Olympische Spiele um jeden Preis? „Eine Absage wird es sehr spät geben“

Die Olympischen Spiele in Tokio stehen vor dem Aus: Die Zweifel steigen mit dem Gesundheitsrisiko an. Der Tiroler ÖOC-Chefmediziner Wolfgang Schobersberger geht aber noch von einem langen Zuwarten aus.

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Selbst für ein Selfie mit dem Olympischen Feuer wurden die höchsten Schutzmaßnahmen veranlasst.
© PHILIP FONG

Von Roman Stelzl

Innsbruck – Mit jedem Tag nimmt die Zahl an Coronavirus-Patienten zu – und mit jedem Tag rückt das Ende der Olympischen Sommerspiele 2020 näher. Die Titelkämpfe im japanischen Tokio (24. Juli bis 9. August) stemmen sich als letzte Bastion der Großveranstaltungen mit aller Kraft gegen eine Absage. Doch die Schar an Kritikern wächst. Und sie umfasst längst nicht mehr nur die Gegner, sondern mit Athleten und Funktionären auch jene, die von Olympia profitieren würden.

Vorerst wird der Ball bedacht flach gehalten. „Wir bedenken verschiedene Szenarien, aber wir sind noch viereinhalb Monate entfernt von den Spielen“, sagt Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Doch sind sie wirklich so weit weg? Ein Überblick über die Probleme.

Zögern: Es wird mit aller Kraft versucht, an der Austragung festzuhalten. Und dass dieses Ausharren noch länger dauern wird, glaubt auch Wolfgang Schobersberger, Chefmediziner beim österreichischen Olympia-Komitee (ÖOC). „Eine mögliche Absage wird es erst sehr spät geben. Das IOC will so lange zuwarten, wie es geht“, sagt der Tiroler, der zuletzt bei Olympia 2018 in Südkorea als Vorsitzender des medizinischen und wissenschaftlichen Komitees für das IOC hochrangig im Einsatz war.

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Risiko: Erst vor wenigen Tagen war Schobersberger in Monte Carlo (MON) beim IOC-Weltkongress der Mediziner und konnte sich selbst ein Stimmungsbild machen. „Die Devise ist, dass null Risiko eingegangen wird. Dabei denken wir an alle. Es heißt ja immer: der Athlet, der Athlet, der Athlet. Aber es sind sehr viel mehr Leute in das ganze Geschehen involviert. Die Fans, Mitarbeiter, Funktionäre. Man muss jeden Einzelnen schützen.“ An ein krampfhaftes Durchdrücken der Sommerspiele glaubt er übrigens nicht: „Das wird nicht der Fall sein. Bei den letzten IOC-Sitzungen waren immer Leute der WHO dabei. Die Gesundheit steht bei allem im Vordergrund.“

Gefahren: Die große Frage ist nun: Gelingt es in den verbleibenden 124 Tagen bis zur Eröffnungsfeier wirklich, das Gefahrenpotenzial durch das Coronavirus auf null zu senken? „Es ist derzeit nicht absehbar, wie sich alles entwickelt“, sagt Schobersberger und ergänzt: „Es ist in Ordnung, dass das IOC noch zuwartet mit der Entscheidung. Aber wenn es in Richtung der Gesundheitsgefährdung der Beteiligten geht, habe ich kein Verständnis mehr.“

Reiseangst: Das große Problem liege dabei weniger beim Kontakt unter den Sportlern als vielmehr beim Reisen. „Wenn man in Tokio isoliert wäre, wäre das was anderes. Aber es reisen Millionen Menschen an“, meint Schobersberger, der so manche Sicherheitsvorkehrung für schwierig umsetzbar hält: „Leute sind auf engstem Raum, Zuschauer stehen stundenlang vor dem Stadion. Es ist heiß – da ist es absurd zu denken, dass man Abstand halten könnte.“

Absagen: Bei Olympia 2016 waren 207 Nationen vertreten. Kaum vorstellbar, dass bis Mitte Juli derzeit viele Länder bereit sind, an Olympia teilzunehmen. Heißt also: Die Gefahr der Absage einzelner Nationen oder Sportler ist hoch. „Wenn das IOC sagt, wir machen die Spiele und die Sicherheit ist nicht gewährleistet, werden viele absagen. Das will man mit aller Kraft verhindern.“

Ungewissheit: Es ist nicht absehbar, wie es weitergeht. Schobersberger, der sein Institut in Natters (ISAG) geschlossen hat, sieht aber viel Zusammenhalt im Sport: „Es gibt keine Diskussionen mehr, es ziehen alle an einem Strang. Jetzt müssen wir uns alle selbst schützen.“

Olympisches Feuer lodert auf Sparflamme

Der Chor der Kritiker am Festhalten an den Olympischen Spiele 2020 in Tokio (ab 24. August) wird immer lauter. Die Verantwortlichen halten vorerst frei nach dem Motto „business as usual“ am traditionellen olympischen Prozedere fest. Per Flugzeug aus Griechenland traf die olympische Flamme am Freitag auf dem japanischen Militärstützpunkt in Higashimatsushima ein.

Allerdings war die Zeremonie kleiner als geplant: 200 Schüler, die ursprünglich eingeladen waren, durften wegen der Corona­virus-Gefahr nicht teilnehmen. „Wir wissen zwar nicht, wie lang der Tunnel sein wird, in dem wir uns jetzt alle befinden, aber wir möchten, dass die olympische Flamme ein Licht am Ende dieses Tunnels ist“, twitterte IOC-Präsident Thomas Bach.


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