Wirbel um "Patientin 0" in Ischgl: Land Tirol fordert Aufklärung

Wie heute auf einer Pressekonferenz durch die AGES bekannt gegeben wurde, stammt der erste Corona-Fall aus Ischgl bereits vom 5. Februar. Der Ort und auch das Land Tirol erklärten daraufhin, selbst erst aus der Pressekonferenz davon erfahren zu haben und verlangten Aufklärung.

Die Ortstafel von Ischgl aufgenommen am Freitag, 13. März 2020. Der erste Corona-Fall soll hier bereits am 5. Februar aufgetreten sein. Einen Monat früher als bisher bekannt.
© JAKOB GRUBER

Ischgl, Wien – Eine Schweizer Kellnerin ist die sogenannte Coronavirus-Patientin null in Ischgl. Sie war am 5. Februar in Ischgl erkrankt, hatte allerdings nur leichte Symptome. Positiv getestet wurde sie erst mehr als einen Monat später – am 9. März. Das sagte Franz Allerberger, Leiter des Bereichs Humanmedizin der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit), am Donnerstag.

Die AGES hat mittlerweile mehr als 40 sogenannte Coronavirus-Cluster in Österreich analysiert. Unter dem Namen "Cluster S Ischgl" wurden die Fallhäufungen ausgehend von der Region Paznaun analysiert. Allein in Österreich lassen sich 611 Infektionen direkt auf Ischgl zurückführen. Betroffen sind alle Bundesländer, "Hauptpunkt ist natürlich Tirol", erläuterte der Infektiologe. Dort sind es insgesamt 199 Infektionen, gefolgt von 127 in Oberösterreich und 102 in Vorarlberg. Immerhin sechs Fälle aus dem "Cluster S" gibt es auch im Burgenland, in Wien sind es fünf.

Wie Allerberger bei einer Pressekonferenz erläuterte, stellen von den 611 Personen 573 die sogenannte Primärgeneration dar, also Personen, die die Infektion im Paznauntal selbst erworben haben. 38 Fälle gab es in den Folgegenerationen, also etwa Personen, die zurück zu Hause "die Ehefrau anstecken" und die selbst nicht in Ischgl, St. Anton, Serfaus, Galltür oder St. Christoph waren. Der Infektiologe betonte auch, dass sich mindestens die gleiche Zahl, wenn nicht doppelt so viele im Ausland aufhalten, also Touristen, die nach dem Winterurlaub heimgekehrt sind. Der "Cluster S" habe sich "erstaunlicherweise nur über drei Generationen" gezogen.

📽 Video | "Patientin null" in Ischgl: Neue Erkenntnisse

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Schweizer Kellnerin soll Primärquelle des Virus sein

Bisher war einem Barkeeper des Apres-Ski-Lokals "Kitzloch" in Ischgl unterstellt worden, als erster Infizierter zahlreiche weitere Personen angesteckt zu haben. Primärquelle ist aber laut der AGES-Analyse die Schweizer Kellnerin des gleichen Lokals. Sie hatte jedoch nur leichte Symptome und war nicht beim Arzt gewesen. Erkrankt war die Frau bereits am 5. Februar. Wo sie sich selbst angesteckt hat, ist nicht klar. Bei der amtsärztlichen Untersuchung im März kam dann heraus, dass sie positiv war. Der Barkeeper wiederum wurde als erstes diagnostiziert, "er ist als einziger zum Arzt gegangen", erläuterte Allerberger. Daraufhin habe er fälschlicherweise die Rolle des angeblichen Weiterverbreiters "umgehängt bekommen", betonte Allerberger. Wichtig für das Contact tracing sei "der Tag des Erkrankungsbeginns, der Tag der Diagnose muss in vielen Fällen nichts aussagen", betonte Allerberger. Ansteckend sind Infizierte laut dem Experten "nur acht Tage".

Tirol fordert Aufklärung von AGES

Das Land Tirol spielte nach dem bekannt gewordenen Fall einer offenbar bereits am 5. Februar in Ischgl erkrankten Schweizerin den Ball an die AGES zurück – und verlangt Aufklärung. Der Fall sei für das Land "nicht nachvollziehbar", sagte LHStv. Josef Geisler (ÖVP) bei einer Videopressekonferenz. Die Tiroler "Fallzahlen" würden mit dem 7. März beginnen, dem ersten bestätigten Ischgler Corona-Fall.

"Es ist ganz wichtig, dass uns die AGES Aufklärung gibt, ob das überhaupt den Tatsachen entspricht", so Geisler. Das Ganze sei auch "medizinisch nicht ganz nachvollziehbar". Im Falle des Auftretens am 5. Februar wäre die Krankheit am 9. März "ja schon längst abgeklungen", sprach der Landeshauptmannstellvertreter die Inkubationszeit von zwei Wochen an.

