Zum 60. Geburtstag von Ayrton Senna: Der unvergessene König

Ayrton Senna wäre heute 60 Jahre alt geworden. Vielleicht hätte er diesen Tag als brasilianischer Präsident gefeiert. Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre die Formel-1-Ikone wohl der erfolgreichste Pilot aller Zeiten.

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Charismatisch, beliebt und bis heute eine Ikone der milliardenschweren Rennserie: der Brasilianer Ayrton Senna.
© imago/WEREK

Von Daniel Suckert

Innsbruck – „Die Rechnung ist einfach“, holte Sennas einstiger McLaren-Team­kollege Gerhard Berger vor sechs Jahren aus. „Senna hat mir vor dem Imola-Grand-Prix (1994, Anm.) erklärt, dass sie bei Williams den Fehler gefunden haben und sie in Kürz­e wieder Rennen gewinnen werden. Sieht man sich die anschließenden Erfolge seiner Nachfolger an, wäre Senn­a heute der Formel-1-Pilot mit den meisten Titeln.“

Michael Schumacher (1994, 1995/Benetton), Damon Hill (1996/Williams) und Jacques Villeneuve (1997/Williams) – diese vier WM-Kronen wären wohl alle beim Brasilianer gelandet. Davon zeigt sich nicht nur Tirols Formel-1-Legende Berger überzeugt. Doch am 1. Mai 1994 krachte Senn­a mit über 270 km/h in die Tamburello-­Kurve.

Auch Berger stellte sich damals die Sinnfrage

Bis heute sind die Umständ­e des Unfalls ungeklärt. Ein Lenkungsbruch am Auto, oder war es doch so, wie es der damalige Designer des Williams, Adrian Newey, vor sechs Jahren versuchte zu erklären: Der heutige Red-Bull-Designer sprach von einem Konstruktionsfehler am Boliden. Die Seitenkästen seien zu lang gewesen, was einen Strömungsabriss beim Aufsetzen des Wagens bei einer Bodenwelle und ein Ausbrechen des Hecks zur Folge hatte. Sennas Lenkkorrektur habe dann ein Abbiegen des Autos zur Folg­e gehabt. Eine Korrektur der Seitenkästen war nicht zeit­gerecht für das Rennen in Imola fertig geworden.

Nicht nur deshalb plagen Newey täglich Gedanken an den verstorbenen dreifachen Champion: „Bis zu diesem 1. Mai 1994 hatte ich nie gedacht, dass sich ein Pilot in meinem Auto verletzen oder sterben könnte. Dann passierte das und es war Senna.“

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Kein anderer Verlust eines Formel-1-Piloten hatte jemals solche Emotionen weltweit ausgelöst. Berger, der sich danach die Sinnfrage stellte, erinnerte sich an die Rückkehr nach Brasilien zum Begräbnis. Berger: „Da waren überall Menschen am Straßenrand. Nicht nur eine oder zwei, sondern bis zu fünf Reihen.“ Knapp zwei Millionen Menschen waren an diesem Tag gekommen.

Das Begräbnis glich dem eines Staatsmannes. Und darum glaubt auch Berger, dass Senna heute womöglich Präsident seines Landes wäre. Dafür sprach seine soziale Ader für die Ärmsten der Armen in seinem südamerikanischen Heimatland.

Hohe Staatsmänner verschoben Termine für Senna

Senna war der erste Formel-1-Pilot, der sich einen Status als „Weltstar“ über die Jahre aufgebaut hatte. Die Erträge, die sein Comic „Senninha“ heute noch einbringt, werden immer seiner Stiftung überwiesen, die sich um soziale Projekte für die armen Kinder Brasiliens kümmert.

Dass ihn in seiner aktiven Zeit sogar hohe Staatsmänner treffen wollten, faszinierte seinen Tiroler „Spezl“ Berger immer aufs Neue: „Die haben teilweise sogar extra Termine verschoben.“

Der McLaren-Zweikampf Ayrton Senna (l.) gegen Alain Prost (FRA) faszinierte die Fans weltweit.
© imago sportfotodienst

Diesen Status erarbeitete sich Senna über all die Jahr­e durch seine Perfektion am glühenden Asphalt, sein Charisma auch ohne Helm und den unstillbaren Ehrgeiz, den Berger sehr früh kennen lernte. Beim traditionellen Straßenrennen in Macau (1984) war der damals 24-jährige Brasilianer bei der Siegesparty auf den Wörgler zugegangen. Senna hatte die Pole-Position erobert und das Rennen gewonnen, doch die schnellst­e Runde in Macau war Berge­r zugesprochen worden. Das lag an einem Fehler bei der Zeitnehmung. Der heut­e 60-jährige Berger stellte sich aber dumm und musste innerlich lächeln: „Senna ist förmlich durch die Decke gegangen, weil er zu seinem Sieg und seiner Pole-Position auch noch die schnellste Rund­e wollte.“

Der Mythos ist bis heute ungebrochen

So tickte der Weltmeister der Jahre 1988, ’90 und ’91 eben. Dass sein Mythos bis heute ungebrochen ist, liegt nicht nur an seinem großen Herzen. Senna lieferte sich jahrelang eine Feindschaft mit seinem McLaren-Teamkollegen Alain Prost. Und dieser emotionale Zweikampf elektrisierte die Königsklasse auf vier Rädern, machte sie zu einem weltweiten Spektakel mit permanent steigenden Fernseh-Zahlen. Was bis heut­e wenige wissen: Mit Prosts Rücktritt (1993) begruben die beiden ihr Kriegsbeil.

Am 1. Mai 1994 kommentierte Prost das Imola-Rennen, bei dem Sennas Leben endete. Abrupt. Tragisch. Und live im Fernsehen übertragen. Doch eines ist bis heute nicht anders: Senna, der PS-König, ist unvergessen.


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