Coronavirus breitet sich in Afrika aus: Warnung vor "Staatsverfall"

Der deutsche Entwicklungsminister warnt, in Afrika drohen ob der Corona-Pandemie verheerende Konsequenzen für Gesundheit und Wirtschaft. Wegen der schwachen Gesundheitssysteme sei in manchen Ländern mit Hunderttausenden Toten zu rechnen.

Ein Mitarbeiter einer privat finanzierten NGO versucht, einen Park in Kenya zu desinfizieren.
© LUIS TATO

Berlin – Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat vor verheerenden Auswirkungen der Coronakrise auf afrikanische Staaten gewarnt. Nicht nur die Gesundheitskrise selbst stelle eine Gefahr für afrikanische Länder da - "sondern es erwachsen daraus Spannungen, Unruhen, Hunger, bis hin zur Gefahr des Staatsverfalls in bestimmten Regionen", sagte Müller am Samstag im Deutschlandfunk.

Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) warnten vor den Folgen der Pandemie auf dem ärmsten Kontinent der Welt und riefen zu weiteren Milliardenhilfen auf.

WHO hätte beste Voraussetzungen für Maßnahmen in Afrika

Müller verwies auf äußerst schwache Gesundheitsstrukturen in vielen afrikanischen Ländern. Müller plädierte dafür, die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer Art Weltpandemie-Zentrum auszubauen. "Diese Pandemie ist nicht die letzte", warnte der CSU-Politiker. Man müsse neue Gesundheitsgefahren schnell erkennen und die Beschaffung von Medikamenten und Impfkampagnen weltweit koordinieren. "Dafür hat die WHO gute Voraussetzungen und ist die Organisation", sagte Müller. Er hoffe, dass Washington das auch einsehe, "nachdem dieses Virus gerade in den USA so massiv die Bevölkerung" treffe. "Die Strukturen der WHO sind weltweit funktionsfähig."

US-Präsident Donald Trump hatte die Finanzierung der WHO eingestellt und der Organisation Chinahörigkeit vorgeworfen. Müller regte als Konsequenz an, die WHO stärker staatlich zu finanzieren und von Spenden unabhängiger zu machen. Zudem müsse man Menschen-und Tiergesundheit in einem Ansatz vereinen und mit den besten Forschern international angehen. Das Coronavirus sei vom Tier auf den Menschen gesprungen und es gebe mindestens 40 derart gefährlicher Viren. Daraus müsse man Konsequenzen ziehen.

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Schlechtes Gesundheitssystem: Hunderttausende Tote vorstellbar

Mit ihrer bestehenden Gesundheitsstruktur hätten viele afrikanische Länder keine Chance, das Virus zu bekämpfen, sagte der CSU-Politiker. So habe Äthiopien mehr Einwohner als Deutschland, aber nur 100 Intensivbetten. Bei einer Ausbreitung des Virus wie in Deutschland könne es dort Hunderttausende Tote geben. Die Regierungen in Afrika hätten jedoch aus Ebola Konsequenzen gezogen und man könne bei der Corona-Seuche auf den Einfluss des Klimas und der Altersstruktur hoffen. Als Konsequenz aus diesen Erfahrungen hätten afrikanische Regierungen sofort beim Auftreten der ersten Corona-Fälle Isolation angeordnet.

Die Weltbank und der IWF warnten ihrerseits, dass die bisherigen Milliardenhilfen für Afrika im Kampf gegen die Pandemie bei weitem nicht ausreichten. Nach eigenen Angaben haben Weltbank und IWF jeweils 57 Milliarden Dollar (52 Milliarden Euro) freigegeben, um afrikanische Länder bei der Aufrüstung ihrer Gesundheitssysteme und der Wiederbelebung der Wirtschaft zu helfen. Dies sei ein "wichtiger Anfang", jedoch brauche der ärmste Kontinent der Welt deutlich mehr Geld, um sich gegen die Ausbreitung des Coronavirus zu stemmen. Im Moment bestehe mindestens eine "Finanzierungslücke von rund 44 Milliarden Dollar".

Fortschritt ärmerer Länder könnte zunichtegemacht werden

Weltbank-Chef David Malpass forderte ein schnelles Handeln, um armen afrikanischen Staaten und anderen Entwicklungsländern bei der Abfederung der Pandemie-Folgen zu helfen. Er fürchte, dass die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise alle Fortschritte der ärmeren Länder zunichtemachen könnten, sagte Malpass auf der Frühjahrstagung der Weltbank.

Auch der Chef der Afrikanischen Union (AU), Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, warnte vor Rückschlägen für die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit in Afrika durch die Coronakrise. "Die Pandemie hat bereits jetzt verheerende Auswirkungen auf Afrika, die sich mit zunehmenden Infektionsraten noch vertiefen werden", erklärte Ramaphosa. "Es ist ein Rückschlag für den Fortschritt, den wir bei der Beseitigung von Armut, Ungleichheit und Unterentwicklung gemacht haben."

Bislang mehr als 1000 Tote in Afrika, starker Anstieg der Infizierten

In Afrika starben nach einer AFP-Zählung inzwischen mehr als tausend Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion, die Zahl der bestätigten Infektionen stieg auf mehr als 19.000. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigte sich am Freitag besorgt angesichts der rasanten Ausbreitung des Virus in Afrika. In der vergangenen Woche habe sich die Zahl der Infizierten auf dem Kontinent um 51 Prozent erhöht, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die Zahl der Todesopfer sei sogar um 60 Prozent gestiegen.

In vielen afrikanischen Ländern sind die Gesundheitssysteme äußerst schwach. Experten fürchten, dass eine Kombination aus Einschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung des Virus, einer starken Abnahme bei der Nachfrage nach Rohstoffen sowie einem Rückgang des Tourismus die Volkswirtschaften des Kontinents an den Rande eines Kollaps bringen könnten.

Größte jemals verzeichnete Rezession droht in Afrika

Der IWF schätzt, dass die Wirtschaft in Afrika in diesem Jahr um 1,6 Prozent schrumpfen wird. Dies wäre der größte jemals verzeichnete Rückgang in Afrika. Die Weltbank warnte vor der ersten Rezession in Afrika seit 25 Jahren.

Insgesamt will die Weltbank in den kommenden 15 Monaten armen Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika 160 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen, um die Folgen der Pandemie abzufedern. "Es ist klar, dass das nicht genug sein wird", räumte Malpass ein. (APA, AFP, dpa)


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