"Erst Impfstoff wird die Schwächsten schützen": Medien zur Corona-Krise

Die Ausbreitung des Coronavirus hat Europa weiter fest im Griff. Internationale Zeitungen beschäftigten sich auch am Dienstag mit der Krise. Zunehmend wächst die Kritik an den präventiven Maßnahmen der Behörden.

Das neuartige Coronavirus hat mehrere Länder Europas mit voller Härte getroffen. Nicht zuletzt Italien, Spanien und Frankreich.
© MIGUEL MEDINA

Internationale Zeitungen kommentierten die politischen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie am Dienstag wie folgt:

Neue Zürcher Zeitung:

"Dass die meisten Bürger dem Shutdown bereitwillig gefolgt sind, ist angesichts der Alternativlosigkeit, wie sie sich Mitte März präsentierte, nicht überraschend. Und viele lassen sich nur allzu gerne von dem sich in Berlin, Brüssel und Bern ausbreitenden Staatspaternalismus auffangen. Doch zunehmend regt sich Kritik. Die Aufgabe vieler Freiheitsrechte ist der Preis, den die Bürger zahlen sollen für das Versagen der Experten und Regierenden, das Land auf eine solche Pandemie vorzubereiten. (...)

Man stelle sich einmal das gegenteilige Szenario vor: Auf eine Pandemie vorbereitete Behörden hätten rasch gehandelt. Die Bevölkerung wäre umfassend mit Masken ausgestattet worden. Damit hätten die Bürger ein zusätzliches Instrument zur Hand gehabt, um eigenverantwortlich zu handeln und die Ansteckung von Mitbürgern zu verhindern."

Tages-Anzeiger (Zürich):

"Machen wir uns nichts vor: Erst die Verfügbarkeit eines Impfstoffs wird die Schwächsten endgültig schützen. Bis dahin dauert es wohl noch viele Monate. Großveranstaltungen wie Konzerte oder Fußballspiele werden noch sehr lange verboten bleiben müssen. Selbst geringste Lockerungen im Wirtschaftsleben können nur mit weiteren drastischen Hygiene- und Distanzierungsmaßnahmen erfolgen. Schnell eingeführt werden sollten nun neue Regeln für die Isolierung von Personen, die engen Kontakt zu Infizierten hatten. Sinnvoll wäre sicher, dass alle in Quarantäne - auch jene, die nicht erkranken - Versicherungsschutz geniessen. Und dass auch Arbeitgeber für alle Arbeitnehmer in Quarantäne entschädigt werden."

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Guardian (London):

"Was entwickelte Länder für ihre eigenen Volkswirtschaften getan haben, wird nun dringend für die ärmsten Staaten der Welt benötigt. Während sich das Virus im subsaharischen Afrika, in Nordafrika und im Nahen Osten ausbreitet, sind nun hoch verschuldete Staaten mit unterentwickelten Gesundheitswesen mit derselben doppelten Bedrohung von Menschenleben und Lebensgrundlagen konfrontiert. Doch finanzielle Stimuli wie sie im Westen gewährt werden, sind für sie unerschwinglich. Ohne bedeutende und rasche Unterstützung der Weltgemeinschaft könnten die Folgen katastrophal sein."

De Tijd (Brüssel):

"Am Mittwoch wird der Nationale Sicherheitsrat (Belgiens) entscheiden, wie es nun weitergehen wird. Wir sollten uns keine Illusionen machen. Zweifellos werden die Maßnahmen verlängert. Und im Interesse der Volksgesundheit müssen sie vielleicht noch geraume Zeit aufrechterhalten werden. (...)

Doch um die Maßnahmen effektiv zu machen und genügend Autorität zu ihrer Durchsetzung zu haben, muss auch eine Perspektive geboten werden. Wo führt das hin? Bereits jetzt ist klar, dass eine Rückkehr zur "alten Normalität" in den nächsten Monaten nicht zu erwarten ist. Angesichts des Ernstes der Lage mag das logisch sein. Aber dann muss doch wenigstens ein Ausblick auf eine "neue Normalität" präsentiert werden."

De Telegraaf (Amsterdam):

"Offenkundig haben wir uns doch schon etwas an die strengen Corona-Maßnahmen gewöhnt. Das gibt Hoffnung. Denn wir haben es noch lange nicht geschafft. Erst in der kommenden Woche können wir erwarten, dass die Regierung erklärt, ob und wie die Zügel nach dem 28. April gelockert werden können. Denn irgendwann müssen wir die Volkswirtschaft wird in Gang setzen. (...) Aber wir dürfen uns nicht zu früh freuen. Ein zu schneller Übergang zur Tagesordnung ist Medizinern zufolge gefährlich, weil dann ein weiterer massiver Virusausbruch droht, der die Krankenhäuser doch noch überfordern könnte. Wir müssen also noch weiter die Zähne zusammenbeißen."

El País (Madrid):

"Die Absicht der ultrakonservativen Regierung Polens, die Wahl im Mai per Briefabstimmung durchführen zu lassen, ist eine besorgniserregende Initiative. Sie ist weit davon entfernt, den normalen Betrieb der Institutionen zu garantieren. Im Gegenteil. Sie stellt einen gefährlichen Versuch dar, den gesundheitlichen Notstand und die Ausgangsbeschränkungen auszunutzen, um die autoritäre Abdrift fortzusetzen, in die die PiS das Land geführt hat (...) Die demokratischen Regeln dürfen nicht ein weiteres Opfer von Covid-19 werden. (PiS-Chef Jaroslaw) Kaczynski sollte gut daran tun, das zu bedenken. Und die Europäische Union muss ihn beobachten und darf ihn auf keinen Fall walten lassen."


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