Mensch und Technik: Zukunftsvisionen, die unter die Haut gehen

Der Mensch verschmilzt mit Technik. Für manche geht es dabei um das Überleben, andere möchten ihre Wahrnehmungsgrenzen überwinden. Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky hat sich einen Chip implantieren lassen und spricht über den Wettstreit mit der Künstlichen Intelligenz.

Cyborgs sind eins mit der Elektronik in ihrem Körper.
© iStockphoto

Von Theresa Mair

Jeder Mensch kennt einen Cyborg, und damit sind nicht nur die Superhelden mit ihren Superkräften aus den Comics gemeint. „Cyborg“ steht für kybernetischer Organismus. Wenn man darunter die Verbindung von einem Menschen mit einer Maschine verstehen will, dann ist jeder, der einen Herzschrittmacher, ein Cochlea- oder Retina-Implantat hat, ein Cyborg.

Es kommt auf die eigene Definition an – und auf den Zweck, für den der eigene Körper mit Technik ausstaffiert werden soll. Geht es darum, eine Körperfunktion (wieder-)herzustellen? Muss man sich selbst optimieren und upgraden? Oder möchte man sich über Grenzen des eigenen Körpers hinaus verbessern? Für Sven Gábor Jánszky ist sein Cyborg-Dasein nur eine Spielerei. Vorerst.

Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky ließ sich vor zwei Jahren einen Chip implantieren
© Andreas Lander

Lust auf mehr

Der Zukunftsforscher aus Leipzig hat sich vor zwei Jahren während einer Konferenz von einem Tätowierer einen Chip unter die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger schieben lassen. „Ich versuche zu verstehen, wie Menschen in Zukunft leben und arbeiten. Für mich war es ein Test, wie es sich mit einem Chip lebt“, erklärt Jánszky seine Motivation.

Clara Rauchegger, Europarechtlerin Uni Ibk: „Es gibt keine Datenschutzregeln für Cyborgs. Es gilt die Datenschutz-grundverordnung.“
© Birgit Pichler

Bisher ist es bei dem einen Implantat, das die Größe von einem „größeren Reiskorn“ hat, geblieben. Jánszky kann Daten und Kommandos daraufspielen und diese gegebenenfalls mit einem Lesegerät auslesen. Er nutzt den Chip z. B., um sein E-Mail-Programm zu öffnen. Theoretisch könnte er damit aber auch die Haustür öffnen und das Licht anschalten oder sich im Hotel quasi den Zimmerschlüssel auf die Hand programmieren lassen. Macht er aber nicht.

Die meiste Zeit vergesse er sowieso, dass er einen Chip hat. „Das ist nichts Trennendes, das gehört zu mir.“ Doch er überlegt, seinen Chip zu wechseln. Dann, wenn neue Generationen von Chips eine bahnbrechende Funktion ermöglichen. „Einen echten Nutzen sehe ich in der übernächs­ten Chip-Generation. Da soll es Körperdaten-Chips geben. Das hat einen echten Nutzen“, sagt Jánszky. 
Denn die Infos über Herzschlag usw. bekommt man dann – im wahrsten Sinne des Wortes – aus erster Hand. „Da bin ich sicher dabei.“ Jánszky hat seinen NFC-Chip für vergleichsweise wenig Geld gekauft und einsetzen lassen. Um die 100 Euro koste das. Es ist nicht viel dabei, wie jeder Tierarzt weiß, der Katzen chippt. Es steckt dieselbe Technologie dahinter. Die NFC-Technologie – Near Field Communication – haben viele schon auf ihren Smart-Geräten, um diese miteinander zu verbinden.

Thomas Ußmüller, 
Mikroelektronik-Experte: „Heute ist ein Stent ein passives Gittergeflecht. Morgen nutzt man ihn vielleicht als Antenne, um herauszufunken.“
© Die Fotografen

Thomas Ußmüller beschäftigt sich an der Uni Innsbruck mit Mikroelektronik  und implantierbaren Systemen. Er unterscheidet dabei strikt zwischen Spaß-Cyborgs und der „seriösen Seite der Medaille“, wenn es darum geht, den Menschen mit Elektronik zu verbessern. „Ich finde es faszinierend, dass man es schafft, Menschen, die nicht mehr hören können, ihr Gehör zurückzugeben“, sagt er. Das Spektrum ist breit. Es reiche von Menschen, die sich zur Gaudi Magnete in die Fingerkuppen stecken lassen, um Magnetfelder zu erspüren, bis hin zu Überlegungen, Medizinprodukte mit Zusatzfunktionen auszustatten.

