Immer mehr Corona-Infizierte: In Tirols Altenheimen geht die Angst um

Die Gewerkschaft fordert, das gesamte Pflegepersonal testen zu lassen. Die ARGE Altenheime versucht zu kalmieren. Ärzte klagen über Chaos beim Verteilen der Masken. Liste Fritz fordert mehr Geld für Pfleger.

Im Betagtenheim Imst tragen die Pflegekräfte Maske. Schutzbekleidung bleibt weltweit Mangelware und ist in vielen Heimen rar.
© Pflegeheim Imst

Von Anita Heubacher

Innsbruck – Sechs Menschen aus dem Altenheim Aldrans sind aktuell mit Corona infiziert, elf sind es in einem Lien­zer Heim. Das Altenheim in Brandenberg ist geschlossen. Um eine weitere Ausbreitung des Virus in Tirols Altenheimen, aber auch Krankenhäusern zu verhindern, fordert ÖGB-Vorsitzender Philip Wohlgemuth, Pflegekräfte flächendeckend zu testen. „Dass Pflegerinnen nach wie vor großteils ohne Schutz arbeiten müssen, ist ein Wahnsinn“, meint er.

Die Verunsicherung in den Altenheimen ist groß. Der Obmann der ARGE Altenheime, Robert Kaufmann, versucht es mit einem pragmatischen Zugang. Dort, wo noch niemand positiv getestet worden sei, komme man mit der vorhandenen Schutzbekleidung noch ganz gut über die Runden. Anders sehe es aus, sobald ein positiv getesteter Fall dokumentiert würde. Kaufmann weist darauf hin, dass in allen Bereichen von den Spitälern über die Ärzte bis hin zu den Heimen Schutzmasken benötigt würden. „Es sind nicht mehr da, weil der Weltmarkt nicht mehr hergibt.“ Er setzt auf eine gute Zuweisung der Schutzbekleidung durch die Behörden.

Das Leben in Tirols Altenheimen hat sich geändert. In Reutte etwa müssen sich alle Mitarbeiter vor Arbeitsantritt einer Volldesinfektion unterziehen. Das Haus sei abgeriegelt, der Kontakt der Bewohner untereinander reduziert, die Tagespflege eingestellt, schildert Heimleiter Paul Barbist. In Zams wurden alle Mitarbeiter einem Screening unterzogen. Die Testergebnisse liegen am Montag vor.

Verärgerung gibt es auch in der Ärzteschaft. Ärzte berichten, dass sie zwar Schutzbekleidung bestellt, aber teils falsche Größen bekommen hätten. Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) räumt Probleme bei der Logistik ein und gelobt Besserung.

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"Weitere Ausbreitung wäre verheerend"

„Eine weitere Ausbreitung des Virus in Pflegeheimen oder Krankenhäuser wäre verheerend“, meint Tirols ÖGB-Vorsitzender Philip Wohlgemuth (SPÖ) in einer Aussendung. Die Gewerkschaft verlangt, dass Pflegekräfte ausnahmslos getestet werden. Selbst würden die Pfleger zwar nicht zur Risikogruppe gehören, aber sie hätten meist intensiven Kontakt mit Menschen, die ihr zugeordnet werden müssten. „Dass Pflegerinnen nach wie vor großteils ohne Schutz arbeiten, ist ein Wahnsinn“, meint Wohlgemuth.

Tatsächlich steigt die Zahl der Infizierten in den Altenheimen. Laufend wenden sich Pflegedienstleiter an die TT und berichten über die schlechte Ausstattung der Heime, Schutzmasken fehlen ebenso wie Handschuhe, Schutzbekleidung oder Desinfektionsmittel.

Umstände, die dem Obmann der ARGE Altenheime, Robert Kaufmann, sehr wohl bewusst sind. In der ARGE sind 92 Alten- und Pflegeheime in Tirol organisiert. „Ich verstehe jeden Arzt, jeden Pfleger und jedes Heim. Die Lage ist zum Teil prekär. Es nützt aber nichts, weil der Weltmarkt nicht mehr Schutzbekleidung hergibt“, meint Kaufmann. Schuldzuweisungen mag er keine tätigen. Masken und Co. sollten dort zugewiesen werden, wo sie am meisten gebraucht würden. „Es geht jetzt auch darum, ruhig Blut zu bewahren, wir sind im Krisenmodus.“

Kaufmann arbeitet in einem Altenheim in Zirl, wo es „zum Glück“ noch keinen positiv getesteten Fall gebe. „In solchen Heimen kommt man noch gut über die Runden, anders ist es, wenn sich Menschen infiziert haben.“

Heim Brandenberg ist zu, elf Fälle in Lienz

Donnerstagabend musste das Alten- und Pflegeheim Brandenberg geschlossen werden. Unter den Mitarbeitern und Bewohnern bzw. in deren Umfeld gibt es nämlich mehrere mit dem Coronavirus infizierte Personen. Bisher keine Corona-Erkrankten werden derzeit noch aus Heimen in Wörgl und Kufstein gemeldet. Eine Infektion in Kramsach liegt schon länger zurück.

