Alles "Panikmache"? Virale Thesen im Faktencheck

"5G ist schuld" oder "Zwiebeln ziehen Coronaviren an" – solche Informationen rund um das neue Coronavirus kursieren in WhatsApp-Chats und Facebook-Beiträgen. Vermehrt werden in sozialen Netzwerken falsche, teilweise gefährliche Behauptungen und Verschwörungstheorien geteilt. Was wirklich dran ist, erfahren Sie hier:

(Symbolfoto)
© Pixabay

Berlin – In den vergangenen Tagen machte der Lungenarzt und ehemalige Bundestagsabgeordnete der SPD Wolfgang Wodarg mit steilen Thesen zum neuartigen Coronavirus von sich hören. Interviews mit ihm auf YouTube wurden millionenfach angeschaut. Einige seiner Behauptungen und weitere Verschwörungstheorien, die im Netz kursieren, sind hier im Faktencheck gesammelt:

1. Ist das Virus wirklich neu?

💬 Behauptung: Das Virus sei vielleicht gar nicht so neu. Man könne nicht wissen, "ob nicht schon in Peking oder in Italien früher diese Viren vorhanden waren". Man habe "nie danach suchen können und nie danach gesucht".

Bewertung: Coronaviren sind seit langem bekannt, der aktuell grassierende Erreger-Typ ist aber erst kürzlich von Tieren auf den Menschen übergesprungen.

💯 Fakten: Wie neu genau Sars-CoV-2 ist, ist schwer zu sagen. Allerdings bezweifeln Forscher, dass es das Virus schon Jahre vor den ersten Krankheitsfällen in China gab, "allenfalls wenige Monate vor der Entdeckung im Dezember", schätzt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. "Sollte dieses Virus schon vorher in Italien oder China vorhanden gewesen sein, hätte man die Erkrankten erkannt, die negativ auf die bekannten Atemwegserreger sind, und hätte nach dem neuen Erreger gesucht – so wie im Dezember in China", sagt auch Stephan Becker vom Institut für Virologie der Universität Marburg.

Weitere Hinweise darauf, dass es sich um einen neuen, sich rasch verbreitenden Erreger handelt, geben laut dem Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Jörg Janne Vehreschild, die Daten zum Krankheitsverlauf. In den meisten Statistiken sei etwa zwei Wochen nach Anstieg der Fallzahlen auch ein Anstieg der Sterbezahlen zu sehen. Wäre das Virus von vornherein in der gesamten Bevölkerung verbreitet gewesen, wäre das Muster ein anderes.

2. Ist die Coronakrise nur ein Hype?

💬 Behauptung: Die Coronakrise sei ein "Hype". Die Krankenhäuser würden belastet "durch die vielen Fragen und durch die Panik, aber nicht durch neue Krankheitsfälle". Es seien "leichtfertige und unberechtigte Quarantänemaßnahmen und Verbotsregelungen" in Kraft – und "gegen einen unsinnigen Freiheitsentzug sollte man sich zur Wehr setzen".

Bewertung: Diese Behauptungen widersprechen den Erkenntnissen von Forschern weltweit. Sie werden auch durch die Berichte aus Ländern widerlegt, in denen hohe Fallzahlen verzeichnet werden, etwa Italien. Behördlichen Maßnahmen nicht Folge zu leisten, gefährdet die Gesundheit und kann strafbar sein.

💯 Fakten: Wer in den vergangenen Tagen Berichte aus Norditalien gelesen hat, der weiß: Die Menschen in den Krankenhäusern von Bergamo oder Brescia sterben nicht an Panik oder offenen Fragen, sondern in sehr vielen Fällen an Covid-19. Wie hoch der Anteil von Covid-19-Erkrankten ist, die daran sterben, lässt sich erst nach dem Ende der Pandemie genau berechnen. Er dürfte nach Angaben der WHO bei einigen Promille liegen, also wenigen Fällen von Tausend.

