WKÖ-Präsident Mahrer: "Stimmung in Wirtschaft besser als gedacht"

Der Wirtschaftskammerpräsident wertet die Öffnung der Hotellerie als "entscheidendes Signal". In puncto Sperrstunde für Gastronomiebetriebe erwartet Mahrer, "dass da im Juni noch etwas passiert".

WKÖ-Präsident Harald Mahrer.
© APA

Wien – WKÖ-Präsident Harald Mahrer hat am Tag vor der Wiederöffnung der Beherbergungsbetriebe eine positive Zwischenbilanz seit der Rückkehr des Einzelhandels und der Gastronomie in der Coronakrise gezogen. "Die Stimmung ist besser und wird auch besser als wir uns gedacht haben", erklärte Mahrer am Donnerstag in einer Online-Pressekonferenz.

Man habe dazu auch Zahlen von IMAS-Umfragen verglichen. Den atmosphärischen Aufwärtstrend sieht man an der Frage, wie viel Prozent der Betriebe die kommenden Monate bzw. das kommende Wirtschaftsjahr zuversichtlich, mit Sorge oder indifferent sehen würden. Anfang November 2019 seien 67 Prozent zuversichtlich und 10 Prozent voller Sorge gewesen (Rest jeweils indifferent), Ende April nach Ostern und vier Wochen nach dem Shutdown waren nur noch 36 Prozent zuversichtlich und 34 Prozent voller Sorge. Mit Ende der vergangenen Woche sind bereits wieder 47 Prozent zuversichtlich und nur noch 27 Prozent voller Sorge. "Das zeigt, dass die Stimmung mit jeder Woche besser wird", berichtete Mahrer.

Sperrstunde: "Erwarte, dass da im Juni noch etwas passiert"

Die Öffnung der Gastronomie (rund 30.000 Mitgliedsbetriebe, rund 100.000 Beschäftigte) mit 15. Mai habe auch als Turbo für den Einzelhandel (77.000 bzw. ca. 500.000) gedient. "Es sind deutlich mehr Umsätze nach dem 15. gemacht worden", so Mahrer. Nach der Wiederöffnung liegen die Besucherzahlen 32 Prozent unter jenen des Vergleichszeitraumes im Vorjahr. "Vor der Gastro-Öffnung waren es noch zwei Drittel, also man sieht, die Gastro-Öffnung hat viel gebracht."

Es sei mehr Laufkundschaft entstanden, auch würden viele Firmen schrittweise ihre Mitarbeiter aus dem Home-Office zurückholen. Bei Kaffeehäusern und in Landgasthäusern seien die Geschäfte überraschend gut angelaufen. Selbst Bars würden trotz der frühen Sperrstunde gut laufen. Entwickeln sich die Coronafall-Zahlen weiter so gut, glaubt Mahrer an weitere Lockerungen auch bei der Sperrstunde. "Ich erwarte, dass da im Juni noch etwas passiert." Ausnahmen in Sachen positiver Rückmeldungen sind die Wiener Innenstadt oder andere große, vom internationalen Tourismus besonders abhängige Großstädte.

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Restart im Tourismus "entscheidendes Signal"

Die Öffnung der Beherbergungsbetriebe am Freitag sind für Mahrer "ein wichtiger Meilenstein im Rahmen des Comebacks". Nicht nur für die Hotellerie, auch für die Gastronomie sei es ein großer Schritt, dass ab dem Wochenende auch wieder Hochzeiten, Familienfeiern und Firmenveranstaltungen bis zu 100 Leuten wieder möglich sind. "Das ist für Beherbergungsbetriebe und vor allem für die Gastronomie wieder ein wichtiger Zusatzumsatz und auch für Caterer ganz besonders wichtig."

Der Restart im Tourismus ist für Mahrer jedenfalls "ein entscheidendes Signal für die Stimmung im Land": "Wir sind da relativ früh dran in Europa, vermutlich auch Vorreiter, auch mit der Idee, den Versuch zu unternehmen, in allen Tourismusregionen alle Mitarbeiter regelmäßig jede Woche zu testen." Dies sei ein "ordentliches logistisches Projekt".

