44. Tage der deutschsprachigen Literatur virtuell eröffnet, Autorin Schutti im Rennen

Das traditionsreiche Wettlesen um den heurigen Ingeborg-Bachmann-Preis findet angesichts der Corona-Pandemie weitgehend im virtuellen Raum statt. Am heutigen Donnerstag liest auch die Tiroler Autorin Carolina Schutti.

Mit der Rede "Dürfen Schwarze Blumen Malen?" eröffnete Sharon Dodua Otoo, Preisträgerin 2016, die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur.
© GERT EGGENBERGER

Klagenfurt – Mit dem Stream einer "Klagenfurter Rede zur Literatur" von Sharon Dodua Otoo, der Bachmann-Preisträgerin von 2016, sind am Mittwochabend die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet worden. Die prestigereiche Veranstaltung, die am Sonntag in die Vergabe des Ingeborg Bachmann-Preises mündet, findet angesichts der Corona-Pandemie weitgehend im virtuellen Raum statt.

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Für Schutti wird es ernst

Carolina Schutti, die einzige Tiroler Teilnehmerin am heurigen Bachmann-Wettbewerb, wird bereits am heutigen Donnerstag um 13.30 Uhr ­lesen. Eröffnet wurde das Wettlesen um 10 Uhr von Jasmin Ramadan. Die Preise werden am Sonntag vergeben.

Autorin Carolina Schutti liest im Rennen um den Ingeborg Bachmann-Preis 2020.
© HERBERT NEUBAUER

Die zahlreichen Grußbotschaften zu Beginn des von Christian Ankowitsch moderierten digitalen Eröffnungsabends wurden ebenso eingespielt, wie es die Lesungen der 14 Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz werden. Auch diese wurden vorab aufgezeichnet und werden nach der am Mittwoch ausgelosten Reihenfolge eingespielt.

Live vor Ort in Klagenfurt agieren die Autorin Julya Rabinowich und der Journalist Heinz Sichrovsky als Kommentatoren. "Die Auswanderung ins Virtuelle ist eine ganz neue Chance", sagte Rabinowich am Mittwoch bei einem Kurzbesuch im ORF-Theater. "Ich bin sehr gespannt, wie es wird, wenn es ausschließlich und nur um die Texte geht." – "Ich glaube das Live-Erlebnis ist unersetzbar", meinte Sichrovsky. Der Autor sei allerdings diesmal "ein bisschen geschützter. Der Weg zur Schlachtbank fällt weg."

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Jury diskutiert per Liveschaltung über Texte

Die noch unveröffentlichten Prosatexte werden von einer siebenköpfigen Jury unter Vorsitz des deutschen Schriftstellers und Literaturkritikers Hubert Winkels beurteilt, die darüber per Liveschaltung aus Berlin, Zürich, Graz, Wien, Bamberg diskutieren – was Winkels in seinem Eingangsstatement ein "auch mediengeschichtliches Experiment" nannte. Die ersten Probeschaltungen klappten jedenfalls am Mittwochabend gut. 3sat überträgt wie jedes Jahr die Lesungen und Diskussionen sowie die Preisverleihung live, der Bewerb wird auch im Internet gestreamt. Der Bachmann-Preis, den im Vorjahr die Salzburgerin Birgit Birnbacher gewann, ist mit 25.000 Euro dotiert.

"Dürfen Schwarze Blumen Malen?" nannte Sharon Dodua Otoo, 1972 in London geboren und in Berlin lebend, ihr Rede, die mit neun Zeichnungen der Autorin versehen als Büchlein in der Edition Meerauge erscheint. Die britische Aktivistin und Autorin erzählte anfangs von ärgerliche Erfahrungen mit Lektoren, die sie korrigierten. "'Lehrer*innen' hat nicht die gleiche Bedeutung wie 'Lehrerinnen und Lehrer', 'Fremdenfeindlichkeit' schreibe ich nicht, wenn ich 'Rassismus' meine, und 'schwarz' ist nicht gleich 'Schwarz'." Als politischer Begriff schreibt Otoo Schwarz mit großem S: "Die Verwendung der Großbuchstaben am Anfang des Wortes kann zeigen, dass wir der Community angehören oder, wenn dem nicht so ist, dass wir uns mit der Bewegung solidarisieren."

Dodua Otoo in Eröffnungsrede für Erweiterung des Horizonts

Sie verwies in ihre Rede nicht auf die aktuelle Debatte rund um den durch US-Polizisten herbeigeführten Tod des Afroamerikaners George Floyd, aber auf die vor allem in Deutschland geführte Debatte um den kamerunischen Historiker und Philosophen Achille Mbembe, dem Antisemitismus und Holocaustrelativierung vorgeworfen werden.

"Ich möchte mit meinem Schreiben auf gesellschaftliche Missstände hinweisen. Dafür brauche ich Verbündete. Erst durch die Rezeption wird mein Wunsch zum Programm. Somit schreibe ich in der Tradition von Geoffrey Chaucer und Charles Dickens, von Bertolt Brecht und Heinrich Böll. Ich komme vielleicht nicht von Homer, aber ich schreibe im warmen Schatten des nigerianischen Autors Chinua Achebe, der unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde und der einst sagte: 'Writers are not only writers, they are also citizens ... serious and good art has always existed to help, to serve humanity.'"

Neben anderen Schwarzen Autorinnen und Autoren zitierte sie auch Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison: "I'm writing for Black people... I don't have to apologise." Und Sharon Dodua Otoo weiter:

"Wir Schwarzen Menschen können uns in unserer Diversität begreifen und die Bürde der Repräsentation wird leichter. Außerdem wird die deutschsprachige Literaturlandschaft daran wachsen, davon lernen, und wenn sie sich traut, wird sie ihren Horizont erweitern. So oder so schreiben wir Menschen der afrikanischen Diaspora weiter – denn es gibt unendlich viel zu erzählen. Also kommen wir endlich zum Thema des heutigen Abends. Verehrtes Publikum: 'Dürfen Schwarze Blumen Malen?' Ja. Je mehr, desto besser." (APA)


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