Vor 20 Jahren lud der FC Tirol zur Meisterparty: „Spieler waren Helden“

Am 27. Mai 2000 fixierte der FC Tirol mit einem 2:1 über die Austria den ersten Meistertitel nach zehn Jahren. Der Meistertrainer und die Torschützen erzählen von einem Tag, der in die Tiroler Fußball-Annalen einging.

Trainer Kurt Jara und Roland Kirchler feierten den langersehnten Meistertitel.
© gepa

Von Tobias Waidhofer

Innsbruck – Weil der Flugverkehr coronabedingt stillstand, setzte sich Kurt Jara kurzentschlossen selbst ins Auto und brachte die knapp 1780 Kilometer, die zwischen seinem spanischen Lebensmittelpunkt in der Nähe von Valencia und der Tiroler Heimat liegen, hinter sich. Auch mit 69 Jahren sprüht der Ex-Nationalspieler also vor Energie, das zeigt sich auch beim Blick zurück auf einen Tag, wie ihn der Tiroler Fußball seither nicht mehr erleben durfte:

Am 27. Mai 2000, also vor genau 20 Jahren, fixierte der FC Tirol mit einem 2:1 über die Wiener Austria den ersten Meistertitel nach einer zehn Jahre währenden Durststrecke. Nicht nur im legendäre­n alten Tivoli brachen vor 16.000 Fans alle Dämme, die Maria-Theresien-Straße war wohl nie mehr so vollgestopft mit Euphorie wie an jenem lauen Frühsommerabend.

Jara: „Diesen Moment werde ich nie vergessen"

„Die Triumphpforte war für mich als Innsbrucker immer sehr erhebend. Den Moment, als wir dort mit offenen Wägen durchgefahren sind und ich dann gesehen habe, was in der Maria-Theresien-Straße los war, werde ich nie vergessen. Diesen ersten Eindruck kann man gar nicht beschreiben“, erinnert sich der damals 49-jährige Trainer.

Bilder von der Meisterparty

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Goalie Stani Tschertschessow feierte mit Stefan Marasek.

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Knapp 20.000 Menschen feierten in der Innenstadt.

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Zuvor hatte aber noch die Austria besiegt werden müssen. Die kam damals mit dem Tschechen Patrik Jezek, der die Hinrunde noch im Tivoli gegeigt hatte und in der Folge gegen seinen Willen und auch aufgrund finanzieller Abhängigkeiten gegenüber Austria-Mäzen Frank Stronach nach Wien verkauft wurde. „Patrik war mein Lieblingsspieler. Und das hat jeder gewusst.“ Lange habe sich keiner getraut, ihm dessen Abschied überhaupt mitzuteilen. „Ich hab’ dann nur gesagt: Verkauft’s ihn, der kommt eh nach einem halben Jahr zurück, weil der funktioniert nur in Innsbruck.“ Nicht die einzige goldrichtige Einschätzung Jaras ...

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Vor dem Match fühlte auch der Trainer „eine riesengroße Anspannung“. Denn man habe gewusst, dass Sturm (spielte gleichzeitig gegen Ried) „uns im Nacken sitzt“. Aber: „Die Mannschaft war gefestigt. Das hat man gespürt.“

Zahlen, Daten, Fakten zum entscheidenden Spiel

FC Tirol – Austria Wien 2:1 (1:1)

Tore: Kirchler (2.), Baur (53.) bzw. Mayrleb (28./Elfmeter).

Aufstellung FC Tirol: Tschertschessow; Kogler, Knavs, Baur, Prudlo; Wazinger, Anfang (88., Alfred Hörtnagl) Marasek; Kirchler, Scharrer (53., Mair); Gilewicz (90. Barisic).

Kader FC Tirol, Saison 1999/2000:

  • Tor: Tschertschessow, Weber, Bergmann.
  • Abwehr: Barisic, Baur, Köck, Hafner, Knavs, Kogler, Prudlo, Wazinger.
  • Mittelfeld: Anfang, Berloffa, Erkinger, Grumser, Alex und Alfred Hörtnagl, Kirchler, Marasek, Scharrer, Sturm.
  • Angriff: Gilewicz, Glieder, Pawlowski, Mair, Jezek (nur Hinrunde).
  • Trainerteam: Jara, Binder, Linzmair, Djulic, Leitenstorfer.

