Innsbrucker Virologe Reinhard Würzner sieht „Silberstreif am Horizont"

Im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung betont Reinhard Würzner, Mitglied des Corona-Befundungsteams der Virologie in Innsbruck, dass die aktuellen Maßnahmen alternativlos seien. Es gebe aber Grund zu vorsichtigem Optimismus. Würzner spricht zudem über das Thema Herdenimmunität, die Impfstoff- und Medikamentenforschung sowie mögliche gesellschaftliche Folgen der Corona-Krise.

Ao. Univ.-Prof. DDr. Reinhard Würzner ist stellvertretender Direktor des Hygiene-Instituts an der Med-Uni Innsbruck und Mitglied des sechsköpfigen Befundungsteams der Virologie, das in der Corona-Krise Tag und Nacht nun über 600 Abstriche täglich befundet.
© MUI/Bullock

Herr Würzner, wie bewerten Sie die aktuelle Lage in Tirol? Zeigen Ausgangsbeschränkungen, Quarantäne und Aufrufe zu sozialer Distanz bereits Wirkung?

Reinhard Würzner: Ganz genau kann man das noch nicht sagen. Allerdings hätte ich es mir schlimmer vorgestellt, was die Zahl an positiven Tests, die wir aktuell im virologischen Institut bekommen, angeht. Jeden Tag werden es mehr positive, aber bisher eben immer nur etwas mehr, als am Vortag. Ich denke, die Maßnahmen greifen schon, doch es gibt dazu noch keine stichfesten Daten. Jedenfalls sehe ich einen Silberstreif am Horizont, aber nur weil sich die Leute weiter an die Einschränkungen halten. Wenn man sich draußen begegnet, wird einander ausgewichen. Die Lage wird also ernst genommen. Einen Spaziergang mit seinem Mitbewohner zu machen ist völlig ok, aber mit anderen Freunden in Parks gehen definitiv nicht.

Wir müssen als Gesellschaft so diszipliniert weitermachen wie bisher, dann hat unser Gesundheitssystem eine gute Chance das zu bewältigen.
Reinhard Würzner

Die Situation ist also nicht mit jener in Italien vor wenigen Wochen vergleichbar?

Würzner: Die Leute bei uns sind etwas jünger im Schnitt, sportlicher („gehen auf den Berg“), haben bessere Luft und wir haben früher angefangen, die Maßnahmen ernst zu nehmen. Das Bild in Italien rüttelt die Menschen wach. Die Italiener selbst hatten kein solches Extrembeispiel zur Anschauung. Wir müssen als Gesellschaft so diszipliniert weitermachen wie bisher, dann hat unser Gesundheitssystem eine gute Chance, das zu bewältigen.

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Wie ist der Tenor in der Fachwelt zu den politischen Maßnahmen? Es gibt ja auch Gegenstimmen, die diese für zu drastisch halten.

Würzner: In einem Diskurs, wie dem momentanen, gibt es immer Gegenstimmen. Die könnten sogar Recht haben, aber eine lockerere Herangehensweise dürfen wir uns mit Blick auf die Lombardei momentan nicht erlauben. Diese Maßnahmen noch eine Zeit lang durchzuziehen, ist alternativlos. Sobald die Situation stabiler ist, kann man sie für einige Bevölkerungsgruppen lockern. Etwa die Kinder und Jüngeren wieder zusammen lassen, weil sie das geringste Risiko für schwere Verläufe haben. Es ist klar, dass man die Maßnahmen für gewisse Personengruppen mittelfristig lockern wird müssen, insbesondere für diejenigen, die die Krankheit schon überstanden haben.

Das Wichtigste ist jetzt das Hinauszögern. Damit möglichst wenige Personen auf Krankenhausfluren ohne Beatmungsgeräte sterben. Wir werden durch dieses Coronavirus viele Schwerstkranke haben, aber wir müssen diese adäquat betreuen können. Die Prämisse ist: Reduzieren, filtern, abbremsen. So viele Intensivbetten nur für Corona-Erkrankte bereitzustellen, ist auf Dauer auch nicht möglich.

Ich denke, nach Ostern könnte es dann eine Lockerung der Maßnahmen geben, aber immer noch mit vielen Einschränkungen. Spätestens im September oder Oktober wird wieder eine neue Realität herrschen, die eine weitere Lockerung zulässt.
Reinhard Würzner

Es gibt auch Virologen – wie etwa Karin Mölling vom Max-Planck-Institut – die nur die Risikogruppen isolieren würden, um die Herdenimmunität (60 bis 70 Prozent Immunisierte in der Bevölkerung) rascher voranzutreiben. Was halten Sie davon?

Würzner: Mittelfristig kann und wird man das machen, dann wird sich auch eine Herdenimmunität ausbilden. In der jetzigen Situation wäre das aber unmöglich. Es gibt auch 30- bis 50-Jährige, die sterben. Manche sind auch immunschwach – und vielleicht nur gegenüber dem Coronavirus – und wissen es nicht. Noch hat man das nicht unter Kontrolle. Wenn 20 Prozent der Bevölkerung die Krankheit 'nicht gut' durch machen, dann ist das heftig. Und rund 5 Prozent der Infizierten bangen um ihr Leben. Es wird sich aber automatisch eine Herdenimmunität entwickeln, wenn die Sozialkontakte wieder etwas zunehmen.

