Erste Flüchtlingskinder aus griechischen Lagern landeten in Deutschland

Deutschland plant, insgesamt 350 bis 500 unbegleitete Minderjährige von den griechischen Inseln aufzunehmen. Österreichs Innenminister Nehammer (ÖVP) bekräftigte sein kategorisches Nein.

Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Hannover.
© Hartmann/AFP

Hannover, Athen – Deutschland hat am Wochenende eine erste Gruppe von unbegleiteten Flüchtlingen aufgenommen, die auf griechischen Inseln gestrandet waren. Kurz vor elf Uhr setzte am Samstag ein Flugzeug mit 47 Kindern und Jugendlichen am Flughafen Hannover auf. Während EU-Flüchtlingskommissarin Ylva Johansson die Aufnahme begrüßte, bekräftigte Österreich sein diesbezügliches kategorisches Nein.

Die Minderjährigen kommen aus heillos überfüllten griechischen Flüchtlingslagern auf den Ägäis-Inseln Samos, Chios und Lesbos. Als die Kinder und Jugendlichen nach der Landung in zwei Busse steigen, die sie in den Kreis Osnabrück bringen, sieht man trotz des Mundschutzes, wie sie lachen. Den wartenden Fotografen zeigen sie ihre hochgestreckten Daumen. Im Osnabrücker Land werden die Kinder erst einmal für eine 14-tägige Corona-Quarantäne untergebracht.

"Wir müssen jetzt weitermachen"

Einige der Kinder sollen dauerhaft in Gemeinden im norddeutschen Bundesland Niedersachsen bleiben. Etwa 20 von ihnen haben in Deutschland Verwandte und werden dorthin gebracht. Auch andere Bundesländer hatten die Aufnahme von Kindern angeboten. "Nordrhein-Westfalen ist auf die Aufnahme auch mehrerer Hundert vorbereitet und steht als Aufnahmeland für die zweite Evakuierung bereit", sagte Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) der dpa. "Wir müssen jetzt weitermachen, um das Elend auf den griechischen Inseln so schnell wie möglich zu beenden."

Als die Kinder und Jugendlichen nach der Landung in zwei Busse stiegen, zeigten viele ihre hochgestreckten Daumen in die Kameras.
© RONNY HARTMANN

Der deutsche Repräsentant des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Frank Remus, sagte der dpa mit Blick auf die 47 Minderjährigen: "Die Zahl ist klein und es kann in der Tat nur ein Anfang sein, wenn es darum geht, die völlig überfüllten und unzumutbaren Camps auf den griechischen Inseln zu entlasten." Es dürfe nicht vergessen werden, dass sie nun in einer fremden Welt eingetroffen seien, ohne gewohnte Umgebung und vertraute Menschen. "Wann sie auch in Deutschland ankommen, hängt von hilfreichen Händen und offenen Herzen ab."

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EU-Kommission: "Europäische Solidarität funktioniert"

Positiv reagierte EU-Kommissarin Johansson. Die Aufnahme der Flüchtlingskinder zeige, "dass die europäische Solidarität auch in diesen schwierigen Zeiten des Coronavirus funktioniert", sagte sie am Sonntag den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Ihr Plan sei es, die Umsiedlung im Mai oder Juni abzuschließen, dies hänge aber von der Entwicklung in den Mitgliedstaaten ab. Johansson drängte zugleich auf weitere Umverteilungsaktionen.

Deutschland plant, insgesamt 350 bis 500 unbegleitete Minderjährige von den griechischen Inseln aufzunehmen - bevorzugt Kinder im Alter unter 14 Jahren, kranke Kinder und Mädchen. Allerdings sind die meisten Minderjährigen, die ohne Mutter und Vater in die Europäische Union kommen, Burschen: Unter den 47 am Samstag gelandeten Flüchtlingen - 42 Kinder und 5 Jugendliche - sind nur vier Mädchen.

Neun weitere EU-Staaten und Schweiz mit Zusagen

Die deutsche Bundesregierung erwartet, dass auch andere EU-Staaten, die ihre Zusage zur Aufnahme aufgrund der Corona-Pandemie erst später erfüllen wollen, zu ihren Verpflichtungen stehen. Insgesamt sollen nach Angaben der Europäischen Kommission rund 1600 kranke Kinder und unbegleitete Minderjährige umgesiedelt werden. Außer Deutschland haben noch neun weitere EU-Staaten und die Schweiz erklärt, mitzumachen: Luxemburg, Belgien, Bulgarien, Frankreich, das aktuelle EU-Ratsvorsitzland Kroatien, Finnland, Irland, Portugal und Litauen. Bisher trafen vor einigen Tagen erst zwölf Minderjährige in Luxemburg ein.

Nach der Ankunft der ersten Flüchtlingskinder fordern SPD und Grüne weitere Umsiedlungen. Der stellvertretende Unionsfraktionschef Thorsten Frei erteilte dem aber eine Absage. Er wies darauf hin, dass Unterbringung und Betreuung pro Minderjährigem zwischen 50.000 und 70.000 Euro pro Jahr kosteten. Man könne mit dem Geld "auch viel Hilfe vor Ort leisten, ohne Anreize für die Migration zu schaffen", sagte Frei der "Welt am Sonntag". Bei der Aufnahme müsse es um die "absoluten Härtefälle" gehen.

Nehammer: "Falsches Signal"

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) versuchte indes, das österreichische Abseitsstehen in dieser Frage mit einem Hinweis auf das Elend der in Griechenland bleibenden Flüchtlinge zu rechtfertigen. Österreich nehme keine Kinder auf, "weil es das falsche Signal wäre, ein paar unbegleitete Minderjährige aufzunehmen und andere bleiben in der horriblen Situation. Wir müssen die Lebensbedingungen vor Ort verbessern", sagte Nehammer der Kronen Zeitung (Sonntagsausgabe). Er wies darauf hin, dass Österreich 180 Container nach Griechenland schicken werde, "um neue Unterkünfte zu schaffen und die Situation der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln zu verbessern".

Entsprechend reagierte Nehammer auch "differenziert" auf das von den großen EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien ausgearbeitete Papier für eine Reform der europäischen Asylregeln. Eine Verteilungsdiskussion führe zu keiner Lösung, schrieb Nehammer am Samstag in einer Stellungnahme gegenüber der APA. "Die Vorschläge für Maßnahmen gegen Sekundärmigration beispielsweise sehe ich hingegen sehr positiv", betonte der Innenminister. Klar sei, dass ein zukünftiges Europäisches Asylsystem auf einem effizienten Außengrenzschutz aufbauen müsse. (APA/dpa)


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