In Tirol nahezu verdreifacht: Corona-Krise bringt neuen Arbeitslosenrekord

Die Corona-Krise wirkt sich massiv auf den Arbeitsmarkt aus. Die März-Arbeitslosigkeit stieg in Österreich um 52,5 Prozent. Damit sind aktuell 562.522 Menschen ohne Arbeit. Den höchsten Zuwachs bei der Arbeitslosigkeit gibt es in Tirol.

Tirol verzeichnet den höchsten Zuwachs bei der Arbeitslosigkeit.
© TT / Thomas Boehm

Wien, Innsbruck – Die Coronavirus-Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen in Österreich auf einen historischen Höchststand seit 1946 nach oben schnellen lassen. Ende März gab es im Vergleich zum Vorjahresmonat um 52,5 Prozent mehr Personen ohne Job. Arbeitslose und Schulungsteilnehmer zusammengerechnet waren 562.522 (+193.543) ohne Beschäftigung. Besonders stark wurde der Tiroler Arbeitsmarkt getroffen.

📽 Video | Arbeitslosigkeit auf Rekordhoch

In Tirol stieg die Zahl der als arbeitslos vorgemerkten Personen um 28.672 oder 199 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Insgesamt sind damit 43.077 in Tirol lebende Personen als arbeitslos vorgemerkt, zeigen Zahlen des AMS Tirol. Die Arbeitslosenquote stieg auf 11,7 Prozent. Zum Vergleich: Im März 2019 betrug die Arbeitslosenquote in Tirol noch 7,5 Prozent. „Der derzeit hohe Anstieg der Arbeitslosigkeit trifft hauptsächlich Dienstleistungsberufe, allen voran den Wirtschaftsabschnitt Beherbergung und Gastronomie sowie den Handel“, erklärt AMS-Tirol-Chef Anton Kern in einer Aussendung. Alleine im Bereich Fremdenverkehr waren um 13.862 Personen mehr arbeitslos als im März 2019, ein Anstieg um 419,3 Prozent. Dahinter folgt der Bau, in dem 2088 Personen ihren Arbeitsplatz verloren haben (+154,1 Prozent) vor dem Handel mit plus 1758 Arbeitslosen (+123,9 Prozent) und dem Bereich Verkehr mit 1656 zusätzlichen Arbeitslosen (+228,7 Prozent).

© APA

„Operativ hat das AMS Tirol derzeit alle Hände voll zu tun, um Anträge für Arbeitslosigkeit und Covid-19-Kurzarbeit zu bewilligen. Wir arbeiten auf Hochtouren“, sagt Kern. Denn der Anstieg der Arbeitslosigkeit betreffe alle Altersgruppen. Den stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit in Tirol gab es im Bezirk Landeck wo 3559 Personen ihren Arbeitsplatz verloren haben (+392 Prozent), dahinter folgen Reutte (+303,7 Prozent oder +1704 Personen), Kitzbühel (+285,8 Prozent oder +3455 Personen), Schwaz (+267,2 Prozent oder +3717 Personen), Kufstein (+135,5 Prozent oder +3042 Personen). In Lienz stieg die Zahl der Arbeitslosen um 129,8 Prozent oder 1792 Personen und in Innsbruck um 121,4 Prozent oder 7338 Personen.

Die temporären Betriebsschließungen zur Virus-Eindämmung seit 16. März haben den dreijährigen Aufwärtstrend am heimischen Arbeitsmarkt jäh beendet. Der bisherige Rekord seit 1946 bei der März-Arbeitslosigkeit in Österreich stammt aus dem Jahr 2016 mit rund 439.000 Betroffenen. Dieser wurde nun deutlich übertroffen. Ohne Virus wären die Konjunkturforscher für heuer nur von einem leichten Anstieg der Arbeitslosenzahlen ausgegangen.

© APA

Der Chef des Arbeitsmarktservice (AMS), Johannes Kopf, erwartet in den nächsten Wochen aufgrund des Shutdown einen weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen. „Sehr viele Menschen fangen jetzt nicht mit der Arbeit an“, sagte Kopf im Ö1-Mittagsjournal. „Je schneller die Restriktionen gelockert werden, desto eher werden die Arbeitslosenzahlen sinken“, zeigt sich der AMS-Chef überzeugt. Etwa in der Landwirtschaft und am Bau habe es auch im April neue Jobs gegeben, aber auch andere verfügbare offene Stellen könnten wegen der 
Pandemie derzeit nicht besetzt werden.

Arbeitslose nach Gruppen.

Für Wifo-Ökonom Helmut Mahringer ist der Coronavirus-bedingte Arbeitslosenanstieg „eine beispiellose Situation. Es könnte aber eine temporäre Ausnahmesituation sein, die nach relative kurzer Zeit in eine normale Zeit übergeht“, sagte Mahringer. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) geht in Szenariorechnungen von einem Ende des Shutdown mit Ende April aus.

SPÖ bringt Antrag für höheres Arbeitslosengeld ein

Der negative Rekord bei der Arbeitslosigkeit führt zu Rufen von Gewerkschaft, SPÖ und FPÖ nach einer Erhöhung des Arbeitslosengeldes. ÖGB-Chef Wolfgang Katzian hat seine Forderung nach einer Erhöhung des Arbeitslosengelds konkretisiert. „Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um das Arbeitslosengeld auf 70 Prozent Nettoersatzrate zu erhöhen“, so der ÖGB-Präsident. „Das Arbeitslosengeld muss erhöht werden“, schrieb auch die SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner. Die SPÖ werde „dazu im Parlament einen Antrag einbringen“. Für AMS-Chef Johannes Kopf ist die Höhe des Arbeitslosengeldes eine „politische Frage“.

Das Arbeitsmarktservice (AMS) zieht zur Berechnung des Arbeitslosengelds den Brutto-Wert der Jahresbeitrags-Grundlage heran, maximal die Höchstbeitrags-Grundlage laut ASVG von brutto 5370 Euro pro Monat. Davon werden dann Sozialabgaben und Einkommenssteuer abgezogen. Der Grundbetrag des Arbeitslosengeldes beläuft sich dann auf 55 Prozent des Netto-Einkommens.

Die Kurzarbeit, die den Anstieg der Arbeitslosigkeit in Österreich abfedern soll, wird ebenfalls stark genutzt. Rund 250.000 Österreicher sind inzwischen in Kurzarbeit. Der ursprüngliche Fonds mit 400 Mio. Euro sei damit ausgeschöpft, sagte Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) am Mittwoch. Aber die Aufstockung des Fonds auf 1 Mrd. Euro sei schon beschlossen, es gebe „stündlich weitere Bewilligungen“. Bis Mittwochfrüh gab es 12.596 Kurzarbeitsanträge. Im ganzen vorigen Jahr waren es 25. Waren im Vorjahr noch 18 Experten im AMS mit dem Thema beschäftigt, so sind es jetzt schon 500.

„Entscheidend ist, dass die Kurzarbeit nun tatsächlich rasch, pragmatisch und unbürokratisch abgewickelt wird“, sagt der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer. Ebenso sollten die angekündigten zusätzlichen Maß-
nahmen zur Virus-Eindämmung praktikabel und mit großem Augenmaß umgesetzt werden. (ecke, APA)

📽 Video | Bornemann (ORF) zu Arbeitslosenzahlen


Kommentieren


Schlagworte