Zurückgetreten, abgesagt und abgespeckt: Vieles neu in der Kultur

Nach dem Rücktritt von Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek haben Vizekanzler Werner Kogler und Gesundheitsminister Rudolf Anschober die stufenweise Öffnung für den Kultur- und Kunstbereich vorgestellt. Doch viele Fragen sind noch offen. Die Bregenzer Festspiele sind abgesagt, die Salzburger Festspiele können nur in reduzierter Form stattfinden.

Das "Rigoletto"-Bühnenbild auf der Seebühne in Bregenz. Die Bregenzer Festspiele haben die Saison 2020 offiziell abgesagt.
© ANGELIKA GRABHER-HOLLENSTEIN

Wien, Salzburg, Bregenz - Der Freitag hat nach längerem Stillstand viel Neues im österreichischen Kulturleben gebracht. Nach dem Rücktritt von Staatssekretärin Ulrike Lunacek gaben Kulturminister Werner Kogler und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) einen Stufenplan zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs bekannt. Die Bregenzer Festspiele sagten darauf ihre Ausgabe 2020 ab, die Salzburger planen ein Rumpfprogramm.

Lunacek hat nach der immer heftiger werdenden Kritik an ihrer Person und ihrem Umgang mit der Kulturszene in der Krise die Reißleine gezogen: Nach 129 Tagen hat die Grün-Politikerin ihr Amt als Kunst- und Kulturstaatssekretärin zurückgelegt.

📽 Video | Nach heftiger Kritik: Lunacek tritt zurück

Trotz ihrer Bemühungen seien die Unzufriedenheit und Enttäuschung im Kulturbereich "nicht geringer" geworden und habe sie "keine positive Wirkung mehr erzielen" können. "Ich mache Platz für jemanden anderen", verlautbarte Lunacek daher Freitagvormittag. Kogler dankte seiner Parteikollegin bei einer später folgenden Pressekonferenz. Nach Beratungen im Bundesvorstand der Grünen am Wochenende wolle er Anfang nächster Woche eine Nachfolgerin vorstellen.

📽 Video | Kultur-Fahrplan für schrittweise Öffnung

Sehnlichst erwartet wurden unterdessen andere Informationen: Gemeinsam mit Anschober skizzierte Kogler am Freitag, unter welchen Bedingungen bestimmte Kulturveranstaltungen ab 29. Mai wieder möglich sein werden. Die guten Coronazahlen in Österreich - aktuell befinden sich etwa nur noch 212 Menschen mit Covid-19-Erkrankungen im Spital und 47 auf Intensivstationen - hätten dazu geführt, dass man früher als gedacht Lockerungen vornehmen könne. Gesundheitsminister und Vizekanzler mahnten aber unisono ein, dass alle Vorhaben unter der Voraussetzung der weiteren positiven Entwicklung stünden.

Der konkreten Stufenplan, den man kommende Woche noch mit Kulturschaffenden sowie den Bundesländern abstimmen und mit 25. Mai in eine Verordnung gießen will, sieht folgendes vor: Ab 29. Mai werden Indoor- wie Outdoor-Veranstaltungen mit bis zu 100 Besuchern möglich, ab 1. Juli bis zu 250 Besucher. Zum gleichen Zeitpunkt sollen auch die Kinos geöffnet werden.

Mit 1. August sind dann Veranstaltungen bis 500 Besucher respektive bis 1000 Besucher bei Vorliegen eines entsprechenden Sicherheitskonzepts der Veranstalter durchführbar. Sämtliche Lockerungen betreffen aber nur Events mit Sitzplätzen, wobei stets ein Meter Abstand zum Sitznachbar einzuhalten ist. "Jede Veranstaltung wird eine Art Corona-Beauftragten haben", sagte Anschober und nannte die Steuerung der Besucherströme ein wichtiges Thema. "Es wird die Erstellung einer individuellen Risikoanalyse geben."

