Gebt den Kindern den Kochlöffel: „Wer selber kocht, isst auch"

Die Tiroler Ernährungsexpertin Angelika Kirchmaier hat ihr erstes Kinderkochbuch herausgegeben. Im TT-Interview erklärt die Diätologin, warum es wichtig ist, dass Kinder beim Kochen mithelfen, was man den Nachwuchsköchen zutrauen kann und wie auch Gemüseverweigerer den Griff zum Grünen wagen.

Die Kinder in der Küche mithelfen zu lassen, ist die Grundlage für eine gesunde Ernährung auch im Erwachsenenalter.
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Warum ist es wichtig, dass Kinder beim Kochen mithelfen?

Angelika Kirchmaier: Weil die Kinder sonst den Bezug zu den Lebensmitteln und der Herstellung von Speisen verlieren. Man kann sich viel gesünder ernähren, wenn man weiß, wo was herkommt und wie es verarbeitet wird.

Angelika Kirchmaier: „Xund und kinderleicht – Das Kochbuch für Groß und Klein", Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2020, ISBN 978-3-7022-3849-0 , 19,95 Euro.
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Wieviel kann man Kindern zutrauen?

Kirchmaier: Ich finde, wenn Kinder so in die dritte, vierte Klasse Volksschule gehen, dann kann man ihnen eigentlich fast alles zutrauen. Wenn sie selber schon mit einem größeren Messer gearbeitet haben und wissen, wie man es richtig angreift.

Beim Backofen öffnen würde ich Kinder nicht alleine lassen. Aber ansonsten, wenn man ein paar Sicherheitsaspekte beachtet, kann man Kinder in dem Alter schon fast alles machen lassen.

Sie sprechen von Sicherheitsaspekten. Welche denn?

Kirchmaier: Wichtig ist es, Kinder auf die Gefahren hinzuweisen. Zum Beispiel sollte der Pfannenstiel nie über den Herd hinausragen. Man könnte leicht daran hängen bleiben. Der Stiel sollte auch nicht auf eine andere heiße Herdplatte ragen, weil man sich dann beim Angreifen die Finger verbrennt. Spritzt Öl oder Fett auf den Boden, bitte mit Küchenpapier und Spülmittel aufputzen, damit niemand ausrutscht. Mädchen sollten Armbänder, Ketten, große Ohrringe abnehmen, um damit nicht an einem Küchengerät hängenzubleiben.

Was ist bei der Rezeptauswahl wichtig?

Kirchmaier: Das allerwichtigste ist, dass es den Kindern schmeckt, daher ist es am besten man lässt die Jungköche die Speisen bzw. das Rezept, das sie anspricht, aussuchen. Der Gusto ändert sich bei Kindern noch von Tag zu Tag. Was sie heute mögen, wird morgen verschmäht. Wenn man als Erwachsener aussucht, verzweifelt man irgendwann.

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(Schoko-) Pudding

Zutaten:

500 g Milch

40 g Maisstärke

1 Esslöffel Zucker (bei Bedarf)

2 bis 3 Teelöffel Kakaopulver

Zubereitung:

2/3 der Milch mit dem Kakaopulver aufkochen. Die restliche Milch mit der Maisstärke verrühren und unter Rühren in die Milch einkochen, bis es blubbert. Vom Herd nehmen. Erst dann süßen, das spart Zucker, ohne dass der süße Geschmack darunter leidet.

Puddingförmchen mit kaltem Wasser ausspülen und den Pudding einfüllen.

So wird's zur Schuljause:

Fülle ein Schraubverschlussglas mit dem Pudding und gib Früchte und Haferflocken dazu.

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Sie geben den Gerichten in Ihrem Kochbuch „Xund und kinderleicht" teilweise sehr bildhafte Namen wie „Samtpfötchensuppe", "Froschspätzle" oder „Schneemannsoße". Lassen sich Kinder dadurch beeinflussen?

Kirchmaier: Das ist aus den Kinderkochkursen, die ich anbiete, entstanden. Weil ich gemerkt habe, wenn ich den Kindern sage, wir machen jetzt eine Vollkorngrießsuppe oder Spinatspätzle , dann verziehen alle das Gesicht. Bei Froschspätzle denkt keiner daran. Bei Jugendlichen dasselbe. Wenn man bei Vollkornnudeln, den ersten Teil nicht anspricht. Dann essen sie alle. Man sollte auch überhaupt nicht ansprechen, ob etwas gesund oder ungesund ist. „Gesund" ist für die Kinder negativ behaftet.

Wie soll kann man reagieren, wenn das Kind trotzdem das Essen verweigert?

Kirchmaier: Wer selber kocht, isst auch. Es ist sehr selten, dass Kinder etwas verweigern, das sie selbst ausgesucht und zubereitet haben. Wichtig ist, dass sie vorher nicht Schokolade gegessen haben und somit keinen Appetit mehr haben. Mit Schokolade und vielen fertigen Lebensmitteln wie Suppenwürfel, lähmt man sich das Geschmackszentrum für eine Zeit. Und dann schmeckt das Essen danach eigenartig.

Wenn ein Abendessen mal unangetastet bleibt, ist das überhaupt kein Problem, wenn das Kind mal gar nichts ist. Im Gegenteil, es ist sogar positiv, weil der Körper in der Nacht regeneriert. Wir sollten in der Nacht eine Hungerphase von zehn Stunden haben. Das wäre ideal. Wichtig ist, dass die Kinder in der Früh essen. Weil da der Körper seine ganzen Mechanismen hochfährt.