Aus Spaß wird Ernst

„Es ist viel denkbar. Heute ist ein Stent zur Behandlung von Gefäßverengungen ein passives Gittergeflecht, später nutzt man ihn vielleicht als Antenne, um Daten herauszufunken.“ Gesundheitsbedenken hat Ußmüller keine, „wenn man sich an die vorgegebenen Grenzen hält“. Es hake noch viel mehr an der Akzeptanz solcher Implantate, weniger daran, wenn es darum gehe, Medizinprodukte aufzurüsten, um Vitalparameter zu messen. Sehr wohl aber beim „Spaß-Thema“.

Anne Siegetsleitner, 
Philosophin: „Die Entwicklung muss man eingebettet im Kontext der Konkurrenz-gesellschaft sehen.“
© Foto August

Die Innsbrucker Europarechts-Expertin Clara Rauchegger hat sich mit dem Datenschutz bei IT-basierten Implantaten befasst. „Es gibt keine speziellen Datenschutzregeln für Cyborgs“, sagt sie. Grundsätzlich greift – zumindest in der Europäischen Union –
die Datenschutzgrundverordnung. Da man zwischen Mensch und Implantat nicht trennen könne, handle es sich in der Regel um personenbezogene Daten. Um diese Daten verwenden und verarbeiten zu können, müssen Bedingungen erfüllt werden. Es braucht z.B. eine Einwilligung dafür. „Zusätzlich gibt es ein grundsätzliches Verbot, besonders sensible Daten zu verarbeiten. Da fallen auch Daten darunter, die Aufschluss über die geis­tige und körperliche Gesundheit geben“, sagt sie. Doch es gibt genau aufgelistete Ausnahmen.

Erlaubt ist die Verwendung der Daten z. B., wenn es eine ausdrückliche Einwilligung des Trägers gibt, wenn man die Daten für eine ärztliche Behandlung braucht oder wenn es um den Schutz von lebenswichtigen Interessen geht.

Konkurrenz mit KI

Da hakt Anne Siegetsleitner ein, die an der Uni u. a. Medien- und Technikphilosophie lehrt. „Datensammeln hat für sich genommen schon Vorteile. Wenn man viel weiß, kann man schneller und gezielter reagieren“, sagt sie. Doch auf den Gesetzen dürfe man sich nicht ausruhen. „Regierungen wechseln, Daten bleiben“, sagt sie. Es komme auf das Demokratieverständnis eines Staates an, ob er die Daten verwenden möchte und zu welchem Zweck. „Das Wissen geht mit Kontrollmacht einher.“

Wenn es um das Sammeln von Daten des eigenen Körpers geht, müsse man sich mehrere Fragen stellen: „Welches Selbstverhältnis habe ich? Darf ich suboptimal, schwach, verletztlich sein? Die Cyborg-Entwicklung muss man eingebettet in den Kontext der Konkurrenzgesellschaft sehen.“ Siegetsleitner bringt auch den Begriff der „prometheischen Scham“ des Philosphen Günther Anders ins Spiel. Er kritisiert, dass sich die Menschen vor den eigenen technischen Errungenschaften zu schämen und auf sie aufzuschauen beginnen. So sieht auch Jánzsky in die Zukunft. Gruselig findet er das nicht. „In 30 bis 50 Jahren wird sich die Masse der Menschen Technik in den Körper holen, weil es um den Wettstreit zwischen menschlicher und Künstlicher Intelligenz geht. Wer Angst hat, ein Mensch zweiter Klasse hinter der KI zu werden, wird sich die Technologie holen“, sagt er.

Er kenne übrigens einen Forscher, der sich und seiner Frau einen Chip implantiert und am Nervensystem angeschlossen habe, um über diese Verbindung gemeinsam zu fühlen. Also um selbst zu spüren, was der andere spürt. Er berichte, dass ihn das mit seiner Frau noch näher zusammengebracht habe.


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