Über 100.000 Corona-Todesopfer in Europa

Spanien verlängerte unterdessen die strikte Ausgangssperre erneut. In britischen Altersheimen starben vermutlich viel mehr Menschen als bisher angenommen.

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© Foto Rudy De Moor

Madrid, London – Trotz der rigiden Ausgangsbeschränkungen in vielen Ländern ist die Zahl der Corona-Todesfälle in Europa auf mehr als 100.000 gestiegen. Spanien verlängerte unterdessen die strikte Ausgangssperre erneut. In britischen Altersheimen starben vermutlich viel mehr Menschen als bisher angenommen.

Bis Sonntagnachmittag erlagen laut einer auf offiziellen Angaben beruhenden Zählung der Nachrichtenagentur AFP 101.493 Menschen der Lungenkrankheit Covid-19. In Europa gib es damit fast zwei Drittel aller Corona-Todesfälle weltweit, es ist der am stärksten von der Pandemie betroffene Kontinent. Mehr als 1,15 Millionen Menschen haben sich auf dem Kontinent mit dem Virus infiziert. Experten gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus, da auch in vielen europäischen Ländern nur begrenzte Testkapazitäten bestehen.

959 Todesfälle an einem Tag

Die meisten Todesopfer in Europa wurden aus Italien gemeldet, dort starben mehr als 23.000 Infizierte. Weltweit liegt diese Zahl nur in den USA höher, wo bereits mehr als 37.000 Corona-Patienten starben. Am drittstärksten betroffen ist Spanien, wo das Gesundheitsministerium am Sonntag allerdings eine positive Tendenz vermelden konnte: Die Zahl der neuen Corona-Todesfälle sank deutlich.

Es seien innerhalb von 24 Stunden 410 Menschen an Covid-19 gestorben, teilte das Gesundheitsministerium in Madrid mit. Am Samstag hatte diese Zahl noch bei 565 gelegen, zu den Hochzeiten der Infektionswelle in Spanien Anfang April waren an einem Tag 950 Todesfälle registriert worden. Mit den neuen Todesfällen stieg die Zahl der Menschen, die in Spanien an Covid-19 starben, auf fast 20.500, während in Frankreich inzwischen mehr als 19.000 Todesfälle registriert wurden.

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"Wir haben die extremsten Momente hinter uns gelassen", sagte Regierungschef Pedro Sanchez. Die erzielten Erfolge seien aber "noch nicht ausreichend" und dürften nicht durch "überstürzte Entscheidungen" gefährdet werden. Deshalb verlängerte die Regierung die seit dem 14. März geltende Ausgangssperre nochmals bis zum 9. Mai.

Streit um Opferzahlen

Sanchez kündigte aber zugleich an, dass zumindest für Kinder die Regelungen Ende April etwas gelockert werden sollen. Vom 27. April an sollen sie in "begrenztem" Umfang Zeit im Freien verbringen dürfen.

Überschattet wurde die offenbar positive Entwicklung von einem Streit um die Opferzahlen: Um die Statistiken der verschiedenen Regionen zu vereinheitlichen, erfasst das Gesundheitsministerium nur noch die Todesfälle positiv getesteter Patienten. Mehrere Regionen kritisieren, dass tausende Todesfälle auf diese Weise nicht in der nationalen Statistik auftauchten.

Und es wurde Kritik an Sanchez lauter. "Spanien ist das letzte Land Europas, dass das Ende der Ausgangssperre bekannt gibt", titelte am Sonntag die Zeitung "El Mundo". In einem Leitartikel hieß es: "Sanchez hat immer noch keinen Plan."

Wer zu hause oder im Heim stirbt, wird nicht registriert

Auch in Großbritannien gibt es Diskussionen um die Statistiken der Regierung. Diese umfasst nur Todesfälle in Krankenhäusern. Wer zu Hause oder im Heim an Covid-19 stirbt, wird nicht registriert. Am Samstag veröffentlichte Schätzungen des britischen Branchenverbands der Pflegeheime zufolge könnten allein in diesen Einrichtungen zwischen 4000 und 7500 Menschen durch eine Corona-Infektion gestorben sein.

Offiziell sprach die Regierung in London am Samstag von mehr als 15.000 Corona-Toten im Königreich. Allein innerhalb von 24 Stunden seien 888 weitere Todesfälle in den Krankenhäusern registriert worden. Damit ging die Zahl der neuen Todesfälle wieder nach oben.

Die britische Regierung hatte am Donnerstag eine Verlängerung der am 23. März verhängten Ausgangssperre um mindestens drei Wochen beschlossen. Außenminister Dominic Raab, der den an Covid-19 erkrankten Premierminister Boris Johnson vertritt, sagte nach den Beratungen mit seinen Ministerkollegen, es sei noch zu früh, sich zu Ausstiegsszenarien zu äußern.

Johnson war Ende März positiv auf das neuartige Coronavirus getestet worden und wurde zwischenzeitlich auf der Intensivstation behandelt. Johnson "erholt sich gut und ist gut gelaunt", sagte Vize-Premierminister Michael Gove am Sonntag dem Sender Sky News.

"Schule ist ein Thema, mit dem wir uns später befassen werden"

Wegen der Corona-Pandemie sollen die üblichen Salutschüsse zum Geburtstag von Königin Elizabeth II. ausfallen. "Unter den gegebenen Umständen" halte die Queen diese Tradition für "nicht angemessen", teilte der Buckingham-Palast mit. Die dienstälteste Monarchin der Welt wird am Dienstag 94 Jahre alt.

Nach fast sieben Wochen Corona-Isolation ist der Druck auf die Regierung in Italien gewachsen, Kinder nach draußen zu lassen. Eltern starteten zudem zahlreiche Petitionen und veröffentlichten Briefe, damit die Schulen langsam wieder geöffnet werden - und nicht erst im September zum neuen Schuljahr.

Doch Experten und Regierung bremsen: "Schule ist ein Thema, mit dem wir uns später befassen werden", sagte der Präsident des Obersten Gesundheitsinstitutes (ISS), Silvio Brusaferro. Italien ist eines der weltweit am schwersten von der Lungenkrankheit Covid-19 getroffenen Länder. Die Anzahl der Infektionen ist mittlerweile auf mehr als 175.000 gestiegen, mehr als 23.200 sind gestorben. Zeitgleich steigt jedoch auch die Anzahl der Genesenen.

Weniger Tote in den USA als angenommen

Ein Modell der Universität von Washington geht von weniger Coronatoten in den USA aus, als bisher angenommen. Als wichtigsten Grund für die niedrigere Zahl nannten die Wissenschafter die strikte Einhaltung der Beschränkungen im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft in den vergangenen vier Wochen. Die Menschen hielten sich strenger an die Regeln als die Forscher erwartet hatten.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO attestiert offenbar vielen Staaten keine gute Pandemie-Vorbereitung. Nur ein Drittel der Länder könne Seuchenausbrüche entdecken und darauf reagieren, heißt es laut "Spiegel"-Bericht in einem Positionspapier. Selbst hoch entwickelte Gesundheitssysteme hätten dann nur noch "begrenzte Kapazitäten", grundlegende Leistungen zu erfüllen. Laut Bericht prophezeit die WHO, in armen Ländern mit schwächeren Systemen würden die Folgen der Pandemie "verheerend sein". Die Welt müsse mindestens ebenso entschlossen reagieren wie auf die Finanzkrise von 2008. (APA, AFP)


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