"Virus teilt Zeitrechnung in vorher und nachher ein": Presse zu Corona-Krise

Die Corona-Krise ordnet die Welt neu. Es werde auch eine Zeit danach geben, schreibt eine Zeitung. Aber dann wird das Virus die Zeitrechnung neu eingeteilt haben. Indes hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ihre vielleicht wichtigste Rede gehalten, schreibt ein polnisches Medium.

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Das Coronavirus legt Europa lahm. Italien kämpft mit schweren Auswirkungen, Österreich versucht noch gegenzusteuern.
© MIGUEL MEDINA

Brüssel, Wien, Zürich – Zu den Auswirkungen der Coronavirus-Krise schreiben die Zeitungen am Freitag:

Rzeczpospolita (Warschau):

"Nur ein Augenblick ist vergangen zwischen sorglosen Treffen von Politikern mit ihren Anhängern und Polizeieinsätzen gegen die Teilnehmer von Coronaparties. Der Westen wandelt sich in einem nicht gekannten Tempo. Und fast scherzhaft könnte man sagen: Eine der großen politischen Veränderungen, die uns die Coronavirus-Epidemie bringt, ist das Comeback von Angela Merkel. Sie war sichtlich erschöpft von 15 Jahren des Kanzler-Daseins, schon wurden die Monate, ja sogar Wochen bis zu ihrem Abgang gezählt.

Und plötzlich, am Mittwochabend, trat sie mit der wichtigsten Rede in ihrer Karriere vor die Bürger. Es sieht sehr schlecht aus, machte sie klar. Aber wir können gewinnen, wenn wir die Epidemie gemeinsam als die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg behandeln. Es hängt von uns ab, wie viele unserer Nächsten wir verlieren. "

Eesti Päevaleht (Tallinn):

"Wegen der Sturheit Polens musste Estland sogar eine vorübergehende Fährverbindung zwischen Estland und Deutschland einrichten, um normalen Reisenden dabei zu helfen, nach Hause zu kommen. Schöne Geschichte: Wenn wir sonst immer befürchten, dass Russland im Falle eines Konflikts die baltischen Staaten von Europa abtrennen könnte, ist es nun unser Verbündeter Polen, der dies in Friedenszeiten tut."

Latvijas Avize (Riga):

"Die Zeit wird vergehen und das Leben wird wieder seinen gewohnten Gang gehen. Kinder werden zur Schule gehen, in Cafés werden fröhliche Stimmen zu vernehmen sein und die Menschen wieder auf Reisen gehen. Es wird die erste Fähre, den ersten Zug und das erste Flugzeug geben. Und doch wird sich alles geändert haben, die Welt wird nie wieder dieselbe sein. Das Virus wird die Zeitrechnung in 'vorher' und 'nachher' aufteilen – mit 2020 in der Mitte.

Die Beziehungen zwischen Staaten, zwischen der Macht und dem Volk werden sich ändern. Wahrscheinlich auch zwischen Menschen - sowohl zum Guten als auch zum Schlechten. Prioritäten werden neu bewertet, Einfluss, Macht und Reichtum umverteilt. Wie das aussehen wird, ist noch nicht möglich, genau vorherzusagen."

Tages-Anzeiger (Zürich):

"Es könnte bald hässlich werden in unseren Spitälern. Im Tessin ist aufgrund der schnellen Corona-Ausbreitung mit dem Kollaps der Intensivpflege zu rechnen. In Kürze werden die verfügbaren Plätze nicht mehr ausreichen – und die dortigen Ärzte kommen in die Lage, dass sie über pflegenswertes und -unwertes Leben entscheiden müssen. Auch in der Restschweiz ist die Reserve an verfügbaren Betten beunruhigend tief.

Schlechte Nachrichten also – doch rechtfertigen sie eine nationale Ausgangssperre, wie sie nun immer lautstärker gefordert wird? Vor allem Kantonsregierungen aus der Romandie und verschiedene Epidemiologen machen sich für diesen größtmöglichen Eingriff in die Bewegungsfreiheit des Einzelnen stark. Vom Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist eine demokratische Behörde aber auch in Zeiten des Notrechts nicht dispensiert. Eine schweizweite Ausgangssperre müsste besser begründet werden, als dies derzeit geschieht."

