Karstadt Kaufhof schließt auch zwei Drittel von Karstadt Sports

Die angeschlagene deutsche Warenhauskette hatte am Vortag die Schließung von 62 seiner 172 Häuser angekündigt. Galeria Karstadt Kaufhof gehört der Signa Holding des Tiroler Immobilieninvestors Rene Benko.

Das Karstadt-Hauptquartier in Essen.
© INA FASSBENDER

Essen – Leere in der City und Frust bei den Beschäftigten: Das geplante Aus von Dutzenden Filialen der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) sowie 20 Standorten der Tochter Karstadt Sports schürt in vielen deutschen Kommunen die Angst vor verödeten Innenstädten. Mitarbeiter sprachen von einer "schrecklichen Entscheidung".

Die deutsche Gewerkschaft Verdi hofft aber weiter, doch noch die Schließung einiger Niederlassungen verhindern zu können.

Die deutsche Einzelhandelskette Galeria Karstadt Kaufhof gehört zur österreichischen Signa Holding rund um den Tiroler Immobilieninvestor Rene Benko. Dieser hat bei dem Konzern seit Juni 2019 das alleinige Sagen.

Derzeit noch 28.000 Beschäftigte

Zunächst hatte GKK angekündigt, 62 seiner 172 Häuser zu schließen. Nach Angaben des Gesamtbetriebsrates werden dadurch insgesamt 5.317 Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren. Der Konzern hat derzeit noch 28.000 Beschäftigte. Ursprünglich hatte die Geschäftsführung sogar bis zu 80 Geschäfte dichtmachen wollen. Am Samstag wurde dann bekannt, dass auch 20 der 30 Niederlassungen der Tochter Karstadt Sports schließen sollen.

Welche Filialen das sind, war zunächst nicht bekannt. Nach Informationen des "Kölner Stadt-Anzeigers" sollen unter anderem die Standorte in Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Hamburg und München sowie die Hauptverwaltung von Karstadt Sports in Essen geschlossen werden. Insgesamt seien 700 Arbeitsplätze betroffen, Verdi sprach von "bis zu zwei Drittel der rund 1.200 Beschäftigten".

Die Geschäftsführung von Galeria Karstadt Kaufhof hatte die Maßnahmen am Freitag als unvermeidlich bezeichnet. "Wir wissen, was dies für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet. Aber dieser Schritt ist ohne Alternative, weil diese Filialen den Gesamtbestand des Unternehmens gefährden", sagte der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz.

40 Millionen Euro geboten, aber abgelehnt

An Karstadt Sports hatte Ende Mai die private Loitz Stiftung aus Essen Interesse bekundet. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bot die Loitz Stiftung 40 Mio. Euro, das Angebot sei aber ohne Angabe von Gründen abgelehnt worden. Sachwalter Frank Kebekus und das Karstadt-Management müssen nun bis Ende Juni dem Amtsgericht Essen ihren Sanierungsplan vorlegen.

Galeria Karstadt Kaufhof war durch die pandemiebedingte Schließung aller Filialen deutschlandweit in eine schwere Krise geraten und hatte Anfang April Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen müssen. Das Unternehmen rechnet aufgrund der Pandemie und den dadurch ausgelösten Konjunkturabschwung bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Mrd. Euro.

Angesichts der angekündigten Filialschließungen warnen Kommunen und Politik vor einem Aussterben der Innenstädte. "Das ist ein Tiefschlag für den Standort, und auch für unsere Innenstadt würde das einen großen Einschnitt bedeuten", hatte der Oberbürgermeister des Karstadt-Stammsitzes Essen, Thomas Kufen (CDU), in einer ersten Reaktion am Freitag mitgeteilt. Der Hauptgeschäftsführer des Städte-und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, forderte Kommunen, Unternehmen, Handel und Vermieter zu gemeinsamen Anstrengungen auf, auch um weitere Schließungen zu verhindern. Der "Passauer Neuen Presse" (Samstag) sagte Landsberg, eine zentrale Rolle komme den Immobilieneigentümern zu.

Center-Manager ECE will für Standorte kämpfen

Der Center-Manager ECE als einer der großen Vermieter kündigte weitere Gespräche an. "Solange noch nichts endgültig entschieden ist, wollen wir versuchen, weiter mit Karstadt Kaufhof zu verhandeln und für die Standorte zu kämpfen", sagte Steffen Eric Friedlein, Geschäftsführer Vermietung der ECE, am Samstag in Hamburg. 12 der 172 Standorte des Konzerns befinden sich - oftmals schon seit Jahrzehnten - in verschiedenen von der ECE betriebenen Shopping-Centern und seien zu einem großen Teil von den Schließungsplänen betroffen.

Die Grünen forderten, die deutsche Bundesregierung müsse "Kauf-vor-Ort"-Gutscheine einführen, um den stationären Einzelhandel sowie örtliche Dienstleistungen und Gastronomie zu unterstützen. "Innenstädte und Ortskerne dürfen nicht aussterben. Die Bundesregierung muss deshalb die Überbrückungshilfen dringend über August hinaus verlängern", sagte die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Deutschen Bundestag, Katharina Dröge.

Die Gewerkschaft Verdi betonte, es müsse nun darum gehen, alle Möglichkeiten, Chancen und Wege auszuschöpfen, um so viel Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. Als Erfolg verbuchte Verdi, dass die Gewerkschaft für Karstadt Sports einen Tarifvertrag verhandelte. Dieser sehe unter anderem die Angleichung an das Tarifniveau von Galeria Karstadt Kaufhof in zwei Schritten bis zum 1. Jänner 2022 vor sowie eine Standort- und Beschäftigungssicherung für die verbleibenden Häuser.

"Konkret bedeutet dies für die von Arbeitsplatzverlust betroffenen Beschäftigten eine Anhebung des Gehalts auf das Niveau der Flächentarifverträge des Einzelhandels", betonte Verdi. Das kann spürbare Folgen für die Mitarbeiter haben, denn daraus berechnet sich später die Höhe des Arbeitslosengelds.

Galeria Karstadt Kaufhof steht stellvertretend für andere Händler

Landsberg sagte der "Passauer Neuen Presse", Galeria Karstadt Kaufhof stehe stellvertretend für die Krise vieler stationärer Händler, die durch die Corona-Pandemie verschärft worden sei. "Nach Schätzungen von Handelsexperten stehen 50.000 Einzelhändler vor der Pleite."

Im Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Samstag) betonte er, die Pandemie biete aber auch eine Chance: "Es muss uns gelingen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln - zum Beispiel Gemeinschaftskonzepte zwischen Handel, Gastronomie, Kultur, aber auch Büronutzungen." Das Wohnen in Innenstädten könne attraktiver werden, zumal wegen des Trends zum Home-Office weniger Büroräume gebraucht würden. Dem Vernehmen nach planen mehrere Kommunen - unter anderem Berlin - Runde Tische mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften, um Zukunftskonzepte zu entwickeln. (APA/dpa)


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