5. Jahrestag der Amokfahrt in Graz: Klinik blickt auf dramatische Tage zurück

Vor fünf Jahren raste ein 26-Jähriger mit einem SUV durch die Grazer Innenstadt und tötete dabei drei Menschen und verletzte 36 schwer. Das Klinikpersonal kämpfte tagelang um das Leben der Schwerverletzten. Manche begleiten die Folgen bis heute.

Ein Lichtermeer am Montag, 22. Juni 2015, in Graz.
© ERWIN SCHERIAU

Graz – Nach der Amokfahrt in Graz befanden sich etliche der 36 in der Grazer Innenstadt niedergefahrenen Menschen - darunter auch zwei Kinder - tagelang in einem kritischen Zustand. Am Grazer LKH-Universitätsklinikum wurde um das Leben der Schwerstverletzten gekämpft. Die entsprechenden Ärzte und Ärztinnen und Mitarbeiter aus dem Pflegebereich waren innerhalb kürzester Zeit einsatzbereit.

"Es war ein schöner Junitag, ich war diensthabender Oberarzt in der Notaufnahme der Unfallchirurgie, der Vormittag war normal angelaufen und dann sieht plötzlich alles ganz anders aus", schaute Paul Puchwein, Leiter der Sektion Trauma und Polytrauma am Klinikum Graz im Gespräch mit der APA auf den 20. Juni 2015 zurück: Von der Rettungsleitstelle wurde ein "Großschadensfall" gemeldet.

📽 Video | Fünf Jahre Amokfahrt: Als Graz erstarrte

Realität stellt Notfallpläne auf die Probe

Für derartige Situationen gibt es in jedem Spital Notfallpläne. "Die Realität stellt sich dann aber immer ganz speziell dar. Theoretisches Grundwissen und Erfahrung sind die Grundpfeiler, aber es gehört auch Kreativität dazu, diese auf die Situation umzulegen und die Leute müssen kooperieren. Die Kooperationsbereitschaft war extrem hoch", resümierte Puchwein.

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Zu Beginn habe es, was das Ausmaß anbelangt, viele Fragezeichen gegeben: "Wir mussten mit 30 bis 50 Patienten rechnen und die Vorlaufzeit war so gut wie nicht vorhanden, denn die Innenstadt liegt ja räumlich sehr nahe", erzählte der Unfallchirurg und erfahrene Notfallmediziner. Es galt - ausgehend von zwei vorhandenen Schockräumen – innerhalb von zehn bis 15 Minuten so viele Räume wie möglich in Schockräume umzufunktionieren. "Wir haben bis zu acht hochgefahren", sagte Puchwein.

Als überregionales, sogenanntes tertiäres Traumazentrum wurden die Schwerstverletzten auf die Unfallchirurgie des LKH-Uniklinikums zugewiesen. Puchwein selbst hat an Ort und Stelle auch die Ersteinschätzung übernommen. Weitere Verletzte wurden in andere Grazer Spitäler gebracht bzw. auch nach Klagenfurt und Oberwart geflogen. "Die Verteilung verhindert, dass einzelne Spitäler überrannt werden", erklärte der Mediziner.

Kursteilnehmer konnten kurzfristig aushelfen

Bei der Ausstattung, OP-Tools bis hin zur Blutbank, habe es keine Engpässe gegeben. Heikel war, dass es ein Samstag war, an dem die Dienstmannschaft beschränkter als wochentags ist, erzählte der Unfallchirurg. "Dann hatten wir aber wiederum Glück, weil zur selben Zeit ein Anästhesiekurs stattgefunden hat, dessen Teilnehmer sofort akquiriert werden konnten", wie Puchwein erzählte. Das weitere Personal sei über das automatisierte Telefonprogramm verständigt worden. "Die Mannschaft hat sich schnell verdreifacht. Personell hat es dann mit der üblichen Vorlaufzeit gut geklappt, am Abend haben wir die meisten personellen Ressourcen wieder freigegeben, denn ein Spital muss ja auch in so einem Fall weiter einsatzfähig bleiben", führte der medizinische Einsatzleiter der Erstaufnahmestelle weiter aus.

Christa Tax, Pflegedirektorin am LKH Graz, hat von der Amokfahrt während einer Autofahrt am Weg in die Oststeiermark erfahren: "Wenn ich heute an der Stelle vorbeifahre, erinnere ich mich jedes Mal an die erste telefonische Nachricht und die bangen 20 bis 25 Minuten die vergingen, um mir dann in der chirurgischen Notaufnahme selbst ein Bild machen zu können", schilderte sie gegenüber der APA. Trotz Hektik sei dort alles "absolut geordnet" abgelaufen.