Es gelte aber auch den hohen Standard in Österreich zu halten. Man sei 2019 beim World Economic Forum in Sachen Wettbewerbsfähigkeit im Tourismus in der Subkategorie "Gesundheit und Hygiene" weltweit Nummer eins gewesen. Da solle Österreich weiterhin die Nase vorne haben. "Österreich bekommt eine neue internationale Visitenkarte. Auf dieser wird 'Gastfreundschaft und Sicherheit' oben stehen", erklärte der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich.

Bisher wenig Stornierungen für Sommer

Ein großes Ziel sei es, auch den Messe- und Kongress-Tourismus bald wieder hochzufahren, gerade Wien habe als Kongress-Stadt einen sehr hohen Stellenwert. Und natürlich sollen auch die Österreicher, wie ohnehin schon seit Wochen beworben, für den Urlaub in Österreich motiviert werden. "Wer in Österreich Geld ausgibt, hilft Österreich, seiner eigenen Familie und sich selbst", sagt Mahrer und bringt ein durchgerechnetes Wertschöpfungs-Szenario als Beispiel.

Entscheidet sich ein Pärchen zu einem Wochenend-Trip in Österreich im Bereich obere Mittelklasse mit Bahn-Anreise und gibt gemeinsam 650 Euro aus, hat man dies hochgerechnet. "Wenn das 50.000 Paare in Österreich zweimal im Jahr machen, ergibt das eine Wertschöpfung von 65 Mio. Euro in Hotellerie, Gastronomie und Handel." Zusätzlich würde dies 786 Arbeitsplätze direkt und indirekt schaffen. Der Tourismus sei eine zentrale Leitbranche, an der sehr viele andere Bereiche dranhängen.

Die Buchungslage für den Sommer sei nach Mahrers Informationen nach wie vor sehr gut. Es gäbe bisher wenig Stornierungen.

Spezialmodelle für Reisebüros, Busunternehmen, Veranstalter geplant

Die Hotellerie (14.000 Mitgliedsbetriebe/Umsatzerlöse im Vorjahr fast 10 Mrd. Euro) gehöre zu den besonders gebeutelten Branchen. An Spezialpaketen und Ergänzungen zum Hilfsfonds und Fixkostenzuschuss wird mit der Bundesregierung aber auch für die Reisebüros (2600/10.000/4,5 Mrd. Euro), Bus-Unternehmen (fast 1300 Unternehmen/über 11.000 Beschäftigte/rund 1 Mrd. Euro Umsatz) und für die Reise- und Event-Veranstalter (knapp 6000 Mitglieds-Betriebe) verhandelt. Bei Letzteren seien 90 Prozent EPU's.

Ähnlich wie beim Ausfallhaftungspaket für die Film- und Fernsehproduktion müsse an Spezial-Lösungen gearbeitet werden.

Nach der Lockerung in Sachen Zuschauerzahlen denken nun Veranstalter an Redimensionierungen ihrer Events. Auch da überlegt man sich, wie Mahrer auf APA-Anfrage bestätigt, Lösungen. "Mit anderen Regeln bei Maximalgrößen werden sich Veranstalter die Frage stellen, mach ich es trotzdem und krieg ich eine Unterstützung für den Teil, der nicht möglich ist?" Man werde sehen, was die Regierung zu den Ideen der Branche zu sagen habe.

Verständnis für Regierung: "100 Bälle in der Luft"

Mahrer spricht von "zeitnah", hat aber auch Verständnis für die Bundesregierung. "Die haben 100 Bälle in der Luft. Wir versuchen einen Ball nach dem anderen zu greifen und auf den Boden zu bringen. Bei manchen ist es einfacher, bei anderen steckt der Teufel im Detail, weil selbst innerhalb der Branche die Betroffenheit sehr unterschiedlich ist." Und dann gelte es auch noch zu prüfen, ob Branchenvorschläge in den Rechtsrahmen passen würden.

Dennoch sei man europaweit bei den Ersten. So ein Paket wie jenes für die Film- und Fernsehwirtschaft "gibt es in ganz Europa noch nicht", so Mahrer. (APA)


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