Das große Problem bei Covid-19 ist der verhältnismäßig hohe Anteil Erkrankter, die intensivmedizinisch betreut werden müssen. Die Fallzahlen sollen deshalb durch die aktuellen Vorkehrungen zu jeder Zeit so gering wie möglich gehalten werden, um die Intensivstationen zu entlasten. Viele Virologen halten das Vorgehen in der jetzigen Situation für angemessen. "Wenn wir jetzt nicht aufpassen, bekommen wir auf den Intensivstationen Verhältnisse wie zum Teil in Italien. Dann müssten Ärzte entscheiden, wem sie ein Bett auf der Intensivstation geben und wem nicht", so der Virologe Martin Stürmer.

Gefährlich ist ein Aufruf dazu, sich gegen einen "unsinnigen" Freiheitsentzug "zur Wehr zu setzen", übrigens nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. Wer sich einer Anordnung zur Quarantäne oder einer Ausgangssperre widersetzt, macht sich strafbar.

3. Chemikalien trinken – was bringt's?

💬 Behauptung: Chlordioxid zu trinken hilft gegen das Coronavirus.

Bewertung: Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür. Im Gegenteil: Verschiedene Behörden warnen seit Jahren vor den gesundheitsschädlichen Wirkungen von Chlordioxid.

💯 Fakten: Chlordioxid wird als Bleichmittel und zur Desinfektion verwendet. Die chemische Verbindung wirkt – je nach Konzentration – auf Haut und Schleimhäute reizend bis ätzend. Mögliche Folgen einer Einnahme sind Hautverätzungen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Nierenversagen und Atemstörungen. Experten in Deutschland und den USA warnen davor, die Chemikalie aufzunehmen und stufen sie als bedenklich ein.

4. Ist 5G Schuld?

💬 Behauptung: Das Coronavirus soll eine Gesundheitskrise vertuschen, die durch Einführung von 5G in Wuhan verursacht wurde.

Bewertung: Das Virus steht weder in Zusammenhang mit Mobilfunk im Allgemeinen, noch mit dem neuen Übertragungsstandard 5G.

💯 Fakten: Im Dezember 2019 werden erste Infektionen einer neuartigen Lungenkrankheit in China bekannt. Am 7. Jänner 2020 identifizieren Experten ein neuartiges Coronavirus als Erreger, so die WHO.

Die chinesische Regierung hat bereits rund eineinhalb Jahre zuvor, im Mai 2018, grünes Licht für 5G-Tests der staatlichen Telekommunikations-Unternehmen in 16 Städten gegeben – darunter Wuhan, Peking und Shanghai. Im Oktober 2019 verkünden China Mobile, China Telecom und China Unicom, dass sie zum 1. November 2019 offiziell mit 5G starten würden.

Obwohl 5G zum Zeitpunkt des ersten Auftretens des Virus in Wuhan also schon einige Zeit im Einsatz ist, wird im Netz ein direkter Zusammenhang mit dem Start der Technologie hergestellt. Die meisten Wissenschafter gehen grundsätzlich nicht davon aus, dass Mobilfunk die Gesundheit gefährdet. Es gebe keinen Beleg für negative Folgen, wenn die Strahlung unterhalb der Grenzwerte liegt.

5. Fangen Zwiebeln Coronaviren?

💬 Behauptung: Zwiebeln ziehen wie eine Art "Magnet" die Coronaviren aus der Luft.

Bewertung: Solche Heilkräfte gegenüber Viren haben Zwiebeln nicht.

💯 Fakten: Zwiebeln wirken antimikrobiell. Das heißt, sie schränken die Ausbreitung von Mikroorganismen ein, indem sie diese töten oder deren Wachstum lähmen. Da die im Zwiebelsaft enthaltenen antimikrobiellen Schwefelverbindungen flüchtig sind, können Mikroorganismen durchaus auch in der Luft abgetötet werden.

Nach Aussage von Haike Antelmann, Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität, sind davon allerdings vor allem Bakterien betroffen. Es gebe bisher keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass die antimikrobielle Wirkung der Zwiebel auch bei Viren wirkt. (APA/dpa)


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