Die "hohe Einsatzbereitschaft, Disziplin und Kreativität der Mitarbeiter" habe sie beeindruckt. Mitarbeiter wurden laut Notfallplan telefonisch in den Einsatz gerufen. Viele waren privat in der Stadt, haben mitgeholfen und sind dann gleich mit den Verletzten ins Spital gefahren, andere haben Fahrgemeinschaften gebildet, um so rasch wie möglich zu kommen, jene Mitarbeiter, die gerade Dienstschluss hatten sind geblieben, so dass die Situation rasch personell gut handhabbar wurde", blickte Tax zurück. "Wir haben Katastrophenübungen, es gibt klare Vorgaben, unsere Teams sind immer wieder gefordert, aber wie sehr sich damals jeder mit seinen Fähigkeiten eingesetzt hat, das hat mich auch tief berührt. Man hat ein Grundvertrauen in seine Mitarbeiter, doch zu sehen, dass man sich auf jeden Einzelnen verlassen kann, das macht einen auch dankbar", resümierte die Pflegedirektorin.

Lehren von 2015 helfen bei künftiger Planung

Schnell sei klar geworden, dass Personal für die wartenden Angehörigen notwendig ist: Die Räumlichkeiten waren aufgrund der Wochenendsituation in der Ambulanz glücklicherweise vorhanden. "Wir haben dann auch noch den psychologischen Dienst herbeigeholt damit die Situation nicht eskaliert." Auch für Puchwein habe sich in den ersten Stunden der Ungewissheit gezeigt, wie wichtig die Betreuung der Angehörigen ist. "Das spielt jetzt bei der Planung der neuen zentralen Notaufnahme eine Rolle."

Rund eine Woche nach der Amokfahrt, bei der insgesamt drei Menschen getötet und 36 weitere Personen verletzt wurden, befanden sich noch immer rund 20 Opfer in den Spitälern, bei zwei Schwerverletzten am LKH Graz war der Zustand weiterhin kritisch. "Einige der Patienten begleiten wir jetzt noch, weil Folgen der Verletzungen blieben. Wir versuchen das bestmögliche herauszuholen", sagte Puchwein. (APA)

Der Täter muss lebenslang in Haft.
© ERWIN SCHERIAU/APA-POOL

Amokfahrt in Graz

Vor genau fünf Jahren, am 20. Juni 2015, kurz nach Mittag raste Alen R. mit seinem Geländewagen durch die Grazer Innenstadt und fuhr drei Menschen zu Tode und verletzte Dutzende weitere Fußgänger und Radfahrer teils sehr schwer. Heute sitzt der 31-Jährige im Gefängnis. Ein Geschworenengericht hatte ihn im Herbst 2016 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Hunderte Rettungs- und Polizeikräfte waren an jenem sonnigen Samstag stundenlang im Einsatz und versorgten nach der Amokfahrt die Verletzten. Mehrere Fußgänger überlebten knapp, konnten sich nur durch Flucht in Häusernischen oder in Geschäfte in buchstäblich letzter Sekunde retten. Die Identität eines Todesopfers, der Frau vor der Stadtpfarrkirche, blieb wochenlang ungeklärt. Unter den Toten war auch ein vierjähriger Bub. Mehr als 100 Menschen waren betroffen – viele von ihnen wurden zwar nicht verletzt, dies aber nur, weil sie ausweichen und zur Seite springen konnten.

Nach seiner Fahrt durch die Herrengasse lenkte Alen R. seinen Geländewagen über den Hauptplatz – wo gerade eine große Veranstaltung stattgefunden hatte – in die Schmiedgasse, wo er gegen 12.21 Uhr seinen Geländewagen vor der dortigen Polizeiinspektion stoppte. Zwei Polizisten holten den Mann mit gezogenen Pistolen aus dem Wagen. Ab September 2016 musste er sich für seine nur wenige Minuten andauernde Amokfahrt vor Gericht verantworten. Es entbrannte eine Kontroverse um seine Zurechnungsfähigkeit. Die Geschworenen befanden ihn für schuldig. Er wurde in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingeliefert.

Noch am Abend der Amokfahrt waren bei einem Gedenkgottesdienst in der Grazer Stadtpfarrkirche, vor deren Eingang Alen R. ebenfalls vorbeigerast war, rund 500 Trauergäste. Danach kamen Tausende Menschen bei Dunkelheit in die Herrengasse und entzündeten ein "Kerzenmeer". Gut eine Woche nach der Tat wurde ein Trauermarsch abermals mit Tausenden Teilnehmern und angeführt vom damaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer unter strengen Sicherheitsvorkehrungen abgehalten.

Im Gedenken an die Opfer feiert der Grazer Stadtpfarrpropst Christian Leibnitz heute, Samstag, in der Grazer Stadtpfarrkirche in der Herrengasse um 18.15 Uhr eine öffentliche Messe.


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