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Bregenzer Festspiele abgesagt, Salzburger Festspiele abgespeckt

"Es wird sich jeder Festspielbetreiber ebenso wie jeder Veranstaltungsbetreiber überlegen müssen, wie er da rein passt", so der Minister. Nachsatz: "Es ist einiges möglich." Das sah man in Vorarlberg offenbar anders: Die Bregenzer Festspiele sagten am Nachmittag erstmals seit 1946 eine Festival-Ausgabe komplett ab. Der kaufmännische Direktor Michael Diem erklärte, dass die Bregenzer Festspiele mit nur 1.000 Gästen auf der Seebühne "wirtschaftlich nicht machbar sind". Intendantin Elisabeth Sobotka kündigte an, dass die Bregenzer Festspiele ohne die Aufführungen auf der Seebühne - "das Herz der Festspiele" - nicht denkbar seien. Man werde 2021 wie für heuer geplant sowohl "Rigoletto" auf dem See als auch "Nero" im Festspielhaus zur Aufführung bringen.

📽 Video | Festspiele Bregenz abgesagt

Bei den Salzburger Festspielen hieß es dagegen: "Modifizierte Festspiele scheinen möglich." Man werde am 25. Mai dem Kuratorium "eine Alternative für dieses extrem fordernde Jahr vorlegen". Während sich das Direktorium noch nicht näher in die Karten blicken ließ, wurde Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) bei der Landeshauptleutekonferenz in Linz deutlicher: Die Festspiele sollen im August in einer deutlich abgespeckten Form stattfinden, zu der jedenfalls "Jedermann"-Aufführungen gehören werden. Das heuer geplante große Programm zum 100-Jahr-Jubiläum wird auf 2021 verschoben.

Viele Fragen weiterhin offen

Proben werden ab 29. Mai wieder möglich, was zumindest eine rasche Wiederaufnahme des Veranstaltungsbetriebs in vielen Bereichen fraglich erscheinen lässt. Der designierte Staatsoperndirektor Bodgan Roscic, Burgtheaterdirektor Martin Kusej und Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger hoffen jedoch auf die heute bekundete Dialogbereitschaft der Regierung, wenngleich viele Fragen weiterhin offen blieben.

Über die schrittweise Öffnung ab 29. Mai zeigten sich indes die Direktoren kleinerer Theater überrascht. "Aufgrund der etwas widersprüchlichen Kommunikationspolitik der Regierung hatten wir angenommen, dass wir bis zum 31. August geschlossen haben", meinte etwa TAG-Leiter Gernot Plass stellvertretend für viele Kollegen.

📽 Video | Vizekanzler Kogler zum Neustart in der Kultur

Den Neustart des Kulturlebens hierzulande bezeichnete Anschober als in Europa in dieser Form "einmalig". Während einzelne Museen mit dem heutigen Tag bereits wieder zugänglich sind - so haben in der Bundeshauptstadt etwa das Untere Belvedere, das Schloss Schönbrunn oder das Volkskundemuseum ihre Tore geöffnet -, muss sich die Konzertbranche wohl auf eine längere Durststrecke einstellen.

Großkonzerte "länger nicht möglich"

Veranstaltungen mit Stehpublikum seien "länger nicht möglich", betonte der Gesundheitsminister, der etwa auf Großkonzerte mit tausenden, dicht beieinanderstehenden Besuchern verwies. "Da wird es schwierig, konsequent den Ein-Meter-Abstand einzuhalten." Selbes gelte für die Nachtgastronomie, also beispielsweise Discos.

Eine weitere finanzielle Unterstützung stellte Kogler allerdings der freien Szene in Aussicht. Konkret nannte er Künstler und Kulturschaffende, die "in prekären Arbeitsverhältnissen" stehen. Viele davon würden durch den Raster fallen und nicht für derzeit mögliche Förderungen ansuchen können. "Wir trachten danach, eine eigene Unterstützung aufzulegen. Der Künstlersozialversicherungsfonds ist zu wenig. Aber auch dazu gibt es verschiedene Vorstellungen, und wir machen uns gerade an die Konzepte", so der Vizekanzler.

📽 Video | Talk mit Viktor Gernot


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