„Hotspot Ischgl": Korrespondenten fordern Konsequenzen

Deutsche und Schweizer Journalisten wurden zu der Vorgehensweise in Tirol befragt. Sie orten ein „Versagen der Behörden" und meinen, „Ischgl" sei derzeit in Deutschland ein Schimpfwort.

„Ischgl" sei derzeit in Deutschland ein „Schimpfwort", meint etwa Christoph Schiltz von der konservativen Zeitung Die Welt.
© Thomas Böhm

Wien/Berlin – Für Österreich zuständige Korrespondenten Deutscher und Schweizer Zeitungen sehen einen Aufarbeitungsbedarf bezüglich des „Corona-Hotspots Ischgl". In einer APA-Umfrage fordern Journalisten von Die Welt, FAZ, Handelsblatt, NZZ, Süddeutscher Zeitung und taz personelle Konsequenzen, mitunter auch auf politischer Ebene. Zugleich gibt es Zweifel, dass diese auch wirklich erfolgen werden.

Mehrere Korrespondenten erwarten, dass sich der Tiroler „Corona-Hotspot Ischgl" für das Image Österreichs als Tourismusdestination negativ auswirken wird. „Ischgl" sei derzeit in Deutschland ein „Schimpfwort", meint etwa Christoph Schiltz von der konservativen Zeitung Die Welt. Während aber Schiltz davon ausgeht, dass längerfristig „kein Schaden" zu erwarten sei, könnte sich Stephan Löwenstein (FAZ) sogar grundlegende Veränderungen im Tourismus vorstellen.

Hans-Peter Siebenhaar (Handelsblatt) ortet ein „Versagen der Behörden in Tirol". Auch Peter Münch von der linksliberalen Süddeutschen meint: „Es ist in jedem Fall dringend nötig, allen schwerwiegenden Vorwürfen nachzugehen und gegebenenfalls auch personelle Konsequenzen zu ziehen bis hinauf zu den möglicherweise politisch Verantwortlichen in allfälligen Seilbahnschaften."

Ivo Mijnssen von der bürgerlich-liberalen Neuen Zürcher Zeitung räumt ein, dass Tirol wohl auch etwas Pech gehabt habe, weil „in anderen Skigebieten zum Teil noch länger weitergemacht" worden sei. Aber auch er konstatiert: „Man erhält im Ausland nun schon den Eindruck, dass da viel gemauschelt wurde, wobei auch das kategorische Abstreiten von Verantwortung nicht hilfreich war." Ralf Leonhard von der linken Berliner Tageszeitung (taz) meint: „Personelle Konsequenzen werden wahrscheinlich schleichend nach der Krise und nicht als solche deklariert. Der schwarze Filz hält."

💬 Die jeweils per E-Mail übermittelten Fragen und Antworten im Detail:

Wird das von mehreren Seiten als mangelhaft kritisierte Vorgehen der Behörden im Tiroler Skiort Ischgl dem Image Österreichs als Tourismusdestination nachhaltig schaden? Rechnen Sie, dass es zu personellen Konsequenzen kommt? Auch in der Politik?

Christoph Schiltz (Die Welt): „Ischgl" ist derzeit in Deutschland ein Schimpfwort. Die Sache muss aufgearbeitet werden. Österreich wird dadurch als Ferienziel keinen Schaden haben, ganz bestimmt nicht. Sollte es tatsächlich gravierende Versäumnisse gegeben haben und sollten Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Werner Kogler dann glaubwürdig sein wollen, so müssen sie Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) und seine Stellvertreterin Ingrid Felipe (die völlig stumm war) von den Grünen zum Rücktritt drängen. Man kann nur hoffen, dass Ischgl und die Tiroler Tourismusindustrie aus diesem Desaster lernen werden.

Stephan Löwenstein (FAZ): Insgesamt könnte es sein, dass „Corona" den Tourismus verändert. Das könnte Einzelnen schaden, die von möglichst viel Masse profitieren, muss aber insgesamt nicht schlecht sein. Was den Ruf von Ischgl und Tirol betrifft, kommt es darauf an, welche Konsequenzen gezogen werden. Mit ein bisschen Stühlerücken ist es da nicht getan, sondern das muss in die Strukturen gehen. Gelingt das, dann kann es so ausgehen wie mit dem österreichischen Wein nach dem Glykol-Skandal: Es heißt, er sei besser denn je.

⏩ Ivo Mijnssen (NZZ): Ich glaube, die Affäre wird Tirol nachhaltig schaden, nicht aber unbedingt Österreich als Ganzem. Man erhält im Ausland nun schon den Eindruck, dass da viel gemauschelt wurde, wobei auch das kategorische Abstreiten von Verantwortung nicht hilfreich war. Auch seither ist eigentlich kaum ein Wille zur Aufklärung erkennbar - was in der gegenwärtigen Krisensituation aber nachvollziehbar ist. Ich finde auch, dass Tirol etwas Pech hatte: In anderen Skigebieten wurde genau gleich lang und z.T. noch länger weitergemacht, und von dort verteilten sich ebenfalls viele Infizierte über den halben Kontinent. Dort wurden die Infektions-Cluster aber nicht so klar dokumentiert wie in Ischgl. Ob es zu Konsequenzen kommt, finde ich schwer abschätzbar, zumal das Virus das gesamte „System Tirol" – und die Tourismusbranche weit darüber hinaus – in eine existenzielle Krise gestürzt hat. Unter diesen Umständen klare Verantwortungen zu definieren und politische Konsequenzen durchzusetzen, wird noch schwieriger.

Peter Münch (Süddeutsche): Das wird auf die Aufklärung ankommen. Es ist in jedem Fall dringend nötig, allen schwerwiegenden Vorwürfen nachzugehen und gegebenenfalls auch personelle Konsequenzen zu ziehen bis hinauf zu den möglicherweise politisch Verantwortlichen in allfälligen Seilbahnschaften. Der Tiroler Landesgesundheitsrat hat sich ohnehin mit seinem ZiB 2 Auftritt bereits jenseits der fälligen Aufklärungen selbst disqualifiziert.

Hans-Peter Siebenhaar (Handelsblatt): Das Versagen der Behörden in Tirol beim Umgang von Coronavirus-Kranken hat nicht nur der Tourismusdestination geschadet, sondern hat den Ruf Österreichs als Ferienland schwer in Europa beschädigt. Von Island bis Deutschland entstand der Eindruck von Überforderung, Geldgier und Schlamperei in Tirol. Das Schönreden, Vertuschen und Verschweigen hat der Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen in Tirol sehr geschadet. Ich glaube aber nicht, dass es auf der Ebene der Landesregierung in Tirol zu Rücktritten aus Verantwortung für das miserable Krisenmanagement kommen wird.

⏩ Ralf Leonhard (taz): Ganz bestimmt wird das vor allem Tirol schaden. Personelle Konsequenzen (Tirols Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg/ÖVP) werden wahrscheinlich schleichend nach der Krise und nicht als solche deklariert. ÖVP-Landeshauptmann Platter und Franz Hörl (Obmann des Fachverbandes der Seilbahnen der Wirtschaftskammer) werden wohl bleiben. Der schwarze Filz hält.


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