Im Wohn- und Pflegeheim Lienz waren am Mittwoch zwei Mitarbeiterinnen positiv getestet worden, sie befinden sich in häuslicher Quarantäne. Gestern stellte sich in Folge heraus, dass elf der 235 Heimbewohner ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert sind, erklärt Heimleiter Franz Webhofer. Die Betroffenen werden in einem isolierten Wohnbereich von einem Internisten betreut.

Sieben Fälle in Aldranser Heim

Im Altenheim St. Martin in Aldrans wurden bisher sieben Corona-Fälle regis­triert. "Eine positiv getestete Person ist verstorben. Der Arzt hat uns aber mitgeteilt, ursächlich für den Tod war nicht Covid-19, sondern das hohe Alter. Drei Bewohner sind in der Klinik Innsbruck, zwei sind stabil, eine 81-Jährige bereits negativ getestet, sie soll bald ins Heim zurückkommen. Zwei weitere mit leichtem Verlauf befinden sich im Rehazentrum Münster, ein Mann ist bei uns im Haus, ihm geht es sehr gut", erzählt Pflegeverbandsobmann Benedikt Erhard.

Weiters wurden 22 Bewohner getestet, "alle Tests waren negativ", so Erhard. Bereits nach dem ersten Fall wurden laut Erhard "alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, es gibt Checklisten für Mitarbeiter und Bewohner, mit denen wir arbeiten." Freitag sind zudem Masken und Schutzanzüge aus der Bestellung des Landes im Heim eingetroffen, "wir sind also bestens ausgerüstet".

In den Heimen der Innsbrucker Sozialen Dienste (ISD) gab es gestern noch keinen positiv getesteten Fall, dies könne sich aber stündlich ändern, sagt Geschäftsführer Hubert Innerebner. Man setze auf größte Sorgfalt und strikte Sicherheitsvorkehrungen und versuche laufend, zusätzliche Schutzausrüstung zu bekommen.

In Telfs wurde ein kürzlich aus der Klinik aufgenommener Bewohner des Pflegeheims Wiesenweg am Mittwoch erneut ins Krankenhaus transferiert und dort positiv getestet. Sofort wurden Tests für die Mitarbeiter veranlasst. Aktuell gibt es in Telfs keinen positiven Fall unter Heimbewohnern. Das galt laut Rundruf gestern Mittag auch für den restlichen Bezirk Innsbruck-Land. (wa, md)

„Wir haben Menschen, die an vielem leiden"

Kaufmann ruft dazu auf, in den Altenheimen möglichst ein normales Leben aufrechtzuerhalten. „Wir haben Menschen, die an vielem leiden. Demenzkranken ist nicht zu erklären, warum sie isoliert essen sollen.“ Es sei klar, dass Pflegekräfte verunsichert seien. Man behelfe sich damit, Abstand zu halten, wo es eben gehe, die Aufenthaltsdauer in Gemeinschaftsräumen zu reduzieren oder die Heimbewohner möglichst abzuschirmen. „Wir sind erst am Anfang der Krise und es ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“

So einen pragmatischen 
Zugang haben andere nicht. Die mobile Pflege und viele Sozialsprengel haben schon vor knapp zwei Wochen Alarm geschlagen und von 
der Landessanitätsdirektion klare Handlungsanweisungen erbeten, wie in Ernstfällen vorzugehen sei. Auch von niedergelassenen Ärzten 
wurden das und die fehlende Schutzbekleidung beklagt.

Probleme bei Lieferung von Schutzbekleidung

Eine Bedarfserhebung der Ärztekammer war die Folge. Gestern traf in einigen Ordinationen das bestellte Material ein. Allein, die Lieferung entsprach in einigen Fällen nicht der Anforderung. Ein Arzt bekam Handschuhe in Größe Small, in die seine Hände nicht reinpassen. Andere Ärzte konnten die gelieferten Schutzmasken nicht klassifizieren, weil sie in Chinesisch beschriftet waren. Fälle, die der TT vorliegen und auch bei Andrea Haselwanter-Schneider, Klubobfrau der Liste Fritz, gelandet sind. Sie ortet ein „Chaos“ beim Verteilen und sieht den Fehler beim Land und insbesondere bei Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP). „Ich gehe davon aus, dass die anfänglichen Probleme ehestmöglich in der Verteillogistik behoben werden können“, sagt er. Der Schutz des Strukturpersonals und der Bevölkerung habe oberste Priorität.

Haselwanter-Schneider fehlt der Glaube. Sie fordert, dass das Pflegepersonal zumindest Bonuszahlungen erhalten soll. Die schwarz-grüne Landesregierung möge dem Beispiel des Handels folgen und Dankbarkeit zeigen.


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