Fast 1,5 Millionen Menschen in Österreich sind armutsgefährdet

17 von 100 Österreichern waren im Vorjahr von Armut oder Ausgrenzung bedroht – ein leichter Rückgang. Die Corona-Pandemie verschärft die Lage aber wieder.

Mehr als jeder Fünfte der armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Menschen ist unter 18 Jahre alt.
© iStock/Montage

Von Elke Ruß

Wien – Einkommensarmut, große materielle Einschränkungen oder geringe Erwerbseinbindung: Das traf 2019 laut Statistik Austria in Österreich auf 1.472.000 Menschen (16,9 Prozent) zu. Mehr als jeder Fünfte der armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Menschen, nämlich 303.000 Betroffene, ist unter 18 Jahre alt. Diese Kinder und Jugendlichen sind nicht nur vielfach von sozialer Teilhabe ausgeschlossen.

Wie die Daten der EU-Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen (kurz: EU-SILC) zeigen, gibt es vor allem bei der Bildung Übertragungseffekte zwischen den Generationen: Gut jede vierte Person aus einer Familie mit Eltern, die höchstens Pflichtschulbildung haben, hat später selbst nur eine Pflichtschule absolviert – und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit für geringes Einkommen und mangelnde Teilhabechancen. Hat zumindest ein Elternteil einen höheren Abschluss erreicht, beträgt die Pflichtschulquote nur 6 Prozent. Das Risiko, Armut und soziale Ausgrenzung zu erfahren, ist in bildungsfernen Familien um das 1,4-Fache erhöht. Ein Schlüsselfaktor ist die Erwerbsbeteiligung der Eltern: 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Haushalten mit einer langzeitarbeitslosen Person gelten als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.

Gegenüber 2018 (1.512.000 Betroffene bzw. 17,5 Prozent) zeigt sich eine leichte Verbesserung. Seit 2008 sank die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung Betroffenen sogar um 227.000 Personen – doch all das war vor der Pandemie.

Corona verschärft die Lage

„Corona verschärft die Armutssituation in Österreich“, schlug Caritas-Präsident Michael Landau gestern Alarm. Die Gesundheitskrise ist für viele Männer, Frauen und vor allem auch für viele Kinder in Österreich längst zu einer sozialen Krise geworden. Caritas fordert eine rasche Reform der Sozialhilfe Neu und Maßnahmen gegen Kinderarmut.

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Die Armutskonferenz – ein Netzwerk aus Hilfsorganisationen – ortet Herausforderungen bei Kindern, Älteren und Kranken. Wichtig seien Sozialleistungen, sie würden die Armutsgefährdung von 45 auf 13 Prozent reduzieren. Die stärkste Wirkung erzielten Arbeitslosengeld, Notstands- und Mindestsicherung sowie Wohnbeihilfe und Pflegegeld.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) will mit einer „nationalen Strategie zur Armutsvermeidung“ verhindern, dass Menschen durch die sozialen Folgen der Corona-Krise in die Armutsfalle geraten. Einen Schwerpunkt will er auf Kindergesundheit bzw. auf die Reduktion von Kinderarmut legen. Eine Taskforce sei bereits eingerichtet.

86 Millionen Kinder mehr geraten in Not

Infolge der Pandemie könnten weltweit 86 Millionen Kinder bis zum Jahresende in die Armut abrutschen: Das sei ein Anstieg um 15 Prozent, ergab eine gemeinsame Analyse des Kinderhilfswerks Unicef und der Hilfsorganisation Save the Children.

„Die Covid-19-Pandemie hat eine beispiellose wirtschaftliche und soziale Krise ausgelöst, die vielen Familien weltweit ihre Lebensgrundlage raubt“, sagte Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. Die Hilfsorganisationen appellieren an die Regierungen, soziale Sicherungssysteme und Programme rasch und umfassend auszuweiten.

Not mache sich bemerkbar als Mangel an Nahrung und sauberem Wasser durch Einkommensverluste, zugleich könnten dringend nötige soziale Dienste wegen fehlender Steuereinnahmen eingeschränkt werden. (APA, dpa)


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