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Kartoffelpuffer

Zutaten:

2 mittelgroße Bio-Kartoffeln (ca. 200 g)

1/4 bis 1/2 Zwiebel

1 Messerspitze Muskat

1 gehäufter Esslöffel Kartoffelstärke

Öl zum Braten

Zubereitung:

Eine Pfanne bodenbedeckt mit Öl füllen. Kartoffeln und Zwiebeln grob raspeln. Mit den Gewürzen (außer Salz) und der Kartoffelstärke vermischen. Das Öl erhitzen. Aus der Masse Häufchen herausstechen, den Saft ausdrücke, Laibchen formen und in das heiße Öl geben. Die Laibchen sollten gleichmäßig rund und gleichmäßig dünn sein, damit sie rundherum zeitgleich durchgaren. Die Kartoffelpuffer nach dem Garen auf Küchenpapier setzen, mit einer zweiten Lage Küchenpapier abdecken und das Fett kräftig herausdrücken.

Schneemannsoße

Zutaten:

3 Esslöffel Naturjoghurt

2 Esslöffel Sauerrahm

Kräutersalz

evtl. frische Kräuter, Knoblauch oder kleingehackte Zwiebel

Zubereitung:

Alle Zutaten in eine Schüssel geben und verrühren.

Was tun bei Gemüseverweigerern?

Kirchmaier: Es gibt eine Untersuchung, die ist zwar schon einige Jahre alt, hat aber nichts an seiner Gültigkeit verloren. Auf einen Teller wurden Erdbeeren auf eine zweiten Schokolade gelegt. Dann hat man eine Gruppe von Kinden geholt. Es standen viel weniger Erdbeeren zur Verfügung als Schokolade. Die Kinder durften zwei Mal zugreifen. Man wollte wissen, wofür sich die Kinder entscheiden. Die meisten Kinder haben die Erdbeeren genommen, weil sie wussten, wenn sie jetzt nicht zugreifen, bekommen sie keine mehr. Und das klappt auch mit Gemüse. Wenn man was verknappt, dann ist es interessant. Ein Trick wäre auch, wenn man beispielsweise Karotten hinstellt und den Kindern sagt: „Wehe, ihr nascht davon!". Kaum hat man sich dann umgedreht, schnappen sich die Kinder die Karotten.

Die Kinder brauchen sehr lange bis sie den Geschmack von Gemüse richtig schmecken können. Es sind ein paar hundert Aromastoffe, die da aufeinander prallen. Das funktioniert bei vielen Kindern einfach nicht so schnell. Man muss ihnen einfach Zeit geben.

Ein großes Kapitel in Ihrem Rezeptbuch für Groß und Klein gilt Süßem. Das sehen bestimmt nicht alle Eltern gern...

Kirchmaier: Es gibt keinen einzigen gesunden Zucker. Jeder der uns irgendeinen Zucker als gesund anpreisen möchte, der veräppelt uns in Wahrheit. Zucker ist immer eine Kombination aus Glukose und Fructose – egal welches Süßungsmittel wir verwenden. Es gibt immer eine andere Beimengung. Also Honig hat zum Beispiel noch ein paar Pollen dabei und andere natürliche Zusätze. Honig darf man aber nicht über 40 Grad erhitzen, daher wird er ja auch kalt geschleudert. Zum Kochen ist er deshalb ungeeignet. Kokosblütenzucker hat auch Glukose und Fructose als Basis. Weitere Inhaltsstoffe machen den speziellen Geschmack aus.

Rohrzucker entspricht dem in Europa angebauten Rübenzucker muss aber von weit her importiert werden. Sprich: Es gibt keine Alternative zum herkömmlichen Rübenzucker. Einen gesundheitlichen Vorteil bringt lediglich der sparsame Einsatz. Hierfür ein Tipp: Zucker verliert beim Kochen an Süße. Man spart sich also eine Menge Zucker, wenn man Speisen erst zum Schluss – am Besten nach dem Abkühlen – süßt.

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Armbänder zum Anbeißen

Zutaten:

Obst, das sich Aufspießen lässt (Weintrauben, Beeren, Mandarinenspalten, Zwetschgen etc)

Faden

Nadel

Zubereitung:

Fädle das Obst mit Nadel und Faden auf und binde die beiden Enden zusammen. Schon hast du ein essbares Armband.

Was empfehlen Sie Eltern, die wenig Zeit haben oder nur ungern den Kochlöffel schwingen?

Kirchmaier: Die Kinder selbst kochen und experimentieren zu lassen. Die Kinder haben ihren Spaß und sind beschäftigt. Ich habe selber zwei Kinder. Meine Kleine ist neun. Fast jeden Tag probiert sie selber was aus. Den Großteil aus dem Kochbuch kann sie eigentlich selber machen. Wenn es Fragen gibt, helfe ich natürlich. Ich arbeite – wie viele derzeit – im Homeoffice. Und es ist sogar so, dass wir uns als Eltern dadurch ein bisschen Freiraum schaffen können. Weil die Tochter eben mal das Abendessen zubereitet. Und deshalb ist es eigentlich ein Zeitgewinn.

Das Gespräch führte Vanessa Grill


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