„Label-Piraterie": Bei Ursprungsverein und Tiroler Volksschauspielen fliegen Fetzen

Der Verein Tiroler Volksschauspiele bricht offen mit der neugegründeten GmbH gleichen Namens. Klaus Rohrmoser, Felix Mitterer, Markus Völlenklee, Alfred Konzett, Silvia Wechselberger und Susi Weber orten einen Etikettenschwindel.

2019 wurde das Stück „Verkaufte Heimat" unter der Regie von Klaus Rohrmoser aufgeführt.
© Thomas Boehm / TT

Von Joachim Leitner

Innsbruck – 2002 wurde ein Platz im Innsbrucker Stadtteil St. Nikolaus nach dem vier Jahre davor verstorbenen Volksschauspiele-Mitbegründer Hans Brenner benannt. Keine 50 Meter vom Brenner-Platz entfernt, in einem Gastgarten, der dem „Hansl“ gefallen hätte, haben sich gestern Brenners langjährige Mitstreiter eingefunden: Der Dramatiker Felix Mitterer, die Schauspieler Klaus Rohrmoser und Markus Völlenklee, Regisseurin Susi Weber, die frühere Volksschauspiel-Geschäftsführerin Silvia Wechselberger und Alfred Konzett, Gründungsmitglied des Vereins Tiroler Volksschauspiele. Gekommen sind sie, um über „ihre“ Volksschauspiele zu sprechen. Ein Festival, so der Grundtenor, das es nicht mehr gibt.

Ende 2019 hat die Marktgemeinde Telfs eine GmbH gegründet, die die Tiroler Volksschauspiele künftig veranstalten wird. Die 38 Jahre davor wurden die Volksschauspiele vom gleichnamigen Verein organisiert, als ein „von Künstlern getragener Hort künstlerischer Freiheit“, sagt Markus Völlenklee. Die neuen Volksschauspiele seien hingegen eine „Tochterfirma der Gemeinde“ und deren Leitung letztlich weisungsgebunden. „Die GmbH ist das Ende der künstlerischen Freiheit“, sagt Völlenklee – und unterstreicht: „Der Verein Tiroler Volksschauspiele ist nicht in die GmbH übergegangen, die Volksschauspiele, das sind wir.“ Auch wenn sich die Gemeinde Telfs die Marke „Tiroler Volksschauspiele“ schon 2018 gesichert hat. Umbenennen will sich der nun „heimatlose“ Verein freilich nicht. „Sollte es einen Angriff auf den Namen geben, sind rechtliche Schritte möglich“, sagt Alfred Konzett. Vereinsobmann Völlenklee ortet einen „Markenklau“ und stellt klar: „Die Gemeinde Telfs kann ein Festival gründen. Aber so zu tun, als stünde das in einem Zusammenhang mit dem, was in den letzten 38 Jahren bei den Spielen passiert ist, ist ein Etikettenschwindel.“

Marke im Besitz der Stadt Hall

Heimatlos waren die Volksschauspiele schon einmal: Nach den ersten Spielen 1981 in Hall sorgte die Ankündigung, Felix Mitterers vermeintliches Skandalstück „Stigma“ zur Uraufführung zu bringen, für den Rauswurf des Festivals. Seither findet es in Telfs statt. Als Marke blieben die Volksschauspiele allerdings bis 1991 im Besitz der Stadt Hall.

Kritik am Vorgehen der Gemeinde äußert auch Felix Mitterer, der noch im Herbst 2019 als Mitglied des Beirates der neuen GmbH vorgestellt wurde. Er habe inzwischen alle Funktionen zurückgelegt. Auch auf das Ehrengrab, das ihm Telfs in Aussicht stellte, will er verzichten. Er habe die Nase voll – und sich in den vergangenen Monaten „wie ein Verräter“ gefühlt.

Für das Übergangsjahr zwischen alter und neuer Struktur war 2020 die Fortsetzung von Mitterers „Verkaufte Heimat“ angesetzt. Regisseur Klaus Rohrmoser und Bühnenbildner Karl-Heinz Steck haben bereits an der Produktion gearbeitet. Vorleistungen, die nach der Corona-bedingten Absage des Festivals nicht abgegolten worden seien, sagt Mitterer, der seinen nunmehrigen Rückzug als „Befreiungsschlag“ empfindet. Auch weil bei der Vorbereitung des Festivals lange „nichts weitergegangen ist“.

Dem pflichtet auch Klaus Rohrmoser bei: „Bis zur Absage sind viele Dinge, die die Produktion gebraucht hätte, nicht passiert. Plötzlich fehlte das Geld für eine mit dem Vorjahr vergleichbare Produktion.“

Bereitschaft für weitere Zusammenarbeit bleibt

Ruth Haas, seit vergangenem Herbst Geschäftsführerin der Volksschauspiel-GmbH widerspricht: Das Festival 2020 sei budgetiert gewesen und hätte wie geplant stattgefunden, sagt sie auf Anfrage der TT.

In einer gestern Abend veröffentlichten Stellungnahme zeigt sich die Marktgemeinde Telfs über die öffentliche Kritik des Vereins verwundert. Sämtliche Schritte in Richtung GmbH „und die damit verbundenen Vorteile“ für die im Verein tätigen Mitglieder seien nicht nur mit dem Land Tirol abgestimmt worden, sondern auch dem Verein gegenüber in mehreren Gesprächen deutlich kommuniziert worden. Die Bereitschaft, auch künftig zusammenzuarbeiten, gebe es trotzdem.

Das bekräftigt auch Geschäftsführerin Ruth Haas: Die Rolle des Vereins sei auch bei den dieser Tage stattfindenden Hearings für die neue Intendanz der Spiele Thema gewesen. „Alle wissen um die Kompetenz und die Verdienste der Vereinsmitglieder.“ Zehn der 30 Bewerberinnen und Bewerber aus dem ganzen deutschen Sprachraum wurden von der Jury um Landestheater-Chef Johannes Reitmeier am Dienstag und Mittwoch zu Hearings eingeladen. Es gebe Kandidaten, die dem Festival seit Jahren verbunden sind, sagt Haas. Ende Juni soll die neue künstlerische Leitung präsentiert werden. Zu deren ersten Herausforderungen sollten auch vertrauensbildende Maßnahmen mit einem heimatlosen Verein gehören. Einen Ort dafür gibt es. Keine fünfzig Meter vom Hans-Brenner-Platz entfernt. Denn eines stellte Regisseurin Susi Weber gestern klar: „Auf Zuruf verschwinden, werden wird nicht.“


Kommentieren


Schlagworte