Gestrandet in Lima: TT-Redakteurin sitzt in Perus Hauptstadt fest

Eine mehrwöchige Reise im Andenstaat fand wegen der Coronavirus-Pandemie ein jähes Ende in einem Appartement in Lima. Alle Flüge nach Europa wurden gestrichen, eine Ausgangssperre herrscht in Peru ebenfalls. Jetzt heißt es möglichst entspannt abwarten und auf die heimischen Behörden vertrauen.

Das Apartment im 19. Stock bietet einen grandiosen Ausblick über Lima. Raus darf man wie in Österreich nur für die Grundversorgung. Von 20 bis 5 Uhr gilt in der peruanischen Hauptstadt zudem eine generelle Ausgangssperre.
© Ennemoser-Arican

Von Magdalena Ennemoser-Arıcan

Gleich vorweg: Es hätte uns deutlich schlechter treffen können. Seit mittlerweile fünf Tagen sitzen wir nun wegen der Coronavirus-Pandemie zu zweit in einem kleinen Appartement in der peruanischen Hauptstadt Lima fest. Wir sind gesund, ausreichend mit Wasser und Lebensmitteln eingedeckt, haben eine traumhafte Aussicht – und Netflix.

In den vergangenen Tagen hat Peru wie Österreich weitreichende Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Diese wurden zeitig gesetzt, bisher gibt es in dem Land mit etwa 32 Millionen Einwohnern etwas mehr als 230 bestätigte Infektionen.

Es war Ende Februar, als wir unsere lang ersehnte Reise in den Andenstaat antraten. In Tirol waren gerade die ersten Coronavirus-Fälle bekannt geworden, Südamerika war von dem Virus noch kaum betroffen. Während wir unseren Urlaub genossen und die Entwicklungen zuhause über Social Media mitverfolgten, war das Coronavirus in den ersten zwei Wochen unseres Aufenthalts in Peru noch kaum Thema. Das sollte sich schlagartig ändern.

Grenzen dicht, Flugverkehr eingestellt

Am vergangenen Wochenende hieß es plötzlich, die Regierung werde binnen weniger Tage die Grenzen für vorerst zwei Wochen dicht machen und Flüge nach Europa verbieten. Statt die weltberühmte Inka-Ruinenstadt Machu Picchu zu erkunden, beschlossen wir daraufhin, so rasch wie möglich von der Stadt Cusco in die Hauptstadt Lima zu reisen. Am dortigen Flughafen tummelten sich bereits verzweifelte Touristen, die sich um die letzten, maßlos überteuerten Tickets nach Europa rissen. Da uns die Heimreise über Drittstaaten angesichts der sich nahezu im Minutentakt ändernden Situation zu unsicher erschien, beschlossen wir, erst einmal abzuwarten. Wir checkten in ein kleines Appartement in Lima ein. Unser für den 20. März geplanter Rückflug wurde erst zweimal umgebucht und schließlich annulliert.

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Nur eine Packung Klopapier: TT-Redakteurin Magdalena Ennemoser-Arıcan (l.) und ihre Reisegefährtin Lara geben sich bescheiden.
© Ennemoser-Arican

Wir haben uns von Anfang an dazu entschlossen, der Situation mit Gelassenheit entgegenzutreten. Das hat bisher gut funktioniert. Wir sind in Kontakt mit dem österreichischen Botschafter in Lima, der uns über aktuelle Entwicklungen informiert. Vonseiten der Fluglinie gibt es wenig bis gar keine Informationen, alle Leitungen sind heillos überlastet. Laufend trudeln über verschiedene Kanäle neue Informationen ein, die sich meist als haltlos entpuppen. Während wir von Bekannten in Lima erfahren, dass die israelische Regierung ihre in Peru festsitzenden Bürger bereits nach Hause holt, warten wir ab.

Generelle Ausgangssperre von 20 bis 5 Uhr

Ähnlich wie in Österreich dürfen die Menschen in Lima lediglich zum Arbeiten und Einkaufen vor die Tür, von 20 bis 5 Uhr gilt eine generelle Ausgangssperre. Und hier zeigen sich die schönen Seiten einer Krise: Sobald das Verbot um 20 Uhr in Kraft tritt, ist in den weitgehend menschenleeren Straßen minutenlanger Applaus und Jubel zu hören. Ein Zeichen der Unterstützung der Maßnahmen und Anerkennung der Leistungen von Polizei, Pflegekräften, Verkaufspersonal und allen anderen, die während der Krise besonders gefordert sind.

📽 Video | Minutenlanger Applaus und Jubel zum Zeichen der Unterstützung:

Tagsüber ist statt dem üblichen Verkehrschaos Vogelgezwitscher und Hundegebell zu hören. Surreal und fast schon kitschig, würde die ungewohnte Ruhe in der Millionenstadt nicht immer wieder von Polizeisirenen durchbrochen.

Zur Entschleunigung gezwungen

So weit wir das von unserem Appartement im 19. Stock aus beurteilen können, wird die Ausgangssperre weitgehend eingehalten. Auch wir verlassen das Gebäude nur, um Lebensmittel, Wasser und Hygieneartikel zu besorgen. Die Zeit vertreiben wir uns mit ausführlichen Telefonaten mit Familie und Freunden, Lesen und Serien schauen. Für sportliche Aktivitäten bietet die Wohnung kaum Platz, aber Not macht bekanntlich erfinderisch: Das Stiegenhaus des 20-stöckigen Gebäudes bietet Gelegenheit für den täglichen "Auslauf". Langeweile kam bisher jedenfalls keine auf.

Wie lange wir noch hier sein werden? Wir wissen es nicht. Wir können derzeit nur abwarten. Und diese Machtlosigkeit nutzen wir zur Entschleunigung: Keine Termine, keine Verpflichtungen, kein Stress. Wir sind entspannt, vertrauen auf die heimischen Behörden und nutzen die Zeit, um eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Urlaub eben.

© Ennemoser-Arican


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