Dabei hatte das fast idente Team eineinhalb Jahre zuvor noch gegen den Abstieg gekämpft. „Der Erfolg ist von innen gewachsen“, erinnert sich der heutige Wacker-Manager Ali Hörtnagl. Eine wichtige Rolle nahmen auch die Transfers von Walter Kogler und Radoslav Gilewicz ein – und natürlich Trainer Jara. „Er war das entscheidende Puzzle-Stück“, ist Roland Kirchler überzeugt. „Es war eine Mannschaft voller Persönlichkeiten, da war das Wichtigste, alle unter einen Hut zu bringen“, erinnert sich der Coach. Das schien ihm gelungen. „Wir waren nicht 25 Freunde, es gab auch Grüppchen, aber wenn es darauf ankam, hielten wir zusammen“, erzählt Michael Baur. Man habe die Macken des jeweils anderen akzeptiert.

Und Jaras Bände zu seinen „Burschen“ sind nie gerissen: „Wenn ich den Zoki (Barisic, Anm.) anrufe, begrüßt er mich mit: ‚Hallo Trainer‘. Ich war auch einmal bei meinen Polen (Brezczek und Gilewic­z, Anm.) und dann sagten sie zu mir: ‚Trainer, es war so gut mit Ihnen.‘ Das ist das größte Kompliment.“

🎞 YouTube-Rückblick: Der Titelthriller 1999/2000

Eines, das Jara zurückgibt: „Für mich waren alle meine Spieler Helden.“ In diesem Zusammenhang erinnert er sich auch an den aktuellen Wacker-Trainer Thomas Grumser: „Hätte er nicht gegen Lustenau getroffen (1:0, Anm.), wären wir nie Meister geworden.“ Nie mehr – auch nicht beim HSV oder RB Salzburg – hätte er so eine Mannschaft trainiert: „Das war in jedem Bereich die beste.“ Auch Nachfolger Jogi Löw meinte einmal: „Kurt, du hast mir eine perfekte Mannschaft übergeben.“ Einer der größten Tage des Tiroler Fußballs wird für immer die Handschrift von Kurt Jara tragen.

Kirchler: „Die zweite Halbzeit spielte ich wie in Trance“

Am 27. Mai 2000 glich schon der Weg zum Tivoli einem Erlebnis: „Wir waren im Leipziger Hof kaserniert und gingen zu Fuß zum Stadion. Die Leute haben uns erkannt und lautstark begleitet“, erzählt Roland Kirchler. Am Spielfeld legte er nach drei Minuten per Kopf das 1:0 vor. Doch es folgte noch vor der Pause der Ausgleich durch einen Mayrleb-Elfmeter. „In der Kabine waren alle kreidebleich, schließlich führte Sturm, und wir waren zu diesem Zeitpunkt nicht Meister.“

Dann habe Trainer Jar­a das Wort ergriffen und so die Stimmung gedreht. „Zum Glück hab’ ich dann dem Michl einen Freistoß auf den Kopf geschossen. Die zweite Halbzeit spielte ich wie in Trance. Von den letzten 20 Minuten weiß ich gar nichts mehr.“ Die Nacht danach werde er freilich nie vergessen: „Es war südländisch.“ Aber wer war das größte Feierbiest? „Ich glaub’, der Wazi (Robert Wazinger, Anm.). Denn der ist noch am nächsten Tag mit der Musikkapelle durch die Stadt marschiert.“

Baur: „Jeder hat bei uns gewusst, was zu tun ist“

Mit einem Tor und einer Vorlage zeichnete auch Michael Baur hauptverantwortlich für den entscheidenden Sieg. Ein Schlüsselerlebnis am Weg zum Titel erkennt der Kapitän aber in einer Niederlage. Am viertletzten Spieltag war Sturm Graz nach einem 4:1 über die Tiroler bis auf einen Punkt an den Tabellenführer herangerückt. „Wir haben uns danach gegenseitig angeschaut und ich sagte: Burschen, wer soll uns schlagen? Uns holt keiner mehr. Daran haben wir alle geglaubt und so war es dann auch. Weil bei uns jeder gewusst hat, was zu tun ist.“

Es war für Baur der zweite Titel nach 1989/90. „Schon als kleiner Bub war ich im Tivoli-Schwimmbad und wenn Fußball war, bin ich rüber ins Stadion. Es war mein Traum, noch einmal im alten Stadion Meister zu werden. Vor allem die Party in der Innenstadt sei „famos“ gewesen. „Wir haben von den Fans gelebt. Das Tivoli war voll. Die Leute sind aus allen Tälern und aus Südtirol gekommen. Das hat man gespürt. Es war eine Symbiose.“


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