Physiker der Uni Innsbruck nutzen Corona-Maßnahmen als Experiment

Die Stickoxide sind wegen des geringen Verkehrsaufkommen in Folge der Corona-Pandemie in der zweiten März-Hälfte stark gesunken, wie Forscher der Universität Innsbruck nun bekanntgaben. Die Physiker nutzen die aktuelle Lage als "kontrolliertes Experiment", um die Auswirkungen der Verkehrsbeschränkungen auf Luftschadstoffe zu erforschen.

Das Innsbrucker Atmosphärenphysiklabor befindet sich auf dem Dach des Bruno-Sander-Hauses der Universität Innsbruck.
© Uni Innsbruck

Innsbruck – Messungen der Universität Innsbruck zeigen, dass die Stickoxidwerte in der zweiten März-Hälfte deutlich zurückgegangen sind. Die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hinterlassen somit deutliche Spuren in den Messdaten des Innsbrucker Atmosphärenphysiklabors. Die Ergebnisse können den Forschern helfen, die Auswirkungen von Verkehrsbeschränkungen auf Luftschadstoffe und Klimagase besser zu beurteilen.

Nie dagewesene Situation bringt neue Erkenntnisse

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie schaffen auch für die Wissenschaften eine bisher nie dagewesene Situation: „Die weitreichenden Mobilitätsbeschränkungen ermöglichen uns ein kontrolliertes Experiment“, sagt der Innsbrucker Atmosphärenforscher Thomas Karl.

Dieses "Experiment", das den Verkehr auf der ganzen Welt eindämmt, könnte Karl zufolge "in Zukunft helfen, die tatsächlichen Auswirkungen von Verkehrsbeschränkungen auf die Verteilung von Luftschadstoffen und auf die Emissionsmenge von Klimagasen besser beurteilen und quantifizieren zu können.“

Am 18. März war die sonst stark befahrende Universitätskreuzung weitgehend leergefegt. Das zeigt sich auch in den Messwerten der Innsbrucker Forscher.
© Uni Innsbruck

Deutliche Reduktion der Stickoxide

Luftschadstoffe wie Stickoxide verweilen sehr viel kürzer in der Atmosphäre als das langlebige Kohlendioxid. Sinken die Abgase zum Beispiel durch den Rückgang des Verkehrs, geht auch die Konzentration der Schadstoffe in der Luft sehr rasch zurück. „Diesen Effekt sieht man derzeit weltweit bei Stickoxiden sehr deutlich“, sagt Thomas Karl. „Im Rahmen einer österreichischen Initiative für förderbare F&E-Infrastrukturprojekte betreiben wir an der Universität Innsbruck seit 2018 kontinuierlich urbane meteorologische und atmosphärenchemische Beobachtungssysteme.“

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Das erlaubt es den Forschern nun, einen ersten Einblick in die Verteilung von Schadstoffen im Tal rund um Innsbruck vor und nach den Verkehrsbeschränkungen zu gewinnen. „Die tageszeitlichen Verläufe der Stickstoffdioxid-Konzentration am Boden und in der gesamten Talatmosphäre rund um Innsbruck zeigen in der zweiten März-Hälfte eine deutliche Reduktion." Dieser Rückgang gehe über die natürliche Veränderung, die normalerweise durch das Wetter verursacht werde, hinaus, erläutert Thomas Karl die ersten Ergebnisse der Beobachtung. (TT.com/tkl)

Der Vergleich zwischen März 2019 und 2020 zeigt: Die Verläufe am Boden (links) und über die gesamte Talatmosphäre (rechts) zeigen eine deutliche Reduktion von Stickstoffdioxid.
© Uni Innsbruck/Luftblick

🔬Das Innsbruck Atmospheric Observatory (IAO)

Das Innsbrucker Atmosphärenphysiklabor (IAO) wird von Thomas Karl vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck geleitet und ist Bestandteil einer österreichischen atmosphärenchemischen und atmosphärenphysikalischen Messinfrastruktur für den urbanen Raum. Das Observatorium wird von der Universität Innsbruck und der Medizinischen Universität Innsbruck, der Zentralanstalt für Meteorologie und Geophysik (ZAMG), von AustroControl sowie dem Innsbrucker Startup Luftblick für die Grundlagenforschung genutzt. Im Luftchemieteam von Thomas Karl arbeiten Martin Graus, Christian Lamprecht, Michael Stichaner, Lisa Kaser und Arianna Peron derzeit in enger Zusammenarbeit mit Alexander Cede, Axel Kreuter und Martin Tiefengraber von Luftblick. Die derzeitigen Messungen werden auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF gefördert.


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