750 Milliarden Euro: EZB lanciert Notfallprogramm

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft ab sofort in großem Umfang staatliche und private Papiere auf. Notfalls will die EZB dieses Programm auch noch ausweiten.

Das Notfallprogramm solle so lange laufen, bis nach Einschätzung des EZB-Rats die von der Pandemie ausgelöste "Krisenphase" vorüber ist.
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Frankfurt – Jetzt hat sie ihn also bekommen, den berüchtigten "Whatever it takes"-Moment, den auch ihr Vorgänger Mario Draghi durchstehen musste und den Christine Lagarde gerne vermieden hätte: "Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliches Handeln", erklärte die EZB-Präsidentin am Donnerstag via Twitter. Es gebe keine Grenzen für das EZB-Engagement für den Euro. Mit diesen Worten unterstrich Lagarde ihre Entschlossenheit, nachdem die Notenbank ihr Notfallprogramm im Umfang von 750 Millarden Euro bis Ende 2020 beschlossen hat

Bis mindestens Jahresende sollen damit Staats- und Unternehmensanleihen gekauft werden, wie die Zentralbank in der Nacht zum Donnerstag mitteilte. Zugleich werde der EZB-Rat im Kampf gegen die wirtschaftlichen Schockwellen der Pandemie "alles Notwendige" tun - und die Anleihekäufe gegebenenfalls noch ausweiten.

"Den Schock absorbieren"

Das Notfallprogramm solle so lange laufen, bis nach Einschätzung des EZB-Rats die von der Pandemie ausgelöste "Krisenphase" vorüber sei, aber mindestens bis Jahresende, hieß es in der Mitteilung, die nach einer außerordentlichen Telefonkonferenz des EZB-Rates veröffentlicht wurde. "Wir sind entschlossen, innerhalb unseres Mandats das volle Potenzial unserer Werkzeuge zu nutzen", so Lagarde.

Das Notfall-Anleihekaufprogramm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) soll nach Angaben der EZB dazu beitragen, dass alle Wirtschaftssektoren von besseren Finanzierungsbedingungen profitieren und damit den durch die Ausbreitung des Coronavirus ausgelösten "Schock absorbieren" können. Dies betreffe gleichermaßen Familien, Firmen, Banken und Regierungen.

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"So viel wie nötig und so lange wie nötig"

Zugleich betonte die EZB, dass der Rat der Zentralbank als oberstes Beschlussorgan "alles Notwendige" tun werde und dazu bereit sei, den Umfang der Anleihekäufe aufzustocken – "so viel wie nötig und so lange wie nötig".

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron begrüßte die "außergewöhnlichen" Maßnahmen der EZB. Nun sei es an den Ländern der Eurozone, größere "finanzielle Solidarität" an den Tag zu legen und bereit zu Eingriffen in die Staatshaushalte zu sein.

Erste Reaktionen

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: „Die Maßnahmen haben meine volle Unterstützung.“

Commerzbank Chefvolkswirt Jörg Krämer sprach von einer "neuen EZB-Bazooka": „Sie werde den Anleihen der hoch verschuldeten Staaten helfen.“

Chris Weston, Chefanalyst beim Brokerhaus Pepperstone zu der Situation an den Börsen: "Es gibt keine Käufer, es gibt nicht viel Liquidität, und jeder ergreift einfach nur die Flucht", sagte Notenbank-Experte Frederik Ducrozet vom Schweizer Bankhaus Pictet äußerte sich positiv. "Auf mehr konnten wir nicht hoffen. Dass nun auch Griechenland und Commercial Papers aufgenommen würden, ist das "Sahnetüpfelchen.“

EU-Ratspräsident Charles Michel: "Europa gibt eine starke wirtschaftliche Antwort" auf die Herausforderungen durch die Pandemie.“

David Sassoli Präsident des Europaparlaments: "Die EZB sichert die europäische Wirtschaft ab, indem sie Familien, Arbeitnehmer und Unternehmen schützt."

Der Italiener fügte den englischen Hashtag #WhateverItTakes an - in Anspielung an die Äußerung des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi während der Finanzkrise, alles Notwendige zu tun, um den Euro zu schützen.

Die EZB hatte in der Vergangenheit bereits in der Finanz- und Staatsschuldenkrise eine zentrale Rolle gespielt, als sie mit einer Nullzinspolitik und dem massiven Kauf von Staatsanleihen dafür sorgte, dass in der Klemme steckende Euro-Länder sich weiter finanzieren konnten.

Lagardes Vorgänger Mario Draghi war dabei 2012 mit dem Satz "Was immer nötig ist" berühmt geworden. Mit diesem Statement sicherte er zu, dass die EZB im Rahmen ihres Mandats alles tun werde, um den Euro zu retten - Spekulanten nahm er damit Wind aus den Segeln.

Keine Entspannung auf den internationalen Märkten

An den Börsen hatte dies den drastischen Kursrutsch aber nicht stoppen können. Die massiven Geldspritzen der EZB und anderer Notenbanken konnten nichts gegen die Panik bei den asiatischen Anlegern ausrichten. Fast alle Börsen in Fernost gaben am Donnerstag nach. Die Investoren trennten sich auch von Anleihen und suchten ihr Heil im Dollar. "Es gibt keine Käufer, es gibt nicht viel Liquidität, und jeder ergreift einfach nur die Flucht", sagte Chris Weston, Chefanalyst beim Brokerhaus Pepperstone.

Auch bei den zuletzt ebenfalls stark unter Druck geratenen Ölpreisen ging es nach oben: Der Wert eines Barrel (159 Liter) der US-Referenzsorte WTI legte im frühen Handel als Reaktion auf den EZB-Entscheid um 16 Prozent zu. (APA/AFP)


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