Die laut AGES und Gesundheitsministerium am 5. Februar in Ischgl erkrankte Schweizerin hat laut dem Land Tirol bei der Testung angegeben, dass sie am 5. März – und nicht einen Monat zuvor – erste Symptome aufwies. Das positive Ergebnis sei am 9. März vorgelegen – dahingehend würden die Daten der Tiroler Gesundheitsbehörden mit den Daten der AGES übereinstimmen.

Unterdessen betonte das Land in einer Aussendung erneut, dass man keine Informationen hinsichtlich des 5. Februar vorliegen habe. Und verband dies mit Kritik an den Bundesverantwortlichen: Man habe vielmehr die "neuen Inhalte" wie alle anderen auch direkt von der Pressekonferenz der AGES erfahren müssen.

Eine weitere Kellnerin des Apres-Ski-Lokals zeigte am 8. Februar erste Symptome. Der Barkeeper selbst erst am 2. März. Dazu kamen weitere Mitarbeiter dieser Bar, darunter auch der Geschäftsführer oder auch der DJ. Neben den "Kitzloch"-Mitarbeitern gab es bereits am 26. Februar in Ischgl auch zwei erkrankte Erasmus-Studenten aus Norwegen, die in Bologna studierten und sich beim Skifahren in Ischgl "mit Sicherheit nicht" dort angesteckt hätten, erläuterte Allerberger. Die Patientin Null ist laut Angaben des Experten "pumperlgesund", ebenso die weiteren Angestellten der Bar, die alle maximal 50 Jahre alt sind. In Tirol selbst sind ungefähr acht Personen des "Cluster S" auf der Intensivstation.

Ischgler Bürgermeister: "Von Infektion im Februar in Regierungs-PK erfahren"

Von dem Fall erfahren hat auch der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz nach eigenen Angaben selbst erst am heutigen Donnerstag durch die Pressekonferenz von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

"Auch die von der AGES bekannt gegebene Kellnerin, die mit dem Coronavirus infiziert wurde, war uns bislang nicht bekannt“, so Kurz weiter. Man habe – so wie die gesamte Öffentlichkeit auch – erst heute davon erfahren. Laut Kurz sei die erste Corona-Infektion in Ischgl am 7. März bekannt geworden und "an die zuständigen Behörden weitergeleitet worden, die in Folge die Schließung der Apres Ski Bar „Kitzloch“, sämtlicher Gastronomiebetriebe, ein behördliches Versammlungsverbot sowie die Schließung der Seilbahnen veranlasste."

Kurz: „Sämtliche Vorgaben und Verordnungen wurden in Ischgl selbstverständlich umgesetzt.“

Virus nicht extrem ansteckend, Abstand wirkt gegen Infektion

Allerberger betonte bei der Pressekonferenz, dass das Coronavirus nicht "extrem ansteckend ist", die Infektionen passieren in Apres-Ski-Lokalen, wo Menschen in einer Distanz weniger als einen Meter zumindest 15 Minuten Kontakt haben. "Das Virus hat keine Flügel. Es fliegt weder in einem Bundesgarten noch auf der Skipiste auf 2000, 3000 Meter Höhe", sagte Allerberger. Die Infektionen passieren in Apres-Ski-Lokalen, dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenstehen. "Ich fahre jeden Tag mit der U-Bahn, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und hab keine Angst, solange die Menschen zumindest einen Meter Abstand halten", bekräftigte der Experte.

Er wies zudem darauf hin, dass man "mit Rückschlüssen vorsichtig sein" müsse. "Das ist kein Kriminalprozess, es sind Indizien, die für uns wichtig sind, weil sie Anleitungen für künftige Maßnahmen sind", sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). "Die Betroffenen können in der Situation nichts dafür, ihnen ist überhaupt kein Vorwurf zu machen", sagte der Minister. "Wir sind keine Gerichtsbehörde", konstatierte Anschober.

Die Experten der AGES haben bereits mehr als 40 Cluster in Österreich untersucht. Der erste mit dem Buchstaben A war jener in Wien und Niederösterreich, wo aus Italien zurückgekehrte Personen mehrere Menschen im Umfeld angesteckt hatten. Den Experten gingen mittlerweile die Buchstaben für die Cluster-Reihung aus, "die Kollegen müssen sich ein neues System einfallen lassen", sagte der Leiter des Bereichs Humanmedizin der AGES. (TT.com, APA)


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