Stärkster Wirtschaftseinbruch seit 1945 erschüttert Arbeitsmarkt

Die Zahl der Arbeitslosen und Schulungsteilnehmer stieg im Vorjahresvergleich um 58,2 Prozent. Als Knackpunkt gilt der Tourismus.

© TT/Böhm

Wien – Die Coronakrise erschüttert den heimischen Arbeitsmarkt und hat die Arbeitslosenzahlen im April auf einen Rekordstand seit dem Zweiten Weltkrieg steigen lassen. „Wir erwarten für 2020 den stärksten Wirtschaftseinbruch seit 1945. Es ist nicht verwunderlich, dass der Arbeitsmarkt derart einbricht", sagte der Arbeitsmarktökonom des Instituts für Höhere Studien, Helmut Hofer, zur APA.

In Tirol hat sich im Vorjahresvergleich die Arbeitslosigkeit verdoppelt, die Zahl der Arbeitslosen beträgt somit aktuell 44.928. Davon sind 21.343 Männer und 23.585 Frauen betroffen. Im Vorjahr waren in Tirol im April 24.431 Personen arbeitslos, davon waren 12.339 Frauen und 12.092 Männer.

Der größte Anstieg bei den Arbeitslosenzahlen ist im Bezirk Imst mit insgesamt 4549 Personen zu verzeichnen, hier hat sich der Anteil im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht.

Dies lässt sich unter anderem durch den Tourismussektor erklären, der durch die Corona-Krise stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Landeshauptmann Günther Platter

Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen für April würden einmal mehr zeigen, dass es jetzt darum gehe, die Tiroler, die aufgrund der Corona-Krise arbeitslos sind, so gut wie möglich zu unterstützen, betont Platter.

Arbeitslosigkeit extrem gestiegen: 571.477 ohne Job

Die Arbeitslosigkeit ist im April aufgrund der Coronakrise weiterhin extrem stark angestiegen und hat einen neuen historischen Höchststand erreicht. Die Zahl der Arbeitslosen und Schulungsteilnehmer stieg im Vorjahresvergleich um 58,2 Prozent auf 571.477 Personen. Damit waren Ende April um 210.275 Personen mehr ohne Job als im April des Vorjahres.

Auch gegenüber Ende März mit 562.522 von Arbeitslosigkeit Betroffenen gab es noch einen Anstieg. Die Arbeitslosenquote stieg um 5,5 Prozentpunkte auf 12,8 Prozent. Die Arbeitslosigkeit stieg in allen Altersgruppen, in allen Branchen und in allen Bundesländern sehr stark. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen sank um ein Drittel.

Die Covid-19-Krise habe seit Mitte März zu einem „extremen Anstieg der Arbeitslosigkeit" geführt, teilte das Arbeitsmarktservice (AMS) am Montag mit. Der Anstieg habe sich im April zwar verlangsamt, dennoch liege die Zahl der beim AMS vorgemerkten Personen weit über dem Niveau des Vorjahres.

© APA

📽 Video | Rekordarbeitslosigkeit in Österreich:

Tourismus als Knackpunkt

Die schrittweise Aufhebung der behördlich verfügten Betriebsschließungen und wieder vermehrte Stellenbesetzungen sollten die Arbeitslosenzahlen in den nächsten Monaten aber sinken lassen. „Das Problem sehe ich im Tourismus. Ich glaube nicht, dass sich da etwas großartig tut in den nächsten Monaten", sagte IHS-Ökonom Hofer. Die seit Mitte März geschlossenen Hotels und andere Unterkünfte dürfen ab 29. Mai mit Sicherheits- und Hygieneauflagen wieder öffnen. Unklar ist noch, ob Touristen aus dem Ausland – etwa aus Deutschland – im Sommer nach Österreich reisen dürfen. Derzeit sind die Grenzen geschlossen.

Auch für Wifo-Arbeitsmarktökonomen Helmut Mahringer wird sich die heimische Tourismuswirtschaft nur langsam erholen. Es gebe „eine große Unsicherheit über die weitere Entwicklung im Tourismus sowie bei Kultur- und Sportveranstaltungen", sagte Mahringer zur APA. „Es wird keine normale Auslastung im Sommer geben." Der Inlandstourismus könne „nur einen kleinen Beitrag leisten".

Die Tourismusbranche ist für Österreich von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Der Tourismus trägt rund 8 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Zusammen mit der Freizeitwirtschaft ergibt sich ein 15 Prozent Anteil am BIP. Zuletzt gab es im Jahresschnitt 220.000 unselbstständig Beschäftigte im Beherbergungs-und Gaststättenwesen. Die Coronakrise mit den verordneten Schließungen hat die Branche hart getroffen. Per Ende April waren im Bereich Beherbergung und Gastronomie rund 119.000 Personen ohne Job, ein Plus von 130 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

© APA

Die weitere Entwicklung am Arbeitsmarkt hängt stark davon ab, wie sich die Coronavirus-Pandemie entwickelt. „Die Gesundheitskrise ist nicht vorbei", erinnerte IHS-Ökonom Hofer. Auch die Abstandsregeln würden zu einer geringeren Auslastung und dadurch weniger Personalbedarf führen. Weil viele Betriebe geschlossen oder im Home-Office-Modus waren, wurden in den vergangenen eineinhalb Monaten nur wenig Jobs vergeben. Mit der Öffnung – etwa in der Gastronomie, Beherbergung, Bau, Arbeitskräfteüberlassung und dem Verkehrswesen – sollte es mehr offene Stellen und weniger Arbeitslose geben, erwartet Wifo-Ökonom Mahringer.

Beide Ökonomen zogen ein positives Zwischenfazit zur Corona-Kurzarbeit. „Für manche Unternehmen werden die sechs Monate Kurzarbeit vielleicht sogar nicht reichen", so Mahringer. Für Hofer funktioniert Kurzarbeit gut, wenn es um kurzfristige Probleme, nicht Strukturprobleme, gehe. Der IHS-Ökonom verwies darauf, dass es sich bei den Kurzarbeitszahlen um Anträge handle. "Es ist nicht per se fix, dass sie so stark ausgeschöpft wird." (APA)


Kommentieren


Schlagworte