Kann das Coronavirus Geheilte erneut treffen? Forscher sind skeptisch

Berichte über erneute Covid-19-Erkrankungen bei Patienten, die zuvor als geheilt gegolten haben, führten zuletzt zu Diskussionen über mögliche Rückfälle. Österreichische Experten sehen Berichte zum etwaigen erneuten Aufflammen der Erkrankung sehr kritisch.

Österreichische Experten sehen Berichte zum etwaigen erneuten Aufflammen der Erkrankung sehr kritisch.
© Rudy De Moor

Berlin – Mehrfach kamen zuletzt aus Asien Meldungen zu einzelnen Corona-Patienten, die als genesen aus dem Krankenhaus entlassen und einige Tage später wieder positiv auf das Virus getestet wurden. Zuletzt gab es eine Mitteilung der südkoreanischen Seuchenschutzbehörde KCDC zu 91 solchen Fällen.

Rund 100 Menschen, bei denen die Erkrankung nach negativen Virus-Tests als geheilt angesehen wurde, sind laut KCDC erneut positiv auf das neuartige Coronavirus getestet worden. Laut KCDC-Direktor Joeng Eun Kyeong sei das Virus vermutlich "reaktiviert" worden und es dürfte sich nicht um Neuinfektionen handeln, hieß es. Zur Einschätzung des Phänomens brauche es weitere epidemiologische Untersuchungen.

Österreichische Experten sehen Berichte zum etwaigen erneuten Aufflammen der Erkrankung sehr kritisch. Hierzulande gebe es keinen ähnlichen Fall, so die Forscher gegenüber der APA.

Virus-Spuren nach der Genesung in Abstrichen noch lange nachweisbar

Ob es so etwas tatsächlich gibt, könne zwar "noch keiner genau einschätzen", die Berichte seien aber mit großer Vorsicht zu genießen, sagte die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl von der Medizinischen Universität Wien. Gesichert sei, dass bei vielen Menschen mit bereits abgelaufenen Infektionen Virus-Nukleinsäure noch relativ lange ausgeschieden wird. Das heißt, dass sich Virus-Spuren mitunter auch noch Wochen nach der Genesung in Abstrichen finden lassen.

Es gibt zwar "Gerüchte" über Fälle, bei denen es erneut zu Symptomen gekommen sei, die Datenlage ist aber sehr unklar.
Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Medizinische Universität Wien

Das sei die einfachste Erklärung für ein vermeintliches Wiederaufkeimen einer Erkrankung zu späteren Zeitpunkten. Auch am Zentrum für Virologie der Medizin-Uni Wien sei zu beobachten, wie Proben von ein und demselben Infizierten "mal positiv und mal negativ waren". Das passiere bei den sehr sensitiven PCR-Tests vor allem bei geringerer Viruslast, so Puchhammer-Stöckl. Es gebe zwar "Gerüchte" über Fälle, bei denen es erneut zu Symptomen gekommen sei, die Datenlage sei aber sehr unklar. In Österreich ist der Wissenschafterin bisher noch kein solcher Verdachtsfall untergekommen.

Das gilt auch für Ivo Steinmetz, der das Diagnostik und Forschungszentrum für Molekulare BioMedizin der Medizinischen Universität Graz leitet: Man sehe durchaus immer wieder Testergebnisse von Personen, die nach einer Infektion negativ ausfallen und am Tag darauf "ganz schwach positiv sind".

"Das bedeutet aber nicht, dass sich jemand wieder angesteckt hat", betonte Steinmetz. Da über die Hintergründe der Berichte aus Südkorea nicht viel bekannt sei, sollte man bei deren Interpretation sehr aufpassen, so der Wissenschafter, "im Moment gibt es keine belastbaren Daten, die von einer echten Reinfektion ausgehen".

