Nicht nur das enge Zeitfenster ist für die Bundesliga erdrückend

Mit Geisterspielen und minimal 161 Personen pro Match im Stadion könnte die österreichische Fußball-Bundesliga Mitte Mai vielleicht wieder starten. Es ist eine wahre Mammutaufgabe, die Saison am Rasen fertigzuspielen.

Das Plakat der Admira-Fans steht stellvertretend für den sportlichen und wirtschaftlichen Überlebenskampf der zwölf Bundesliga-Klubs.
© gepa

Von Alex Gruber

Wien, Innsbruck – Mit der politischen Erlaubnis durch Sportminister Werner Kogler zu Geisterspielen und dem ebenfalls grünen Licht durch den Österreichischen Fußballbund, die obersten beiden Spielklassen zu Ende bringen zu können, steckten die Klubverantwortlichen aus der Bundesliga (12) und der 2. Liga (16) gestern die Köpfe zusammen. Zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit (TV-Gelder, Sponsoreneinnahmen) und berechtigten Zweifeln (Ansteckungsgefahr; wer übernimmt umstrittene Corona-Testungen in geschätzter Höhe von einer Million Euro?) türmten sich in beide (Spiel-)Richtungen ein schier unüberwindbarer Gegner und zahllose Fragen auf.

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Es geht nur step by step. Im besten Fall von Kleingruppentraining Anfang nächster Woche (vermutlich Dienstag) zum Mannschaftstraining in absehbarer Zeit und einer optimistischen Wiederaufnahme der Meisterschaft Mitte Mai. Aus Tiroler Sicht betonen sowohl Stefan Köck, Sportmanager der WSG Tirol, als auch Alfred Hörtnagl, Geschäftsführer Sport beim FC Wacker Innsbruck, dass man auf die genauen Verordnungen der Bundesregierung warten muss. Zu schwammig sei derzeit die Lage, genauso klar ist aber, dass das Zeitfenster drückt, zumal der ÖFB aufgrund seiner Bestimmungen an einem Saisonende mit 30. Juni festgehalten hat.

Hörtnagl stellt klar: Wacker spielt Saison fertig

„Alle sind der Meinung, dass wir Fußball spielen und die Saison zu Ende bringen sollen“, sagt Ebenbauer, dem die derzeit gesetzte Deadline (30.6.) bei zehn plus drei Spielen (Partien um zusätzlichen Europa-League-Startplatz) in der Bundesliga bzw. dem ÖFB-Cupfinale und elf ausstehenden Zweitliga-Matches Kopfzerbrechen bereitet. Bei einem Liga-Abbruch bliebe ja Zweitliga-Tabellenführer Ried der Aufstieg verwehrt und würde in der Bundesliga ohne Absteiger der Tabellenstand nach dem Grunddurchgang gewertet.

Im Moment spielt sich vieles im Graubereich ab. „Ich möchte nicht in seiner Haut stecken“, betont Köck in Richtung Ebenauer, der alle Klubs zu vertreten hat. Hörtnagl stellt klar, dass der FC Wacker, der (intern) nach Ausbruch der Corona-Pandemie das Saisonende erklärte, sicherlich fertigspielen wird, sofern die Regierung und folglich Liga-Konkurrenten auf grünes Licht schalten.

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Bundesliga-Vorstand Raphael Landthaler wies noch auf 1512 Sponsoren und Partner hin, die das heimische Fußball-Oberhaus umfassen. 400.000 aktive Fußballer tummeln sich in über 2000 Vereinen, ca. 180 Mitarbeiter zählen die Bundesliga-Klubs. „Wir wollen im Herbst wieder mit 28 Vereinen starten“, wies Landthaler auf die vielfach gestellte Frage nach der leidenden Liquidität bei den Profivereinen aus.

Schwindelerregender Fragen-Katalog

Was macht der Staat an finanziellen Hilfestellungen locker? Welche Maßnahmen werden die FIFA/UEFA noch ergreifen? Verlängert der ÖFB doch die Saison? Wie viele Personen muss man vor jedem Training/Geisterspiel testen? Wie darf der Zeugwart die Wäsche verteilen? Der Fragenkatalog ist gegenwärtig schwindelerregend.

„Unsere Präsidentin steht sicher dafür, dass gesundheitlich null Risiko eingegangen wird“, stellt Köck bezüglich Vereinsoberhaupt Diana Langes klar. Auch sie weiß: König Fußball muss seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden.

Kommentar: Geisterspiele als Rettungsanker

Von Alex Gruber

Bei einem Auto, dem von dritter Hand die Luft ausgelassen wurde, misst man auch nicht den Reifendruck, um das neue Pickerl zu prüfen. Folglich ist es selbstredend, dass nach den Kollateralschäden, die der Coronavirus im heimischen Fußball hinterlässt, das Lizenzierungsverfahren der Bundesliga an die Gegebenheiten angepasst wird. Im Moment helfen sich viele Klubs genauso wie Unternehmen mit Kurzarbeit weiter.

Die Fußball-Landschaft, und dafür muss man kein Prophet sein, wird sich über die Landesgrenzen hinaus verändern. In Deutschland steht beispielsweise die letzte TV-Rate (304 Millionen Euro) noch aus und stehen für 36 Klubs (1. und 2. Liga) bei einem vorzeitigen Saisonabbruch insgesamt 750 Millionen Euro auf dem Spiel. In Sachen Geisterspiele hängen die Nachbarn auch in einer Warteschleife fest. Das Motto lautet, wie in der freien Wirtschaft, da wie dort: Rette sich, wer kann (vor der Insolvenz)!

Wirtschaftlich sind Geisterspiele überlebensnotwendig, aus gesellschaftlicher Sicht (Stichwort Sonderstellung) zu hinterfragen. Die zwiespältigen Gefühle machen auch vor dem Rasen nicht Halt.


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