Arabella Kiesbauer: „Rassismus wird mich mein Leben lang begleiten“

1995 erschütterte ein Briefbombenanschlag auf die Redaktion ihrer Talkshow die Moderatorin Arabella Kiesbauer. 25 Jahre später spricht sie über ihre Erinnerungen daran – und erzählt, warum die Situation heute in bestimmter Hinsicht sogar noch schlimmer ist als damals.

Conchita Wurst und Moderatorin Arabella Kiesbauer während des Finales im Rahmen des 60. Eurovision Song Contest in der Stadthalle in Wien.
© APA/Hochmuth

München/Wien – Rassistische Anfeindungen begleiten Arabella Kiesbauer (51) schon ihr Leben lang. Vor allem als ihre tägliche Talkshow 1994 bei ProSieben startete, wurde die Tochter einer Theaterschauspielerin aus Deutschland und eines ghanaischen Ingenieurs zur Zielscheibe für rassistischen Hass. Immer wieder bekam sie Drohbriefe. Am 9. Juni 1995 schickte ein österreichischer Terrorist ihr eine Briefbombe. 25 Jahre danach erinnert Kiesbauer sich im Interview der Deutschen Presse-Agentur an diesen Tag und sagt, warum aus ihrer Sicht heute einiges sogar noch schlimmer ist als damals.

Moderatorin Arabella Kiesbauer.
© APA/Pfarrhofer

Wie haben Sie damals von der Briefbombe erfahren?

Kiesbauer: Ich war zu Hause und bereitete mich auf den Drehtag vor. Eine meiner Chefinnen vom Dienst rief mich an und meinte, ich bräuchte nicht ins Studio zu kommen. Zuerst dachte ich, sie bezöge sich auf meine Erkältung. Als ich meinte, es ginge mir schon besser und ich könne drehen, rückte sie mit der Wahrheit raus.

Ihre Assistentin wurde damals verletzt...

Kiesbauer: Meine Assistentin wurde leicht im Gesicht und an den Händen verletzt; der Schock allerdings war groß. Sie ließ sich damals gleich in eine andere Abteilung bei Pro7 versetzen unter der Voraussetzung, dass sie keine Post mehr öffnen müsse.

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Briefbombe an Arabella Kiesbauer vor 25 Jahren

Vor 25 Jahren verlor Arabella Kiesbauer den unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. Damals, am 9. Juni 1995, ging eine Briefbombe in ihrem Münchner Talkshow-Studio hoch – adressiert an die Moderatorin. Ihre Assistentin wurde leicht verletzt, ProSieben stand unter Schock.

Ein österreichischer Rechtsterrorist wurde 1999 für diese Tat und weitere in Graz zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hatte nicht nur die Bombe an Kiesbauer geschickt, sondern war nach Auffassung des Gerichtes verantwortlich für eine ganze Serie von Rohr- und Briefbomben, die zwischen 1993 und 1996 vier Menschen töteten und 15 verletzten, einige von ihnen schwer. Die Briefbomben waren stets mit dem Hinweis „privat“, „persönlich“ oder „nur vom Empfänger zu öffnen“ versehen. Prominentestes Opfer war der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, dessen linke Hand von einer Briefbombe zerfetzt wurde. Der verurteilte Bombenbauer starb im Jahr 2000.

Die Bombe war der traurige Höhepunkt einer Reihe von Drohbriefen und rassistischen Hassattacken, die den Start von Kiesbauers Kult-Talkshow „Arabella“, die von 1994 bis 2004 bei ProSieben lief, begleitete – und die bis heute nicht abgerissen ist. „Früher bekam ich rassistische Briefe ohne Absender, mittlerweile stehen der komplette Name und die Anschrift darauf“, sagt Kiesbauer.