Wann schätzen Sie, können die Maßnahmen gelockert werden?

Würzner: Es wird ein mehrstufiges Verfahren der Deeskalation sein. Aber bevor man nicht am Peak (Anm. Höhepunkt des Ausbruchs) ist, kann man eine Lockerung komplett vergessen. Wir sind noch lange nicht soweit, dass die Zahlen zurückgehen. An die Kapazitätsgrenze der Intensivbetten wird es in Österreich in den nächsten Wochen noch kommen. Wir müssen schauen, dass wir möglichst nicht darüber geraten. Ich denke, nach Ostern könnte es dann eine Lockerung der Maßnahmen geben, aber immer noch mit vielen Einschränkungen. Spätestens im September oder Oktober wird wieder eine neue Realität herrschen, die eine weitere Lockerung zulässt. Man wird allerdings das Problem haben, dass es noch immer soziale Distanz geben sollte zu älteren Personen.

Gibt es mittelfristig weitere Möglichkeiten, um Gesellschaft und Wirtschaft nicht für Monate massiv zu beeinträchtigen?

Würzner: Woche für Woche bekommen wir mehr Personen, die die Krankheit durchgemacht haben und wieder ganz gesund werden. Ob sie ausreichend Antikörper haben, kann gemessen werden. Man könnte diesen Leuten Schlüsselpositionen geben, was persönliche Kontakte angeht. Sie haben dann den Vorteil der Immunität. Es ist vergleichbar mit den Elektroautos beim Lufthunderter. Wir haben dann sinnbildlich einige, die schneller fahren dürfen – die wieder voll einsteigen können ins Gesellschafts- und Arbeitsleben. Jenen, die noch nicht immun sind, muss das natürlich entsprechend vermittelt werden.

Es gibt ein Leben nach Corona, aber das wird anders sein als vor Corona. Man muss sich ja nicht immer so nahe kommen im öffentlichen Raum.
Reinhard Würzner

Viel wird auch darüber gesprochen, dass die Durchtestungsrate erhöht werden könnte, um ein klareres Bild zu bekommen...

Würzner: So einfach ist das nicht. Wir müssen die Tests haben und die Leute, die testen. Es braucht Geräte und Techniker, die diese warten. Das ist auch logistisch eine Herausforderung. Wir müssen jene testen, bei denen wirklich ein Verdacht besteht. Sonst wird alles blockiert. Mehr Testen ja, aber dosiert und nicht unkritisch.

Welche gesellschaftliche Konsequenzen wird der Corona-Ausbruch nach sich ziehen?

Würzner: Es gibt ein Leben nach Corona, aber das wird anders sein als vor Corona. Man muss sich ja nicht immer so nahe kommen im öffentlichen Raum. Hände schütteln wird völlig aus der Mode kommen. Wir haben ja auch Hunderte Influenza-Tote jedes Jahr, aber die Zahl wird abnehmen, wenn die Leute mehr auf Abstand und Hygiene bedacht sind. Vermutlich werden sich dann auch viele gegen Grippe impfen und nicht nur gegen Corona (Anm. sobald es einen Impfstoff gibt). Jedenfalls wäre dies die logische Konsequenz.

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Stichwort Coronavirus-Impfung. Wann könnte es realistisch soweit sein?

Würzner: Das ist ganz schwierig vorherzusehen. Für HIV gibt es nach 40 Jahren Forschung noch keinen Impfstoff, aber für eine Impfung gegen das Coronavirus besteht Hoffnung, weil nach dem ersten SARS-Virus schon Impfstoffkandidaten entwickelt wurden. Nur wurde das Virus damals – vor allem weil es nur kranke Patienten weitergeben konnten, die man schnell isolierte – vor einem Einsatz eliminiert. Dies passiert nun sicher nicht. Auf die Erfahrungen und Impfstoffkandidaten kann jetzt aber aufgebaut werden.

Besteht Hoffnung, dass in der Zwischenzeit Medikamente gefunden werden, die die Symptome lindern können und es somit weniger Intensiv-Patienten gibt?

Würzner: Ja, auch hier gibt es Ansätze. Denken wir an Viagra, ein Arzneimittel das ursprünglich zur Erweiterung der Herzkranzgefäße eingesetzt wurde, bis männliche Patienten berichteten, dass sich bei ihnen auch andere Gefäße erweiterten. Bitte das nur als Beispiel zu verstehen, Viagra hilft im aktuellen Fall sicher nicht. Wenn man also schon auf dem Markt befindliche Medikamente mit gewissen Wirkungen – die auch gegen das Corona-Virus von Vorteil sein könnten – bevorzugt in Kombination einsetzt, könnte man Glück haben. Außerdem wissen wir, wie das Virus in die Körperzellen eindringt. Dieser Vorteil ist ungefähr so, wie wenn man eine ganze Stadt im Mittelalter verteidigen muss, aber definitiv weiß, dass die Eindringlinge nur über das Südtor kommen werden. Dann kann man alle Anstrengungen perfekt auf die Eingangspforte fokussieren.

Das Gespräch führte Simon Hackspiel

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