Coronavirus: 24-Stunden-Pflege als (noch leise) tickende Zeitbombe

Laut Kammer und Gesundheitsministerium sind in Österreich derzeit rund 33.000 Personenbetreuerinnen und -betreuer in der 24-Stunden-Pflege beschäftigt. Sehr viele davon kommen aus Rumänien und Ungarn und müssen bei der Einreise einen Gesundheitsbescheid vorlegen. Es könnte zu Engpässen kommen.

Viele Pfleger kommen aus Rumänien oder Bulgarien nach Österreich, um Hilfsbedürftige in der 24-Stunden-Betreuung zu unterstützen.
© APA/Fohringer

Wien – Nach einer weiteren Verschärfung der Einreisebestimmungen aufgrund der Coronakrise rückt auch das Thema Pflege stärker in den Fokus. Derzeit gebe es im heiklen Bereich der 24-Stunden-Betreuung noch keinen Notstand, hieß es vor dem Wochenende von Hilfsorganisationen und Wirtschaftskammer. "Die große Krise sehe ich jetzt nicht", sagte WKÖ-Fachverbandsobmann Andreas Herz. Die könnte aber noch kommen.

Laut Kammer und Gesundheitsministerium sind in Österreich derzeit rund 33.000 Personenbetreuerinnen und -betreuer in der 24-Stunden-Pflege beschäftigt. Sehr viele davon kommen aus Rumänien und Ungarn. Seit Freitag müssten diese Personen aufgrund einer Verordnung des Gesundheitsministeriums bei der Einreise nach Österreich über Ungarn und Slowenien zusätzlich einen ärztlichen Bescheid über den negativen Test auf das Virus vorlegen. Dieser darf nicht älter als vier Tage sein. Wer kein Attest hat, darf nur unter der Bedingung ins Land, dann 14 Tage in Quarantäne zu sein.

System könnte ins Wanken geraten

Und gerade das verpflichtende medizinische Zeugnis könnte das System ins Wanken bringen. Nämlich dann, wenn sich viele Pflegekräfte angesichts zunehmender Unsicherheit entschließen, vorzeitig zu ihren Familien in ihre Heimatländer zurückzukehren. Dass der turnusmäßige Ersatz in den meisten Fällen rechtzeitig in Österreich wäre, um eine lückenlose Betreuung garantieren können, ist höchst fraglich. Zumal in Osteuropa weniger Tests durchgeführt werden als in Österreich. Auch die Grenzen zu Tschechien, der Slowakei, Deutschland und Italien sind de facto geschlossen, das ist also keine Ausweichmöglichkeit.

Derzeit gibt es noch keine Engpässe in der 24-Stunden-Pflege. Das könnte sich aber ändern.
© APA/dpa/Kalaene

Im Gesundheitsministerium ist man sich der Problematik bewusst und um Ausnahmeregeln für die 24-Stunden-Betreurinnen und -Betreuer bemüht. Man arbeite "mit Hochdruck" an Lösungen, betonte Minister Rudolf Anschober (Grüne) am Freitag. Bis wann diese vorliegen könnten, ist aber noch völlig unklar.

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Derzeit noch keine Alarmstimmung

Aktuell herrscht noch keine Alarmstimmung. "Grundsätzlich ist es so, dass wir derzeit noch alle von uns betreuten Familien betreuen können", teilte Caritas-Generalsekretär Bernd Wachter mit. Praktisch alle der vermittelten Pflegerinnen und Pfleger hätten sich in der Not bereiterklärt, länger als über das Turnusende hinaus in Österreich zu bleiben, erfuhr die APA auch von anderen Stellen. "Auch wir haben es bisher geschafft, die Kunden, die wir haben, zu behalten", sagte Elisabeth Anselm, die Geschäftsführerin des Hilfswerks Österreich.

Angesichts der neuen Vorgaben sei das aber ein Zustand, der sich "sehr schnell drehen kann", so Anselm. "Natürlich sind die Pflegerinnen verunsichert", berichtete Wachter. Fragen wie "Komme ich überhaupt noch nach Hause?" und "Komme ich dann noch rein?" seien allerorts zu hören. Zwei, drei Wochen könnte man den Status quo vielleicht aufrechterhalten, viel länger werde es nicht gehen.

Ostern als "neuralgischer Zeitpunkt"

Ostern am zweiten April-Wochenende könnte in dieser Hinsicht "ein neuralgischer Zeitpunkt" sein, meinte Anselm. Maßnahmen müssten jedoch schon vorher auf dem Tisch liegen, um sie noch auf mögliche Fallstricke abklopfen zu können. Caritas-Generalsekretär Wachter hofft auf schnellere Tests für betroffene Betreuerinnen und Betreuer, notfalls direkt an der Grenze. Das Ansinnen der Regierung, betagte Hochrisikopatienten vor einer Ansteckung schützen zu wollen, leuchte ihm ein.

Eine Pflegerin wäscht eine alte Frau.
© APA/Fohringer

Zur Überbrückung von allfälligen Wartezeiten, bis eine regulär zugeteilte Pflegekraft wieder arbeiten darf, könnten bald auch mobile Dienste, semi-stationäre Einrichtungen und Zivildiener stärker herangezogen werden, falls die strikte Grenzpolitik so in Kraft bleibt. "Die Kunden sind so verschieden, dass man auch nicht die eine Lösung für alles anbieten können wird", sagte Anselm.

"Es passiert im Hintergrund einiges, da werden verschiedene Modelle diskutiert", erklärte der Obmann der Fachgruppe Personenberatung und Personenbetreuung der Wirtschaftskammer, Andreas Herz. "Engpässe wird es sicher geben", gab er zu, sieht das System jedoch prinzipiell gut gerüstet. "Überall dort, wo wir Agenturen haben, dort funktioniert es gut. Wo die Familie keine Agentur hat und mit der Betreuerin allein ist, dort wird es eher Probleme geben."

Laut den offiziellen Statistiken gibt es mehr als 25.000 pflegebedürftige Menschen, die eine Förderung für die 24-Stunden-Betreuung über das Sozialministeriumsservice beziehen. Weitere 8.000 Pflegebedürftige bekommen keine Förderung. (APA)

Kostelka: Kur-Beschäftigte für 24-Stunden-Betreuung

Der Präsident des SPÖ-Pensionistenverbandes, Peter Kostelka, kann sich vorstellen, Beschäftigte von geschlossenen Kur-und Reha-Einrichtungen für die 24-Stunden-Betreuung einzusetzen. In einer Aussendung warnte Kostelka am Samstag, dass es in einigen Haushalten mit den meist ausländischen Kräften eng werde, wenn die Corona-Krise länger dauert.

Kostelka wies darauf hin, dass vieles lokal von örtlichen Pflege-und Hilfsdiensten kompensiert werden kann, jedoch: "Das ist keine Dauerlösung." Aktuell melden sich Tausende ehemalige auch im Pflegedienst erfahrene Zivildiener, die diese wichtige Arbeit qualitätsvoll in der Zeit der Krise übernehmen können. Sollte dies nicht ausreichen, kann sich Kostelka vorstellen, dass auch andere in Betreuung geschulte Personen einspringen. Als Beispiel nannte er Beschäftigte von Kur- und Rehab-Einrichtungen, die ja jetzt großteils geschlossen sind.


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