Verunsicherung wegen Ibuprofen: Innsbrucker Pharmakologe klärt auf

Der Innsbrucker Pharmakologe Hans-Günther Knaus rät davon ab, bestehende Medikation abzusetzen. Das könnte Grunderkrankungen verschlechtern, was wiederum eine Coronavirus-Erkrankung komplizierend beeinflussen könnte.

So sieht das Coronavirus (SARS-CoV-2) unter dem Mikroskop aus.
© APA/AFP/National Institutes of Health

Innsbruck – Seit Tagen geistern Meldungen durchs Internet, wonach das fiebersenkende Medikament Ibuprofen einen schweren Verlauf einer Coronavirus-Erkrankung begünstigen könnte. Sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat mittlerweile offiziell von einer Einnahme ohne ärztlicher Abklärung abgeraten – zumindest solange, bis es genaue Forschungsergebnisse diesbezüglich gibt bzw. das Risiko eindeutig abschätzbar ist.

📽 Video | WHO: Ohne ärztlichen Rat kein Ibuprofen

Nun hat sich Hans-Günther Knaus, Direktor des Instituts für Molekulare und Zelluläre Pharmakologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, in die Debatte eingebracht. Auch er ist sich der Tatsache bewusst, dass Mutmaßungen kursieren, wonach „bestimmte Bluthochdruckmedikamente wie ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorantagonisten (sogenannte Sartane), aber auch andere Arzneistoffe wie zum Beispiel bestimmte Antidiabetika oder Ibuprofen eine COVID-19-Infektionen negativ beeinflussen könnten". „Daraus zu folgern, diese Arzneistoffe sofort abzusetzen oder erst gar nicht mehr zu verwenden, ist nach aktuellem Kenntnisstand absolut nicht gerechtfertigt“, betont der Pharmakologe nachdrücklich.

Hans-Günther Knaus, Direktor des Instituts für Molekulare und Zelluläre Pharmakologie.
© Privat

Wie Knaus erklärt, nutzt das Coronavirus das Enzym „Angiotensin Converting Enzym 2" (ACE2), um in menschliche Zellen zu gelangen. Dieses Enzym werde hauptsächlich von Zellen der Lunge produziert, weswegen die Lunge häufig Eintrittspforte für das Virus sei. Das Enzym werde aber auch in löslicher Form produziert und verteile sich im Blutkreislauf des Menschen – eine Tatsache, die eine COVID-19-Infektion der Lunge laut Knaus deutlich unterdrücken oder verzögern könnte.

„Zusammenfassend könnte eine erhöhte Expression von ACE2 also sowohl positive als auch negative Effekte im Rahmen einer Coronavirus-Infektion haben“, so Knaus. ACE2 baue Blutdruckhormone des sogenannten „Renin-Angiotensin-Systems" ab, die wiederum von dem verwandten Enzym ACE gebildet werden. Sehr häufig verwendete Bluthochdruckmedikamente (wie ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorantagonisten) blockieren diese Blutdruckhormonbildung. Studien an Ratten und eine Studie am Menschen hätten ergeben, dass diese Blockade zu einer leichten Erhöhung des Enzyms ACE2 führen kann. „Während die Bedeutung für eine möglicherweise erhöhte Infektanfälligkeit durch COVID-19 unklar ist, gibt es hingegen sehr überzeugende Daten für einen schützenden Effekt durch die Blockade des Renin-Angiotensin-Systems bei schwerem Lungenversagen, dem so genannten ARDS („acute respiratory distress syndrome“)“, versucht Knaus zu beruhigen.

Laut dem Pharmakologen zeigen Daten von der ersten SARS-Pandemie, dass sowohl eine erhöhte Expression von ACE2, aber auch eine Blockade von ACE (beispielsweise durch Blutdrucksenker) den Verlauf des ARDS günstig beeinflussen. „Im Rahmen einer Lungenentzündung kann eine Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems also auch vorteilhafte Effekte vermitteln“, so Knaus.

Nachdem Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Diabeteserkrankungen für sich schon als Risikofaktoren für einen problematischeren Corona-Verlauf gelten (unabhängig davon, mit welchen Substanzen sie behandelt werden), raten alle wesentlichen Fachgesellschaften (darunter die Europäische Gesellschaft für Klinische Pharmakologie, die Europäische Gesellschaft für Hochdruckerkrankungen und die Europäische Gesellschaft für Kardiologie) dringend davon ab, zum jetzigen Zeitpunkt die verordneten und wirksamen Therapien mit ACE Hemmern und Angiotension-Rezeptorantagonisten abzusetzen.

„Absetzen könnte Grunderkrankung verschlechtern"

Gleiches gelte auch für Therapien mit bestimmten Antidiabetika oder Ibuprofen. „Abgesehen davon, dass diese Risikodaten im Wesentlichen auf hypothetischen Annahmen beruhen und die Gültigkeit für den Menschen bisher in keiner Weise gezeigt wurde, könnte durch das Absetzen der bestehenden Medikation die Grunderkrankung substantiell verschlechtert werden – eine Tatsache, die wiederum eine mögliche COVID-19-Infektion komplizierend beeinflussen könnte“, sagt Knaus. (TT.com)


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