Der Fußball und sein geisterhaftes Spiel auf Zeit

Der internationale Fußball kämpft in der Corona-Krise darum, diese Saison auf Profiebene noch irgendwie in den Kalender zu pressen. Die Zeit drängt, vom Frühjahr bis in den Sommer. Tirol ist dabei auch ein (kleiner) Faktor.

Bilder, auf die man 2020 vermutlich verzichten muss – RB Leipzig mit Timo Werner war letzten Sommer zu Gast im malerischen Seefeld.
© gepa

Von Alex Gruber

Innsbruck – Dieser Fußball-Sommer, der als Höhepunkt die EM-Endrunde 2020 mit 24 Teams in zwölf europäischen Städten bringen hätte sollen, wird sicher nicht magisch. Das Coronavirus hat dem großen Frühjahrserwachen eine Zwangspause beschert, die gleichermaßen auch zu einem Umdenken unter den großen Fußball-Kapitalisten mahnt.

Es ist offen, wer wann wo und wie überhaupt weiterspielen kann. Die Ballspiele in den diversen Ligen könnten bis in den Sommer hinein reichen, was weitere, beliebte Trainingscamps in Tirol/Österreich außer Kraft setzen würde. Eine kleine Zahlenreise, die in der Heimat beginnt:

75 Teams, darunter acht Nationalmannschaften und 67 Clubteams aus 23 verschiedenen Ländern, betreute die Firma „SLFC Soccer“ im Sommer 2019 an 828 Tagen in Trainingscamps zwischen Wien und Vorarlberg. „300.000 Flaschen Wasser haben wir benötigt“, nennt Christian Ablinger, ehemals Manager beim FC Wacker, eine imposante Zahl, die die Grundbedürfnisse stillt. Momentan dürstet es aufgrund der ungewissen Lage natürlich kaum einen Club nach dem Camp im Sommer, zu vage ist die Situation. „Alle spielen auf Zeit“, merkt Ablinger an. Der Sommer 2020 hätte das österreichische und deutsche Nationalteam nach Seefeld oder die russische Auswahl um Stani Tschertschessow wieder nach Neustift gebracht. „Wenn alles bezüglich Plan und Austragungsorte bei der EM 2021 fast gleich bleibt, gibt es positive Signale, dass sie nächstes Jahr kommen“, hält Ablinger fest, der im Fußballzirkus auf keinen Fall in das Jammern auf hohem Niveau einstimmen will: „Der Fußball benötigt einen Schritt zurück.“ Das umfassende Vertragswerk bezüglich Unterbringung, Testspiele oder Transporte der Clubs ist vorerst ruhend gestellt. Die Entscheidungen im Amateurfußball werfen die Frage auf, ob die benötigten Plätze diesen Sommer überhaupt zur Verfügung stehen würden. Ganz zu schweigen vom touristischen Nutzen, den die Orte aus den Spitzenclubs ziehen.

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238 Personen dürfen laut einem Geheimpapier und exklusivem Bild-Bericht bei den Geisterspielen in der deutschen Bundesliga in die Stadien, sofern es im Mai wieder losgehen kann. Die Deutsche Fußballliga (DFL) bestätigte diesen Richtwert, der natürlich divergieren könne. Die Bild konkretisierte in ihrem Bericht: 126 Personen dürften in den Innenraum, die Mannschaften in kompletter Stärke, pro Team seien nur noch acht Trainer, Betreuer und Ärzte zugelassen. Dazu kämen 113 Personen auf den Tribünen, insgesamt weniger Ordner und Ballbuben. Das Fernsehen soll mit insgesamt 36 Personen den stärksten Anteil halten. Wobei schon jetzt die Frage interessant erscheint, wie nach den hautengen Zweikämpfen am Feld die Interviews dann geführt werden. Theoretisch müsste man im Vorfeld ja alle Stadiongäste testen. Und nebenbei dreht sich die wohl viel wichtigere Diskussion um die Volksgesundheit.

32 Millionen Euro bringt der TV-Vertrag mit Sky den österreichischen Bundesligisten ein. Eine quartalsmäßige Auszahlung aus dem Sockelbetrag steht diese Saison ebenso noch aus wie eine Drittel-Abrechnung, die sich in erster Linie aus dem Österreichertopf zusammensetzt. In Summe dreht es sich bei diesen offenen Geldern für die WSG um einen gut sechsstelligen Betrag. Kein Vergleich zu Deutschland, wo selbst Aufsteiger und Tabellenschlusslicht Paderborn noch 26,7 Millionen jährlich über den TV-Topf erhält. Branchenprimus Bayern schöpft 68 Millionen ab. Summen, die im Verlustfall weit mehr schmerzen. Laut Deutscher Presseagentur (dpa) soll die DFL mit Sky über Vorauszahlungen verhandeln, um stark belasteten Clubs durch die Coronakrise zu helfen.

56.000 Euro sammelten die Wacker-Innsbruck-Fans mit dem weltweiten Verkauf eines Vereinsschals, um der vom Coronavirus arg gebeutelten Region in Bergamo zu helfen. Beim deutschen Regionalligisten BSG Chemie Leipzig spielten die Fans mit Paketen 185.000 Euro für die angeschlagene Clubkasse ein. Zwei von mehreren Beispielen, wo das Herz im Fußball schlägt.

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