Neue Zürcher Zeitung:

"Die Idee erscheint nicht abwegig, mehrere Staaten haben die Bewegungsfreiheit ihrer Bürger bereits massiv eingeschränkt. In Italien, Frankreich oder Spanien darf man das Haus nur noch in definierten Ausnahmefällen verlassen. Warum sollte nicht auch die Schweiz nachziehen? Wenn alle daheim bleiben, wird das Tempo der Ansteckungen nachlassen. Auch die Uneinsichtigen würden merken, was es geschlagen hat. (...)

Die psychologische Wirkung einer Ausgangssperre ist potenziell verheerend. Sie untergräbt die Eigenverantwortung. Der Kampf gegen das Virus ist effektiver, wenn sich die Bevölkerung der Risiken bewusst ist und nach den Regeln des gesunden Menschenverstands beurteilt, was geht und was nicht. Zudem ist die Geduld nicht grenzenlos. Bis anhin werden die massiven Einschnitte weitherum akzeptiert, auch weil sie sich logisch erklären lassen. Wenn aber das Gefühl aufkommt, der Staat sperre die Bürger auf Vorrat ein, kann die Stimmung kippen."

El Mundo (Madrid):

"Nach der Gleichgültigkeit, die (die Präsidentin der Europäischen Zentralbank Christine) Lagarde vor einer Woche gezeigt hatte, als sie die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie unterschätzte, hat die EZB endlich die Sensibilität aufgebracht, die alle forderten, um die Krise anzugehen (...). Während vor wenigen Tagen die Aktienmärkte auf die Worte der Präsidentin mit einem Zusammenbruch reagiert hatten, begrüßen die Analysten jetzt die Anstrengung, die unternommen wird, um den Schock abzufangen. (...)

Das Eingreifen der Zentralbank ist eine gute Nachricht. (...) Denn alle Extra-Anstrengungen der einzelnen Länder bringen nichts, wenn die mächtigste Institution des Euro nicht im Einklang mit den Grundwerten des von ihr verkörperten Projekts der Einheit und des Zusammenhalts handelt."

The Guardian (London):

"In Notzeiten sind Notfallmaßnahmen erforderlich. Das kann kaum bestritten werden. Der Ausbruch von Covid-19 ist zweifellos eine Notsituation. Ganze Bevölkerungsgruppen sind durch die Krankheit gefährdet, einige Gruppen akut. Dies ist ein schwerwiegendes Ereignis. Außergewöhnliche Maßnahmen sind erforderlich, im Grundsatz und in der Praxis, hier und in anderen Nationen, um die Sicherheit aller Menschen zu gewährleisten und eine möglichst umfassende, geordnete und wirksame Reaktion auf die Krise zu erreichen."

Nesawissimaja Gaseta (Moskau):

"Die Coronavirus-Pandemie führt nicht nur zu Spannungen in der Welt, sie hat auch einen gewaltigen negativen Einfluss auf die Lage der internationalen Beziehungen. Die starke Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 bestimmt die neuen Regeln der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit (...) Die Weltdiplomatie macht eine Pause. Das Virus zerstört die Traditionen im Verhältnis der Staaten zueinander. Wegen der Quarantäne-Bestimmungen gibt es nun den Trend, dass sich die Anführer für eine Zeit gar nicht mehr persönlich treffen.

Es tritt eine Phase ein, in der die Weltdiplomatie nur noch mithilfe digitaler Technologien funktioniert (...) Viele wichtige Veranstaltungen zu großen Problemen sind in Frage gestellt. Und niemand kann bisher vorhersagen, welche Ergebnisse diese neue Normalität in den internationalen Beziehungen noch bringen kann, wenn sich niemand mehr von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten, sondern sich bestenfalls nur noch auf dem Bildschirm sehen kann."

De Tijd (Brüssel):

"In China war der Kampf gegen das Coronavirus hart und die Maßnahmen waren drakonisch. Anfänglich wurde jedoch der Ernst unterschätzt. (...) Aber sobald der Kampf im Gange war, ging es schnell: massenhafte Tests, rigorose Isolierung der Infizierten, strenge Quarantäne und ein Lockdown für alles und jeden. Sogar die Produktion wurde eingestellt.

Der chinesische Ansatz scheint effizient zu sein, auch wenn sich erst noch zeigen muss, ob die Krise wirklich vorbei ist. Es gibt aber auch Länder, die mit einem anderen und zielgerichteteren Ansatz erfolgreich waren. Südkorea und Singapur zum Beispiel. Dort war man eindeutig besser auf eine Epidemie vorbereitet."


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