"Schon die ganz Zeit da, aber der Test kann das nicht immer erfassen"

Auch deutsche Forscher zeigen sich ob der Meldungen aus Asien skeptisch. So betont der Berliner Virologe Christian Drosten von der Charité, dass der Erreger gerade zum Ende der Erkrankung zeitweise nachweisbar sein könne und zwischendurch an einigen Tagen nicht. "Das Virus ist schon die ganze Zeit da, aber der Test kann das nicht immer erfassen", sagte er im NDR-Podcast.

Damit nehme die Wahrscheinlichkeit zu, dass ein Test auch einmal negativ ausfalle – obwohl es durchaus noch Virenmaterial im Patienten gebe. Gerade bei Abstrichproben aus dem Hals sei das nicht verwunderlich, erklärte Drosten. In Lungensekret und Stuhl sei das Virus wesentlich länger gut nachweisbar – und zumindest in einigen Fällen seien bei den erwähnten Patienten zunächst Rachenabstriche und später Lungensekret (hochgehustetes Sekret) oder Stuhl getestet worden. "Das ist meine Erklärung für dieses Phänomen", so Drosten.

"In der Abklingphase der Krankheit liegen die verbliebenen Virusmengen mal über, mal unter der Nachweisgrenze des PCR-Tests", erläutern Melanie Brinkmann von der Technischen Universität Braunschweig und Friedemann Weber von der Universität Gießen in einer gemeinsamen Stellungnahme.

In dieser Phase funktioniert der Test eher nach dem Zufallsprinzip.
Melanie Brinkmann, Technische Universität Braunschweig

Brinkmann und Friedemann meinen, das auch ein gewisses Wieder-Aufflackern des Virus eine Rolle spielen kann. So etwas wie Latenz – ein Verstecken des Virus in Körperzellen und Reaktivierung etwa bei Stress – wie bei Herpesviren gebe es bei Coronaviren jedoch nicht. Der Vorgang der Latenz sei extrem kompliziert, die Herpesviren hätten dies erst in Millionen Jahren der Koevolution mit dem Menschen perfektioniert.

Nicht als vollkommen ausgeschlossen, aber sehr unwahrscheinlich gilt unter Experten eine direkte Neuansteckung. Bei den bisher getesteten Patienten seien üblicherweise etwa zehn bis 14 Tage nach dem Beginn der Symptome Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut nachgewiesen worden, die genesene Menschen prinzipiell zumindest einige Zeit vor einer Neuinfektion schützen sollten. Wie gut und wie lange? "Das kann zum derzeitigen Zeitpunkt keiner sicher beurteilen", erläutern die Forscher.

"Vorwiegend totes, ausgeschiedenes Material"

Doch was bedeutet es für das Ansteckungsrisiko, wenn Genesene das Virus noch einige Tage lang weiter in sich tragen? Der wichtigste Punkt dabei: Die überall auf der Welt verwendeten PCR-Tests weisen keineswegs eine Aktivität der Viren nach. Sie schlügen auch bei verbliebenen Resten an, da sie lediglich das Vorhandensein des Erbmoleküls RNA nachwiesen, erläutern Brinkmann und Weber. Damit lasse sich nicht erkennen, ob das nachgewiesene Virusmaterial noch infektiös ist oder nicht.

Nach derzeitigem Kenntnisstand sei das nach der Genesung nachgewiesene Virusmaterial wohl nicht infektiös für andere, es handle sich sehr wahrscheinlich vorwiegend um totes, ausgeschiedenes Material, erklärt Drosten. Es habe dazu bereits erste Analysen gegeben. "Wir konnten nie infektiöses Virus isolieren."

Die Frage, ob sich von einer Infektion genesene Menschen erneut am Coronavirus anstecken können, ist von internationaler Bedeutung. Viele Länder setzen darauf, dass von einer Corona-Infektion geheilte Menschen zumindest für eine gewisse Zeit Immunität gegen das Virus entwickeln und mit der Zeit ein genügend großer Bevölkerungsteil immun gegen die Krankheit ist, um ein Wiederaufflammen der Pandemie zu verhindern. (APA, dpa, TT.com)


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