN GRODER

Nach den heftigen Diskussionen und Vorwürfen in den vergangenen Tagen über ein schlechtes Krisenmanagement meldeten sich jetzt aus dem Paznaun die Gemeinde Ischgl, der Tourismusverband Paznaun-Ischgl und die Silvrettaseilbahn AG mit einer gemeinsamen Stellungnahme zu Wort. Man habe vor Ort immer versucht, alles richtig zu machen. "Mit dem Wissen von heute müssen wir erkennen, dass die Bewältigung dieser Krise eine große Herausforderung ist, zu der weltweit Erfahrungswerte fehlen. In dieser Lage haben die Behörden immer alles Menschenmögliche unternommen - in der Überzeugung, richtig zu handeln." Natürlich werde man die Abläufe im Nach­hinein auf den Prüfstand stellen und klären, "ob, und wenn ja, was besser gemacht hätte werden können", heißt es.

Heftige Diskussionen gab es in Samnaun, ob das an Ischgl angrenzende Skigebiet offen bleiben soll. Weil es dort noch keinen einzigen Corona-Fall gibt, wollte Samnaun noch eineinhalb Monate Ski fahren. Aber das akzeptierte der Schweizer Bundesrat nicht, am 14. März war Schluss. (TT)


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