Wien-Marathon-Macher Konrad: „Es ist eine extreme Leere da“

Der Tiroler Wolfgang Konrad (61), Organisator des abgesagten Wien-Marathons mit über 40.000 Läufern, kämpft um die Auflage 2021. Laufen sei zeitlos – auch wenn man das derzeit in Tirol zu seinem Unverständnis nicht dürfe.

Das imposante Bild nach dem Start: Massen bewegen sich über die Wiener Reichsbrücke – am 19. April 2020 aber leider nicht ...
© GEORG HOCHMUTH

Wie sehr trifft Sie die Absage des Wien-Marathons (ursprünglich 19. April) abseits des finanziellen Schadens? Die Veranstaltung ist ja sozusagen Ihr „Baby“.

Konrad: Man könnte auch sagen: mein Lebenswerk. Es ist eine extreme Leere da. Jetzt müssen wir schauen, wie es weitergeht.

Im Gespräch mit der Austria Presse Agentur gaben Sie an, dass die Veranstaltung (Budget: 5 Mio. Euro) wie laut Hannes Jagerhofer auch das Beachvolleyball-Turnier auf der Donauinsel kaum zu versichern sei. Der Schaden betrage möglicherweise 1 bis 2 Mio. Euro.

Konrad: Ich weiß nicht, in welcher Form die Veranstaltung weitergeht, das Szenario ist bedrohlich. Wir müssen nun schauen, dass wir den Scherbenhaufen aufklauben und in die Zukunft blicken, das wird ohnehin ein schwerer Weg.

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Ihre Veranstaltungsfirma schränkte den Betrieb mittlerweile ein.

Konrad: Wir halten uns an das, was die Regierung vorgibt, die Firma wurde geschlossen, dreimal wöchentlich erfolgen Abstimmungen über eine Telefonkonferenz.

Die Mitarbeiter sollen bleiben.

Konrad: Ich will niemanden entlassen, weil ich brauche die Leute. Wir sind ein kleines, schlagkräftiges Team, der Marathon kann nur so funktionieren, mit mir alleine geht es nicht.

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Gab es die Überlegung, mit der Veranstaltung auszuweichen?

Konrad: Wir haben das geprüft, aber schnell wieder verworfen. Eine Verschiebung war aufgrund unseres Platzbedarfs unmöglich, allein der Rathausplatz würde uns nicht zur Verfügung stehen. Wir haben bis 2025 die Termine reserviert.

Ein Alternativ-Event steht auch nicht zur Diskussion?

Konrad: Was würde es für einen Sinn machen, was Neues zu planen, wo doch keiner weiß, wann wieder etwas möglich ist? Uns steht ein wahres Termin-Gemetzel bevor.

Wie gedenken Sie mit bereits gebuchten und bezahlten Startplätzen für den abgesagten Marathon 2020 umzugehen?

Konrad: Es ist schwierig, da noch niemand mit so einer Situation konfrontiert wurde, alle Marathon-Veranstalter gehen damit unterschiedlich um. Prinzipiell verweisen wir auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, so wie wir uns auch an die AGBs unserer Lieferanten halten müssen. Wir werden darauf allerdings nicht bestehen, sondern unseren Teilnehmern, die wir ja zufriedenstellen wollen, ein für uns machbares Angebot unterbreiten. Aber wir müssen um etwas Geduld bitten. Das Thema ist viel komplexer und schwieriger, als wir erwartet haben.

„Ich halte das für einen Schwachsinn. Aber vielleicht gibt’s in Tirol andere Experten, die das besser wissen.“
Wolfgang Konrad zur Frage: Warum spazieren, nicht laufen?

Der Laufsport an sich erfährt in der Bevölkerung dieser Tage wohl eine Aufwertung.

Konrad: Egal, welches TV-Bild man sieht – irgendwo läuft hinten einer vorbei. Die aktuelle Situation führt wohl zu einem anderen Bewusstsein. Es gibt schließlich nichts Einfacheres, das predige ich seit 30 Jahren: ein Paar Schuhe, ein Leiberl und eine Hose, das reicht.

In Tirol dürften Sie als gebürtiger Landecker das nicht tun, spazieren hingegen schon.

Konrad: Wo liegt da der Unterschied? Das verstehe, wer will, ich halte das für einen Schwachsinn. Aber vielleicht gibt’s in Tirol andere Experten, die das besser wissen.

Im Zuge der Straßenrad-WM 2018 in Tirol, zu deren Erfolg Sie organisatorisch beitrugen, lobten Sie die Behörden.

Konrad: Das ist etwas anderes – in diesem Fall sehe ich nur das Ergebnis. Die Schuldfrage stelle ich nicht, dazu bin ich nicht befugt.

Das Tiroler Oberland gilt als Corona-Hotspot. Haben Sie aus Ihrer Kindheit Leute, mit denen Sie besonders mitfühlen?

Konrad: Betroffen machen mich alle vom Virus Betroffenen.

Der Laufsport als zeitloses Vergnügen – aktuell in Tirol allerdings verboten.
© GEORG HOCHMUTH

Die Krise trifft auch Ihren Sohn Patrick, den derzeit wohl besten Klassementradfahrer Österreichs. Viele Rennen fallen aus.

Konrad: Was soll ich sagen? Er war bei Paris–Nizza in der Form seines Lebens, jetzt ist er blockiert.

Stichwort Fitness: Wie halten Sie sich derzeit selbst in Schuss?

Konrad: Ich habe einen Fitnessraum mit Laufband und Rudergerät. Ehrlich gesagt trainiere ich mehr als die letzten Jahre.

Tokio 2020 wurde kürzlich abgesagt. Sie waren 1980 als einer der weltbesten Hindernisläufer selbst Teil der Olympischen Sommerspiele in Moskau (Semifinale, Anm.), die aufgrund des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan ebenfalls an der Kippe standen (u. a. US-Boykott). Wie ging es Ihnen damals?

Konrad: Wir waren damals auf uns fokussiert. Natürlich waren wir enttäuscht, dass viele unserer Laufkollegen nicht an den Spielen teilnehmen konnten. Es tut mir auch für Patrick leid, dass er heuer nicht als Zweiter in der Familie bei den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen kann.

Haben Sie einen Tipp, wann sich die Sportwelt nach dieser Krise wieder normalisiert?

Konrad: Wenn ich da eine Prognose abgeben könnte, wäre ich ein reicher Mann. Unser vorrangiges Ziel ist der Wien-Marathon 2021, darauf arbeiten wir hin.

Das Gespräch führte Florian Madl


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