13 Jahre Suche nach Maddie: Steht der Fall vor der Aufklärung?

Wer hat das kleine britische Mädchen Maddie umgebracht? Deutsche Ermittler glauben, den Täter gefunden zu haben. Doch am Ziel sind sie noch lange nicht.

Am zehnten Jahrestag ihres Verschwindens 2017 gedachten die Menschen in Praia da Luz der kleinen Maddie.
© FRANCISCO LEONG

Von Silvia Kusidlo und Emilio Rappold, dpa

London, Praia da Luz – Es sollte ein Traumurlaub an der Algarve werden und endete in einem Alptraum: Maddie, die vor 13 Jahren spurlos aus einer Ferienanlage in Portugal verschwand, ist deutschen Ermittlern zufolge nicht mehr am Leben. Polizisten aus verschiedenen Ländern versuchten, den mysteriösen Fall um das kleine britische Mädchen jahrelang zu lösen – vergeblich. Nun könnte er vor der Aufklärung stehen: Der Täter soll ein Deutscher sein, der in Kiel hinter Gitter sitzt. Viele Spuren deuten darauf hin. Aber: Es gibt keine Zeugen und keine Leiche.

„Wir werden niemals die Hoffnung aufgeben, Madeleine lebend zu finden, aber was auch immer herauskommen sollte, wir müssen es wissen, weil wir Frieden finden müssen“, teilten die Eltern mit. „Alles, was wir je wollten, ist sie zu finden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.“ Kate und Gerry McCann halten ihrem Sprecher zufolge die jüngsten Ergebnisse für die womöglich „wichtigste Entwicklung in 13 Jahren“.

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Suche nach Hinweisen geht weiter

Der 43-jährige Verdächtige ist mehrfach wegen Sexualstraftaten auch an Kindern vorbestraft. Er lebte im Zeitraum des Verschwindens an der portugiesischen Algarve. Telefonate, Bewegungsmuster, kriminelle Vergangenheit: Einiges deutet darauf hin, dass er der lange gesuchte Täter sein könnte. Die Ermittler suchen nun nach weiteren Hinweisen aus der Bevölkerung. Der britischen Polizei zufolge soll er etwa 1,80 Meter groß sein und zur Tatzeit kurze, blonde Haare gehabt haben.

Staatsanwalt Hans Christian Wolters (l) spricht in der Staatsanwaltschaft zu Medienvertretern über die Ermittlungen im Fall Maddie.
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Wer den Verdächtigen kennt, beschreibt ihn als merkwürdigen Typen. „Er war immer ein bisschen wütend, ist die Straße schnell hoch und runter gefahren und eines Tages, so um 2006, verschwand er ohne ein Wort“, berichtete eine Ex-Nachbarin aus Portugal dem britischen Sender Sky News. Sie half demnach beim Aufräumen der verlassenen Unterkunft. „Es war eklig“, sagte die Frau. Überall hätten kaputte Sachen wie Computer herumgelegen. In einem Müllbeutel seien Perücken und seltsame Kleidungsstücke – vielleicht für Kostümierungen – gewesen.

Maddie verschwand kurz vor ihrem vierten Geburtstag am 3. Mai 2007 aus der Appartementanlage im portugiesischen Praia da Luz. Zeitweise waren die Eltern sogar selbst ins Visier der Ermittler geraten. Medien berichteten damals, die Polizei gehe von einem Unglücksfall aus – die Eltern hätten die Leiche verschwinden lassen.

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Mutter und Vater hatten in einem Restaurant mit Bekannten gegessen, das ganz in der Nähe ihrer Unterkunft lag. Regelmäßig hatten sie nach Maddie und ihren beiden Geschwistern geschaut - bis die Mutter plötzlich entsetzt feststellte: Maddies Bett war leer. Vermutlich konnte der Täter durch die offene Terrassentür eindringen.

Gerry McCann (l.) und seine Frau Kate haben seit 13 Jahren die Suche nach ihrer Tochter nicht aufgegeben.
© FRANCISCO LEONG

In Portugal wurden die Nachrichten aus Deutschland mit Hoffnung auf eine baldige Aufklärung des Falles, aber auch mit viel Skepsis aufgenommen. „Ohne die Leiche der kleinen Maddie und ohne Geständnis wird es wahrscheinlich sehr schwer sein, in einem Prozess die nötigen Beweise zu erbringen“, sagte die erfahrene Anwältin Sofía Matos im portugiesischen Fernsehen. Zum Zeitpunkt des Verschwindens von Maddie hätten sich schließlich „zahlreiche andere Menschen verschiedener Nationalitäten in Nähe des Tatorts aufgehalten“.

Alte Wunden wieder aufgerissen

Ähnlich sieht die Lage der angesehene Justizexperte des portugiesischen Nachrichtensenders TVI24, Henrique Machado. „Motiv und Gelegenheit reichen für eine Anklage nicht aus, es müssen andere Beweise her.“ Nach Informationen von Machado, die auf Quellen der portugiesischen Kriminalpolizei basieren, wird der Verdächtige eher nicht viel verraten. „Dieser Mann wird kaum gestehen, denke ich.“

Die neuen Ermittlungsergebnisse reißen in Portugal alte Wunden wieder auf. Viele erinnern sich daran wie damals in der Region an der Algarve der lebenswichtige Tourismus nach dem Verschwinden des Mädchens vier, fünf Jahre lang praktisch völlig zum Erliegen kam.

Die Portugiesen halten den Behörden vor, dass um ihre eigenen verschwundenen Kinder nicht so viel Aufhebens gemacht wird. Erinnerungen an Rui Pedro werden wach. Der Junge wurde 1988 im Alter von elf Jahren von einem internationalen Kinderhändlerring verschleppt. 15 Jahre später identifizierte die Mutter ihn auf dem Portal eines Kinderpornografieringes. Hilfe aus dem Ausland blieb aber aus. Rui Pedro ist bis heute verschwunden. Es gebe „Opfer erster und Opfer zweiter Klasse“, schrieben Medien in Portugal und Spanien.

Eltern wollen vorerst keine Stellungnahme abgeben

Der Verdächtige im Fall Maddie lebte in Portugal mehrere Jahre von Gelegenheitsjobs, aber er beging auch Diebstähle in Hotelanlagen. An der Algarve soll er eine 72-jährige US-Amerikanerin vergewaltigt haben. Auch Drogendelikte sind bekannt.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ist der Auffassung, dass Maddie, die eigentlich Madeleine heißt, tot ist. Woher weiß sie das eigentlich? Spekuliert wird, dass wesentliche Informationen vielleicht zurückgehalten werden. Britische Behörden gehen von einem Vermisstenfall aus.

Kaum auszudenken, welches Leiden Maddies Eltern in den vergangenen Jahren durchgemacht haben müssen. Öffentliche Stellungnahmen möchten sie vorerst nicht mehr abgeben. „Sie wollen, dass sich nun alles auf die Ermittlungen konzentriert“, sagte ihr Sprecher Clarence Mitchell der Deutschen Presse-Agentur in London.


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