Vier Jahre nach der Bombe gingen Briefe mit Morddrohungen gegen Kiesbauer und ihren RTL-Kollegen Hans Meiser ein, mit denen die Erpresser die Privatsender dazu zwingen wollten, die Shows abzusetzen. Kiesbauers Management bestätigte der dpa damals, dass die Zahl ihrer Leibwächter von einem auf sechs erhöht wurde. 2004 erhielt sie vor ihrem Auftritt in der Schweizer Sendung „MusicStar“ Morddrohungen und ließ sich ebenfalls von Bodyguards bewachen.

Wie sehr hat Ihnen das damals Angst gemacht?

Kiesbauer: Zuerst war ich wie gelähmt. Bevor sich die Angst zum Trauma ausweiten konnte, produzierten wir unsere Außenproduktion auf Sylt mit mehreren Hundert Zuschauern Open Air. Da merkte ich, dass ich zum Glück immer noch ohne Vorbehalte auf Menschen zugehen konnte. Eine wichtige Erfahrung.

Was haben Sie gegen die Angst getan?

Kiesbauer: Ich wollte aus der Opferrolle ausbrechen und in die Offensive gehen. Deswegen habe ich damals begonnen, an deutschen Schulen über Rassismus und gegen Vorurteile zu sprechen. Ich bin heute noch ehrenamtliche Integrationsbotschafterin in Österreich und wurde für meine Verdienste in Sachen Integration 2013 mit dem Großen Verdienstzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet.

War diese Erfahrung mit der Briefbombe ein Einschnitt für Sie?

Kiesbauer: Es war ein großer Einschnitt für alle im Sender. Von diesem Zeitpunkt an wurde die gesamte Post im Haus durchleuchtet, Security bewachte den Zutritt ins Studio und begleitete mich auf Schritt und Tritt. Das Schlimmste war aber der „Verlust der Unschuld“ - wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich musste mich von einer gewissen Leichtigkeit des Seins und dem unerschütterlichen Glauben an das Gute verabschieden.

Sie sind damals zu Beginn Ihrer Talkshow sehr offensiv rassistisch angefeindet worden. Wie hat sich das im Laufe Ihrer Karriere entwickelt und wie ist es heute?

Kiesbauer ist seit Jahrzehnten ein bekanntes TV-Gesicht. Trotz ihrer enormen Beliebtheit musste sie auch viel Hetze entgegennehmen.
© APA/Pfarrhofer

Kiesbauer: Ich bin realistisch genug zu wissen, dass mich Rassismus mein Leben lang begleiten wird. Der Tod des Afroamerikaners George Floyd zeigt wieder einmal, dass Rassismus und soziale Ungerechtigkeit nach wie vor ein Thema unserer Zeit sind. #blacklivesmatter

Haben Sie jemals bemerkt, dass Anfeindungen Auswirkungen auf Ihre Arbeit haben? Dass Sie möglicherweise eine Schere im Kopf hatten, um mögliche Anlässe für weitere Anfeindungen zu vermeiden?

Kiesbauer: Ich bin ein lebensfroher Mensch und denke, dass ich mit Herz und Hirn viel Positives bewegen kann. Das versuche ich auch an meine Kinder weiterzugeben. Die meisten Begegnungen mit meinen Mitmenschen zeigen mir, dass ich richtig liege.

Nicht nur in Deutschland, in Österreich ebenfalls sind rechte Politiker heute wieder erschreckend erfolgreich, rechte Parolen zeitweise salonfähig geworden. Wie erleben Sie das?

Kiesbauer: Früher bekam ich rassistische Briefe ohne Absender, mittlerweile stehen der komplette Name und die Anschrift darauf. Erschreckend ist, dass die rechte Szene das Gefühl hat, sich nicht mehr „verstecken“ zu müssen.

Zur Person

Arabella Kiesbauer hatte ihren großen Durchbruch mit ihrer täglichen Talkshow auf ProSieben, die sie von 1994 bis 2004 moderierte. Sie war damit eine der großen Pionierinnen des Formats. Aus dem deutschen Fernsehen hat sie sich zurückgezogen, doch in Österreich war sie auch später eine feste Größe - beispielsweise als Chefverkupplerin der Nation in „Bauer sucht Frau“. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.


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