Das BIP und die schwierige Suche nach Ersatz für das „grobe Maß“

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als wichtigster Wohlstandsindikator. Lebensqualität, die Umwelt oder Zufriedenheit spielen dabei keine Rolle.

Wirtschaftswachstum als Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft ist umstritten. Bislang konnte sich aber keine Alternative durchsetzen.
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Von Stefan Eckerieder

Innsbruck – 400 Milliarden Euro betrug das Bruttoinlandsprodukt Österreichs im Vorjahr. Jeder in Österreich Lebende hat dazu 44.900 Euro beigetragen. Österreich ist demnach an 14. Stelle der reichsten Staaten der Welt. Wenn Wirtschaftswissenschafter nun davon sprechen, dass aufgrund der Corona-Krise das österreichische BIP 2020 um sieben Prozent schrumpfen wird, dann bedeutet das in Zahlen einen Wohlstandsverlust von im Schnitt mehr als 3000 Euro pro Kopf. Weil das BIP aber nicht mit Wohlstand und schon gar nicht Wohlbefinden gleichzusetzen ist, gibt es viele Versuche, alternative Indikatoren zu etablieren. Forscher versuchen etwa Kosten des Wirtschaftens wie CO2-Emissionen und Umweltverschmutzung vom BIP abzuziehen. Auch Lebensqualität wird versucht in Zahlen zu gießen.

„Die Diskussion über das BIP gibt es schon sehr lange“, sagt die Ökonomin Hannelore Weck-Hannemann von der Uni Innsbruck. Das BIP habe zahlreiche Schwächen. „Wenn es in einer Gesellschaft viele Streitigkeiten gibt, wirken sich etwa Anwaltskosten positiv auf das BIP aus. Eine Fabrik, die die Umwelt verschmutzt, trägt ebenso zur Steigerung des BIP bei wie die Kosten für die Säuberung der Umwelt“, erklärt die Umweltökonomin. Auch Hausarbeit, Pflege oder Kindererziehung fließen nicht in das BIP ein, es sei denn, man bezahlt jemand Dritten dafür.

Gefordert wird etwa eine Erweiterung der BIP-Indikatoren um Sozial- und Gesundheits-, Umwelt- und Bildungsindikatoren. „Diskutiert wird, stärker qualitatives statt quantitatives Wachstum zu messen. Man müsste dafür auch externe Effekte, die nicht bepreist sind, mit in die Messung aufnehmen“, sagt Weck-Hannemann. Das würde bedeuten, dass man etwa Umweltauswirkungen des Wachstums hinterfragt, auch wie viele Menschen vom Wachstum profitieren oder wie positiv die Auswirkungen auf Bildungs- und Gesundheitswesen sind.

Laut der Ökonomin bietet auch die Glücksforschung eine Alternative, wie Wohlstand oder besser Wohlfahrt zu messen ist. Statt auf Wertschöpfung oder Vermögenszuwachs abzustellen, werde vielmehr in Umfragen bei Bürgern nachgefragt, wie glücklich und zufrieden sie mit ihrem Leben sind. „Hier zeigt sich bei der Frage: ‚Macht mich mehr Einkommen glücklicher?‘ ein starker Abnutzungseffekt.“ Das heißt, mehr Geld macht demnach nicht dauerhaft glücklich. Als wichtiger habe sich die Frage herausgestellt, ob man einen Arbeitsplatz hat oder soziale Kontakte. Für die Corona-Krise würde man demnach wohl feststellen, dass die Zufriedenheit sinkt. „Das kann man aber auch relativieren. Arbeitslosigkeit wirkt sich im allgemeinen stark negativ und soziale Kontakte positiv aus. Durch die Krise werden Menschen meist unverschuldet arbeitslos, was den Effekt schmälert. Soziale Kontakte, also jemanden zum Reden, kann man auch über soziale Medien haben“, sagt Weck-Hannemann.

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Die Krise berge auch die Chance, die Zufriedenheit der Menschen nachhaltig zu steigern. „Viele Menschen arbeiten von zuhause. Nicht in die Arbeit fahren zu müssen, steigert die Lebensqualität. Das könnte man teilweise beibehalten“, sagt die Volkswirtin. Auch positive Umweltaspekte würden damit einhergehen. „Der Verkehr gehört zu den großen Energieverbrauchern. Wenn weniger Menschen in die Arbeit fahren, wirkt sich das ebenfalls aus. Auch Geschäftsreisen können ausfallen und die Meetings über Videokonferenzen trotzdem stattfinden.“

Bisher konnte jedoch kein alternatives Maß das BIP vom Thron stürzen. Das hat seine Gründe, wie Weck-Hannemann erklärt: „Das BIP hat den Vorteil, dass dafür weltweit einigermaßen einheitliche Statistiken erhoben werden. Es ist ein grobes Maß, das sich aber sehr gut vergleichen lässt.“

Alternativen zum BIP sind umstritten

Das Eurobarometer ist eine in regelmäßigen Abständen von der Europäischen Kommission veröffentlichte Meinungsumfrage. Es umfasst unter anderem soziale, ökologische und Gesundheitsindikatoren. Kritisiert wird dabei, dass eine Institution den eigenen Zustand abfragt. Der Verdacht der Manipulation steht im Raum und wurde 2012 auch nachgewiesen.

Happy Planet Index: Die durchschnittliche Lebenserwartung wird dabei mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen multipliziert und das Ergebnis durch den ökologischen Fußabdruck dividiert. Costa Rica nimmt dort den ersten Platz ein, Österreich liegt an 42. Stelle.

Umwelt-BIP oder Environmentally Sustainable National Income (eSNI): Ein erweitertes BIP wird dabei mit Umweltfaktoren bereinigt, um zu messen, wie stark unser Wachstum zulasten künftiger Generationen geht. Ergebnis: 50 %.

Das Bruttosozialglück wird in Bhutan anhand von 72 genau definierten Messgrößen berechnet. Sie basieren zum Teil auf Umfragen. Nur sehr schwer auf Europa umzulegen, da die Anerkennung des Karmas eine zentrale Rolle spielt.


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